Full text: Hessenland (11.1897)

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wieder einrücken konnte. Am 17. Abends sam 
melte sich das Bataillon in der Stille aus dem 
Alarmplatz und ließ sin Verbindung mit der 
Bürgerwehr) starke Patrouillen in den Haupt 
straßen gehen, überall wich das Volk aus, höhnte 
aber die Bürgerwehr, „die sich von den Kurhessen 
beschützen lasse". Das Bataillon war den ganzen 
Tag in der Kaserne konsignirt, die Offiziere 
konnten aber auf alle an sie gestellten Anfragen, 
ob sie sich aus ihre Leute verlassen könnten, aus 
vollstem Herzen mit Ja antworten; es hat bei 
keiner Alarmirung auch nur ein Mann gefehlt, 
allen Anzapfungen der Bevölkerung haben die 
Soldaten festen Widerstand entgegen gesetzt. Da 
nun die Aufregung in der Stadt wuchs und es 
klar war, daß, wenn nicht Unterstützung käme, 
die kleine knrhessische Truppen-macht zur Aus 
rechthaltung der Ruhe längst nicht ausreiche, und 
da die Absicht der Aufrührer, die Eisenbahn 
zwischen Frankfurt und Mainz zu zerstören, 
laut wurde, so telegraphirte der Senat endlich nach 
Mainz um Unterstützung, es wurde die Haupt 
wache auf 8 Offiziere, 8 Unteroffiziere und 
120 Mann, die Konstablerwache auf 2 Offiziere, 
9 Unteroffiziere und 81 Mann gebracht, der 
übrige Theil des Bataillons aber (von dem eine 
Kompagnie die Nacht über die Wohnung des 
Abgeordneten Schwarzenberg am Römerberg 
hatte decken müssen) aus Befehl des Neichskriegs- 
ministeriums zur Sicherstellung der Bahnhöfe 
kvmmandirt, des damals noch auf dem linken 
Mainufer liegenden Main-Neckar-Bahnhofs, 
des Taunus- und des Hanauer Bahnhofs. 
Das Bataillon war also am 18. September, 
dein Tag des Ausbruchs der Revolution, in vier 
stärkeren und sieben schwächeren Abtheilungen im 
Weichbild der Stadt Frankfurt zerstreut, uud nur 
zwei ganz kleine Abtheilungen blieben zum Schutz 
der Kasernen zurück. Um 3 Uhr Morgens rückten 
ein österreichisches und ein preußisches Bataillon 
ein, hatten aber den ausdrücklichen Auftrag, nur 
die Paulskirchc zu schützen, und waren somit 
nicht in der Lage, die Errichtung von Barrikaden 
zu hindern. In den maßgebenden Negierungs 
kreisen herrschte vollste Verwirrung. Als dann 
Nachmittags noch drei weitere Bataillone von 
Mainz angelangt waren, ging der Höchstkomman- 
dirende, der österreichische Generalmajor Graf 
Nobili, der sich auf die Hauptwache begeben 
hatte und von hier ans unter Beistand des Oberst 
lieutenants Osterwald die Truppenbewegungen 
leitete, selbstständig zu kräftigem Handeln vor, 
wobei die ans der Konstablerwache stehende kur- 
hessische Abtheilung lebhaft gegen die benach 
barten Barrikaden mit eingriff, vor allem aber 
dem ihr ertheilten Befehl nachkam, die von 
Barrikaden umgebene Wache selbst zu halten. 
Eine Abtheilung von 32 Mann unter Lieutenant 
von LengerkeJ wurde ihr von der Haupt 
wache zur Verstärkung gesandt, konnte aber wegen 
des mehrfachen Kreuzfeuers, in das sie gerieth, 
nicht bis an ihr Ziel gelangen, sondern setzte 
sich in einem Eckhaus der Zeil und der schlim 
men Mauer fest und gab von da ein heftiges 
Feuer auf die Barrikaden; es wurden von der 
kleinen Abtheilung ein Korporal schwer und 
drei Mann leicht verwundet, wie auch die Ab 
theilung auf der Konstablerwache einige Ver 
wundete hatte. Als später noch zwei Bataillone 
Infanterie und eine Abtheilung Scharfschützen 
mit der Bahn und eine reitende Batterie 
nebst einer Schwadron Chevauxlegers aus der 
Landstraße von Darmstadt eingetroffen waren, 
gelang es, bis zum Abend den Ausstand der 
Hauptsache nach zu unterdrücken. Die Darm- 
städter hatten den Eingang in die Stadt über 
die von den Kurhessen besetzte und unter deren 
Leitung zum Uebergang für Artillerie und Reiterei 
erst tauglich gemachte noch nicht vollendete 
Mainbrücke der Main-Neckarbahn bewerkstelligt. 
Von der Konstablerwache wurden dann die ganze 
Nacht durch Patrouillen durch die Stadt geschickt, 
von denen ein Mann in der Friedberger 
Straße durch einen meuchlerischen Schuß getödtet 
wurde. Die kleinen, ganz abgeschnittenen und sich 
selbst überlassenen Thorwachen haben sich alle ge 
halten, der Wachtkommandant am Allerheilig en 
tstör ließ, als er von Volksmassen um OeffnuNg 
des Thores bestürmt wurde, die Wache verram 
meln, setzte sich in Vertheidigungszustand und 
warf den Thorschlüssel in den Abort, um nicht 
zu dessen Abgabe genöthigt werden zu können. 
Das Bataillon blieb zwei volle Tage in seiner 
Stellung, die Wachere vom 17. Nachmittags bis 
zum 19. Abends/einige bis zum 20. Morgens, 
zum Theil ohne regelmäßige Verpflegung. 
Daß die kleine kurhessische Abtheilung, noch 
dazu bei ihrer vollständigen Zerstreuung, nicht in 
der Lage war, in die Augen fallende Thateü zu 
thun, liegt auf der Hand; sie hat über geleistet, 
was von ihr verlangt, wurde und was irgend 
menschenmöglich war. Dies erkannte dann auch 
der Senat von Frankfurt an, indem er als 
Zeichen der Anerkennung und' des Tankes für 
geleistete Dienste vom 22. September an das 
Bataillon aus städtische Rechnung verpflegen ließ 
und die Offiziere in den Schwanen zNm 
h Fiel als Major im 3. hessischen Infanterieregiment 
Nr. 83 am 2. Dezember 1870 bei Artenah.
	        

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