Full text: Hessenland (11.1897)

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nicht sähen, hier draußen aber that es der männlichen 
Ehre weiter keinen Abbruch, da trug man auch 
einmal ein Körbchen. — Seelenvergnügt wanderte 
die kleine Gesellschaft setzt ihrem Ziele, der schönen 
Wilhelmshöhe, entgegen. Heldenmüthig hatte 
Anton sein Unbehagen überwunden und Trost 
gefunden im Gedanken: daß kommen mußte 
der Tag, da er als wohlbestallter Assessor 400 
preußische Thaler Gehalt haben werde, daß ein 
eigner Herd, mithin völlige Selbstständigkeit, 
ihm herrlich erblühen werde und kein lächelnder 
Hohn seiner Mitmenscheil je ihn wieder treffen 
könnte!! 
Diese wundersame Zukunftsperspektive öffnete 
nun auch unserm Anton den Blick für die un 
vergleichliche Schönheit der Umgebung, soweit 
das Auge nur schweifen konnte. Am liebsten 
hätte er jetzt sein Notizbuch hervorgeholt, um in 
schwungvollen Versen schwarz auf weiß sein über 
schwängliches Fühlen zu bannen. 
Droben auf der Hohe, wo die üeiueit weißen 
Häuschen stehen, wo grüne Matten sich breiten, 
rauschende Buchen Schatten spenden, ließ sich die 
kleine Gesellschaft nieder, nachdem Tische und 
Stühle herbeigeschafft waren. Die jungen Herren 
holten Tassen, Teller, Zucker und Milch ails dem 
nüchstell Häuschen, Mariechen thürmte einen 
Schlaraffenberg von Kringeln imb Zwiebäcken 
auf, während Helene in des Hauses kleiner Küche 
in riesengroßer Kanne den Kaffee von mit 
gebrachten Bohnen bereitete. 
„Kann es etwas Schöneres geben, liebe 
Kinder/' sagte so recht ans tiefem Herzen Frau 
Roder, „als dieses Plätzchen hier oben unter 
der Buche, zu unsern Füßen das Thal, in dem 
die Perle aller Städte, unser schönes Kassel, 
friedlich sich ausbreitet?" 
„Gewiß, Frau Oberappellationsrath," pflichtete 
Fräulein Marie bei, „die Schönheit hier oben läßt 
fast vergessen, daß ein solcher Ausflug am Wochentage 
für ein Hausfrnuengemüth immer etwas Unbehagen 
mit sich führt. Ihre liebenswürdige Aufforderung, 
Frau Oberappellationsrath, war aber zu ver 
lockend ! Die Jungen haben zudein heute frei, 
uud der Vater gab die Einwilligung; nun sind 
wir hier und wollen auch recht von Herzen des 
schönen Tages uns freuen". 
Keiner ahnte, mit welchem Geschick und diplo 
matischen Kniffen Mariechen des Vaters Erlaubniß, 
der ein bischen „eigen" war, errungen hatte. Eine Ge 
legenheit, mit Frau Oberappellationsrath zusammen 
zu kommen, ließ sich Mariechen nicht leicht entgehen. 
Die viel ältere Stiefschwester ersetzte den drei 
jüngeren Geschwistern, seit der Mutter Tode, die 
liebevollste Pflegerin und Erzieherin. Helene 
war der ältern Schwester Augapfel, und ,;u gerne 
ließ Mariechen, wenn irgend möglich, ein Loblied 
ans Heleuchens wirthschaftliches Können tu die 
Unterhaltung mit Frau Roder einfließen. Die 
gute Schwester wünschte, daß diese vortreffliche 
Hausfrau das etwas schwärmerisch-poetisch ver 
anlagte Leuchen ja nicht für untüchtig im Kochen, 
Nähen und dergleichen ansehen sollte. Noch 
war ja die Kleine nicht vollkommen und mußte 
uotf) gut zurecht gewiesen werden, aber Andere 
konnten immerhin Helene für vollkommen halten, 
sie würde es selbstverständlich werden. 
Eben kam „das Kind" mit der umfangreicheil 
Kaffeekanne au den Tisch heran und begann den 
heißen Trank in die Tassen zu füllen. Nach 
einem kleinen Schluck von dem duftenden Kaffee 
meinte Frau Roder, etwas so Ausgezeichnetes habe 
sie lange nicht getrunken! „Ans Kaffeekochen, 
liebes Helenchen, kannst Du Dir eine Prämie 
geben lassen; und wie klar er ist, kein Spürchen 
Satz!" 
„Ja," ergriff eifrig Mariechen das Wort, 
„Helene hat entschiedenes Talent zu allem, was 
die Küche angeht!" 
Die also Gelobte sah ein wenig scheu nach 
der Schwester hin, die Worte stimmten nicht 
ganz mit der Rüge überein, die heute Morgen 
voll Mariechens Lippen geflossen war. 
„Jetzt, da die Bücher etwas bei Seite ge 
schoben sind," redete Marie lebhaft weiter, „werde 
ich Helenchen auch mehr mit beit Einkäufen be 
trauen , ihr praktischer Sinn . . ." 
Fröhliches Lachen und Plaudern der Jugend 
übertönte etwas die Lobliedchen, die ja auch nur 
für die Frau Oberappellativnsrath bestimmt waren. 
Die gute Frau horte iuteressirt aus die Unter 
haltung der wirthschaftlichen Marie, trank dabei 
Täßchen auf Täßchen des vorzüglichen Kaffees 
tlud schaute mit heiterem Auge in die unver 
gleichliche Landschaft. 
„Die Kravatten im Hause machen, ja, da 
haben sie Recht, Frau Oberappellntionsräthin," 
klang Mariechens bedächtige Art zu sprechen in 
einer kleinen Panse der „geistreichen Witze", mit 
denen die Gymnasiasten anerkennendes Lachen 
erzielten, „das erspart manchen Silbergroschen. 
Helenchen weiß aus jedem .Läppchen ein Tüchelchen 
zu machen', wie man zu sagen pflegt; in diesem 
Falle muß es heißen: aus jedem Bündchen ein 
Shlipschen. Beim Stärken der Faltenhemden, 
was ich vorhin noch erwähnen wollte, kann ich 
mich darauf verlassen, daß Helenchen . . . ." 
„Mariechen laß das ,Stärken' sein und schenke 
mir mal Kaffee ein", deklannrte Franz Lamprecht, 
der einen gar höhnischen Blick seiner jüngeren
	        

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