Full text: Hessenland (11.1897)

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Schwester zugeworfen hatte, als Helenens Shlips- 
fabrikativn erwähnt wurde, aber ritterlich schwieg. 
Helene verstand und wurde dunkelroth. 
„Vorwitziger Junge, warte mal, bis andere auch 
ausgetrnnken haben!" rief Mariecheu, ärgerlich über 
die Unterbrechung, schenkte aber doch den Rest 
der Kanne in Franzens Taffe und winkte Helene, 
eine neue Auflage des vielbegehrten Trankes zu 
besorgeil. 
Willfährig, aber weniger heiter als vorhin, 
eilte Helene, den Auftrag auszurichten, eine 
plötzliche Verstimmung Anton's lag schwer auf 
ihrem Gemüthe. 
Ja, Aliton war um alle feine Heiterkeit ge- 
kvnlmen! Froh gehegte Hoffnungell waren ver 
nichtet, trübe schaute er in die Zukunft. Trotz 
aller Hochachtung vor der lieben Mutter Geschick 
lichkeit lllld Hallöfrallentugend hatte er doch itt 
feinen ZnUinftsträumereien die Erwählte feines 
Herzens, das eigne Heim mit folcheiil Schimurer 
voll Poesie und „Rosenwölkchen" unlgebeil, daß 
der Gedanke an die vielgerühmten praktischen 
Seiten Helenens uild nun gar au ihre ganz 
besondere Tugend, Kravatten anzufertigen, jene 
idealen Bilder ihn wie tu grauen Nebel hüllten. 
Dazil erfüllte' den armen Referendar ein grenzen 
loses Unbehagen, indem er bei jeder Kopf- 
bewegllllg einen illkorrekten Sitz feiner Halsbinde 
ernpfalld und fortwährend darail zurecht rücken 
lnnßte. 
Die Ghmilasiasten hattell eine Extratour 
llach der Löwenburg vorgeschlagen; Frau Röder 
lllld Mariechen rietheil eifrig zu, wallten aber 
selbst llicht Theil ilehmen, lieber beit schön eil Platz 
besetzt halteil; Helene stinnnte, etwas befangen, 
Ailtvn lilit steifer Förlillichkeit bei. — Alan 
brach also ans zur Löwenbnrg. 
Jln Walde angelangt, stürmten die Zungen' 
Gymilasiasten den schmalell, steil aufwärts füh 
renden Pfad hinan, das Pärchen aber wandelte 
langsam den Schlangenweg, beut Ziele entgegen. 
Hin und/wieder bückte sich das junge Mädchen 
nach einer Blume; der schweigsame Kavalier 
that desgleichenkletterte auch zwischen dem 
Steillgeröll am Abhang umher und Pichte fein- 
gefiedertes Farnkraut für feine Dame. Schüchtern 
dankend fügte Helenchen die Spende ihrem Strauße 
bei, aber es. fehlte nicht viel, so rollten Thrünen- 
perschen gleich Thautrvpfen auf die bunte Blumen 
pracht. 
Es stand bei Helene fest, daß die furchtbar 
prosaische Unterhaltung der Schwester den hoch- 
poetischen Alitvll verstimult hatte, ach, wohl gar 
das Aufzählen voll HeleNchens wirthschaftlichem 
Können fein Herz ihr abgewandt habe. Noch 
auf dem letzten Balle, ihrem ersten, hatte Anton 
so wunderschön darüber geredet wie das llüchtern 
Alltägliche, dem die Frauen so große Wichtigkeit 
beimesfen, wie kalter Nebel auf der Psyche zarte 
Flügel sänke, daß sie sich nicht zu höheren Geistes 
regionen aufschwingen könne. Dann hatte der 
Referendar nach ihren Lieblingsdichtern und 
Studiert gefragt und sie ermahnt, sich öfter in 
der Dichtkunst heiligem Haine zu ergeheil. Noch 
klang in ihr nach des vaterländischen, des hes 
sischen Dichters wunderschöner Sang, den Röder 
so schwungvoll vortragen konnte: 
Rauschet, meiner Harfen Klänge, 
Rauschet wie Triumphgesänge 
Meiner Lieder schönstes Lied; 
Kühn wie zu des Himmels Bogen 
Sturmbewegt die Welle flieht, 
Schlage deine großen Wogen, 
Jubelharmonienmeer, 
Unaufhaltsam um mich her!!! 
„O, Mariechen, Du hast mich irur beschämen 
wollen", dachte Helene, „darum erzähltest Du von 
lneiilem hüuslicheil Können, dessen Mangelhaftig- 
keit Du mir ja oft vorhalten mußt, welchen 
Schmerz Du mir aber zugefügt hast, das ahnst 
Du Gute nicht!" O, wie unglücklich fühlte sich 
Helene! 
Den trüben Gedanken zum Trotz wurde das 
Sträußchen Helenens unter ihren ordllenden 
Händen iminer schöner. 
„Sie sind ja die reine Kuilstgärtnerill Fräu 
lein Helene," brach endlich Anton das Schweigen, 
„Sie können aber auch wirklich alles!" fügte er 
(wie es dem armen Helenchen schien) spöttisch 
hinzu. 
Nun aber konnte sie die Thrünell nicht mehr 
zurückhalten. „Wie ullrecht, mich zu verspotten", 
schluchzte sie, „wäre ich nur, wie Mariechen mich 
darstellt, wäre ich nur so geschickt! Ich verstehe 
ja Mariechen, ich soll mich nur schämen, daß 
ich noch so unvollkommen bin!" 
„Ist das wahr?" rief in freudiger Erregung 
Anton. „Dann können Sie wohl gar keine 
Shlipse machen?" 
„Ach, ich kann es wohl, aber die Brüder weigeril 
sich standhaft die ,Dinger' zu tragen, uild ich 
nehme es ihnen gar nicht übel!!" — 
Der Heimweg wurde so schön, wie ihn Anton 
sich geträumt hatte. Silberlicht zitterte durch 
die hoheil Bäume der Allee, GrilleNzirpen tönte 
von den Wiesen, ans^ den wogenden Kornfeldern 
herüber, sonst war's'still, heilig stille ringsumher. 
Umfangen von dein Zauber der milden Sommer 
nacht wandelte fast schweigsam die kleine Gesell 
schaft der Stadt zu, deren Lichter traulich winkend 
ihnen entgegen blinkten. —
	        

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