Full text: Hessenland (11.1897)

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führende Strnße zu erreichen, wohin dann der Rück 
zug des Corps ebenfalls angetreten werden füllte. 
Das war die Sachlage, wie sie sich aus den 
Mittheilungen des Premierlentenants N. sowie 
aus eignen Erwägungen darstellte. 
Als Führer des ersten Zuges war jetzt mein 
Platz an der Spitze der Batterie. Alles, was 
voll der Richtung von -Fulda kam, mußte dort 
vorbei. Allmählich fanden sich sämmtliche Offi 
ziere der Batterie dort ein, und wenn jemand 
auf der Straße herankam, von dem man einiges 
Verständniß der Verhältnisse erwarten konnte, 
wurde er gestellt, uitb wir fragten ihn aus. 
Es mochte 9 Uhr vorüber fein, als der Pre 
mierlieutenant Prinz Karl von Hanau, der 
vierte Sohn des Kurfürsten, angesprengt kam. 
Dieser, der beim Leibgarderegiment stand, aber 
zur Dienstleistung beim Generalstabe kommandirt 
war, meldete unserem Hauptmann, er sei beauf 
tragt, die Batterie in eine für sie ausgewählte 
Stellung zll führen. 
Sofort erfolgte da8 Kommando: „An die 
Pferde! Aufgesessen!" und gleich darauf das 
weitere: „Lunten an!" Das war ein aus der 
Zeit, wo die Kanonen »tud» mit Lunten abgefeuert 
wurden, überkommenes, aber bei uns noch übliches 
Kommando zum Schnßfertigmachen des Geschützes, 
d. h. dieses wurde in einen Zustand gebracht, der 
erlaubte, es, wenn nöthig, sofort laden und ab 
feuern zu können, wozu ja in früherer Zeit auch 
das Anzünden der Lunten gehörte. Dies fiel 
natürlich jetzt fort, und auf das erwähnte Kom 
mando geschah dasselbe, was ans das sinn 
gemäßere „Umgehungen" der preußischen Vor 
schrift ausgeführt Unrb, d. h. die Znbehörstücke, 
die beim Scharfschießen entfernt werden müssen, 
wie Mundpfrvpf w., werben abgeschnallt, und die 
zur Bedienung des Geschützes erforderlichen Ge- 
räthfchaften ans der Protze entnommen und „Hin 
gehangen". Außerdem bestimmten nufere Vor 
schriften noch, daß ans dieses Kommaudo die 
beiden Kartnschtorniller für die Rrn. 2 und 6 
mit je drei Schieß gefüllt werden. 
Alan samt sich demnach wohl denken, daß das 
Kommando „Lunten an!" oder „Umgehangen!", 
wenn es zum ersten Mal im Ernstfälle ertönt, auf 
jeden Artilleristen einen tiefen Eindruck machen 
muß. Sagt es ihm doch, daß jetzt der Augeiiblick 
nahe ist, wo er das bethätigen soll, was er der 
einst bei seinem Eintritt in's Heer feierlich be 
schworen hat, der Augenblick, wo er die gelobte 
Treue nvthigenfalls mit seinem Blut und Leben 
besiegeln soll. Einen Augenblick standen die Leute 
auf das Kommando „Lunten an!" starr, dann 
aber sprangen sie lebhaft an die Geschütze, und 
niemals auf dem Exerzier- oder Schießplatz ist 
das Kommando so stink ausgeführt worden, als 
an jenem Alvrgen des 18. Juni am Süd- 
ausgange des Dorfes Rückers. 
Die Stellung, die der Generalstab für die 
Batterie ausgesucht hatte, lag am Bergabhang 
am rechten User der Hanna. Unr dahin zu ge 
langen , mußten wir durch das Dorf zurückgehe»: 
und de»» Bach durchfurten. In der Dorfstraße 
hielt der General von Schenk mit einigen Ofsi- 
zieren seines Stabes. Wir alle hatten natürlich 
den Säbel in der Seheide, dafür aber Cigarre 
oder Pfeife in» Munde. Als der Hauptina»»»» 
des Generals ansichtig rvurde, steckte er feine 
Pfeife fort und ko»;l)»»andirte „Achtung!" als 
Zeichen für die Mannschaft, Tritt z»l nehmen und, 
für die Offiziere, den Säbel zu ziehen. 
„Bitte, Herr Hanptmann! Lassen Sie Ihre 
Pfeife nicht ailsgehei», »»»eine Herren, mtb den Säbel 
stecken. Ich »vciß, daß Sie ihn scho»» zur rechten 
Zeit ziehen werden, wenn der Augenblick gek'vm- 
»nen ist", rief uns der General zu. 
Am rechten Ufer des Baches »nnßten »vir eine»» 
ziennlich steilen Weg ersteigen. Etwa auf halber 
Höhe des Bergabhangs hatte die Statur eine fast 
»ungerechte Terrasse gebildet, die bei einer Länge 
von etwa 000 Schritt wohl 100 breit »var, also 
reichliche»» Raun» für die Ausstellung einer Bat 
terie voll vier Geschützen bot. Rach Süden zu 
siel sie steil in's Thal ab, und hier »var an ihren» 
Rande von Menschenhänden ein et»va zlvei Fuß 
hoher Wall, eine förmliche Brustwehr aufgeworfen, 
ans deren Krone eine dichte, aber »lieht decke Hecke 
rvnchs. A»»s dieser Terrasse marschirten »vir auf 
und protzte»» ab. (Fortsetzung felgt.) 
•<4- 
Die Selöstgcfertigten. 
Ein harmloses Geschichtchen aus den fünfziger Jahren von Jeannette Brau»er. 
(ScMufj.) 
Jfi» den erste»» Bäumen der Allee stallden die 
^ Freu »»de schon wartend. Rach herzlicher Be 
grüßung und viele» Entschnldignngei» beluden 
sich der Referendar »mb die Gymnasiasten zunächst 
mit den Körbchen mtb Unihängen der Damen. 
Durch die Stadt ließen die jltngei» Herr»» den Ballast 
lieber voi» den Müttern, Schlvestern n. s. w. selbst 
tragen und stellten sich, als ob sie jene Lasten gar
	        

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