Full text: Hessenland (11.1897)

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schenken Grundsätzen der Volkswirthschaft regierte, 
wird ihm Niemand zum Vorwurf machen könnend) 
Dann aber wird auch unser braves hes 
sisches Kriegs he er durch zwei Mittheilungen 
in ein falsches Licht gesetzt. So heißt es Seite 
275, der Kurfürst habe 181 «8 „sich nicht einmal 
ans seine Soldaten verlassen" tonnen. Der Kur 
fürst tonnte dies so vollkommen, daß sie 1818 
itub 1849 außer im Krieg gegen Dänemark, 
auch zur Dämpfung der Ansstände in Baden, 
Frankfurt und Waldeck verwendet werden konnten, 
und, so weit sie zurückgeblieben waren, immer 
noch genügten, um etwaige Ausschreitungen zu 
unterdrücken, wenn sie nur wirklich einmal ein 
schreiten dursten; allein das war ihnen in 
Hessen wie in Frankfurt häufig unmöglich, weil in 
erster Linie die Bürgerwehren zur Aufrechterhal 
tung der Ordnung verwandt werden sollten, lind 
selbst im Herbst 1850, als das gesammte Osn 
ziereorps mit verschwindenden Ausnahmen dem 
ihm aufgedrungenen Abschiedsgesuch nicht entgehen 
konnte, vermochte der Kurfürst militärisch unbedingt 
ans sein Kriegsheer zu zählen, der Kampf lag auf 
nicht militärischem, ans dem Nechtsgebiet, zu dessen 
Eroberung für die Reaktion man die Offiziere 
ans dem Boden des Strafrechts verwenden wollte, ch 
Und dann sagt der Herr Verfasser Seite 309: 
„Das ent die Stelle (nämlich des nach 
Schleswig-Holstein abkonnnandirten Frankfurter 
Linienb ata ill ons) getretene k u r h e s s i s ch e 
Bataillon benahm sich äußerst lau." 
Eine ähnliche Angabe hatte Herzog E r n st II. v o n 
S a ch s e n - K o b ti r g u n d Go t h n in seinem 
Werk: „Aus meinem Leben und aus meiner 
Zeit", . Band I, Berlin 1887, Seite 314, durch 
Abdruck eines Berichtes seines damals zu Frank 
furt weilenden Kabinetssekretärs von Meyern 
gemacht. Es betrifft das I. Bataillon des zweiten 
knrhessischen Infanterieregimentes (L a n d g r a f 
Wilhelm von H esse n), das jetzt noch im 
zweiten hessischen Infanterieregiment 
Nr. 8 2 fortlebt. Dies Bataillon hatte im 
Sommer 1848 zu Rastatt gelegen und dort den 
disziplinlosen badischen Truppen als Beispiel der 
Zucht gedient und war am 10. September 1848 
nach Frankfurt abkommandirt worden, wo es mit 
dem etwa ein halbes Bataillon starken Depot des 
Frankfurter Linienbataillons die einzige mili 
tz Vergleiche über eine Reihe der hier aufgestellten Be- 
Häuptlingen mein Buch: Pnlil, Charles und Simon Louis 
Du Rh. Stuttgart 1895. Seite 89 ff. 
") Vergl. hierüber die von mir herausgegebenen 
Bücher: „Das Abschiedsgesuch der kurhessischen Offiziere 
im Oktober 1850", Kassel 1883, und: „1810—1860. 
Zwei Menschenalter lnrhessischer Geschichte", Kassel 1892. 
tärische Besatzung bildete, während die 3 — 5000 
Mann starke Bürgerwehr bisher in aner- 
kennenswerther Weise Ruhe und Ordnung ausrecht 
erhalten hatte, allmählich aber dieser unaufhör 
lichen Arbeit müde wurde, namentlich seit sich 
die Behörde gegenüber den Sachsenhänsern äußerst 
schwach gezeigt hatte. Man glaubte allerdings 
damals in Frankfurt, unserem Bataillon nicht 
recht trauen zu dürfen, da es ans der Ilmgegend 
von Frankfurt rekrntirt und also gegen Ver 
wandte und Freunde einschreiten mußte. Wie 
unbegründet dies Mißtrauen war, hat Karl 
von Stamsord an der Hand hinterlassener 
Auszeichnungen und mündlicher Mittheilungen 
von betheiligten Offizieren in der Zeitschrift des 
Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, 
Nene Folge, Band XI V (Kassel 1889), S. 207 ff. 
so überzeugend nachgewiesen, daß Herzog Ernst 
daraufhin in den späteren Auflagen seines Werkes 
in einer Anmerkung am Schluß die Angaben von 
Mehern's richtig gestellt hat. Wie wenig aber auch 
der Vorwurf äußerster Lauheit begründet ist, erhellt 
ans N'achfolgendem, das ich Stamsord nach 
erzähle. 
Das Bataillon, 750 Mann stark, lag in zwei 
über ein Kilometer von einander entfernten 
Kasernen, drei Kompagnien in der alten Kloster 
kaserne aus dem Hirschgraben, eine in der 
Dominikanerkaserne. Es hatte täglich 12 Wachen, 
darunter 9 Thorwachen, zu besetzen und die beiden 
hauptsächlichsten davon, die Hanptwache und die 
Konstablerwache, allabendlich noch zu verstärken, 
sodaß I Offizier, 13 Unteroffiziere und 95 Mann 
täglich regelmäßig, von 6 */2 Uhr Abends bis 
Mitternacht aber noch weiter 2 Offiziere, 
3 Unteroffiziere und 46 Mann im Wacht- 
dienst standen. Daneben waren I Haupt 
mann, 2 Lieutenants und 150 Mann stets 
zu sofortigem Ausrücken waffenbereit, und 
2 Offiziere, 5 Unteroffiziere und 69 Mann hatten 
stets Bereitschaft als Brandpiket, 2 Offiziere 
hatten alle Nacht die Ronde zu gehen. Daß 
bei einer solchen Zersplitterung nichts auszurichten 
war, leuchtete dem hessischen Bataillonskommandeur 
Osterwald sofort ein, er beantragte daher, die 
Thorwachen der Bürgerwehr zu übergeben, mili 
tärisch aber — und zwar stark — nur die Haupt 
wache und die Kvnstablerwache zu besetzen, der 
ihm Vorgesetzte (Frankfurter) Stadtkommandant 
lehnte dies aber ab. Am 16. September Abends 
10 Uhr, wurde ans Anordnung des ersten 
Bürgermeisters für das Bataillon Generalmarsch 
geschlagen, und es säuberte unter Trommelschlag 
alle von drohenden Menschenansammlungen ge 
fährdeten Straßen, sodaß es nach Mitternacht
	        

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