Full text: Hessenland (11.1897)

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der Herstellung der Kriegtzchargirung war erst 
vonKurzem begonnen worden. Der Vorrath wäre 
dadurch auf etwa 60 für jedes Gewehr gesteigert 
worden, aber sie waren eben im Augenblick noch 
nicht zur Stelle, und überdies sind auch 60 
Patronen pro Gewehr zur' Durchführung eines 
Gefechts mit einer Schnellfeuerwaffe nicht aus 
reichend. 
Mit unsrer Protzmunition von 30 Schuß für 
jedes Geschütz waren wir auch knapp genug aus 
gerüstet, indessen doch verhültnißmäßig besser dran, 
als die Infanterie, wobei indessen nicht vergessen 
werden darf, daß drei unsrer Batterien glatte 
Geschütze führten, die in einem Kampfe mit 
gezogenen sehr bald vernichtet worden wären. 
Vorgreifend will ich gleich hier anführen, was 
ich später in Betreff dieser Verhältnisse in Er 
fahrung 'gebracht habe. 
Das Jäger- und das Schützenbataillon hatten 
sämmtliche Zündnadelbüchsen bezw. Zündnadel 
füsiliergewehre mitgenommen, sodaß ihr Bedarf 
für die Kriegsstärke vollkommen gedeckt war. 
Auch für die Infanterie waren mehr als für 
„die präsente Dienststärke" fortgeschafft worden, 
immerhin aber waren 1200 Zündnadelinfanterie 
gewehre im Zeughause zu Kassel zurückgeblieben, 
sodaß für jedes der acht Bataillone 150 fehlten. 
Außer bcu Zündnadelgewehren war aber auch 
noch eine ziemliche Anzahl von Miniögewehren 
gerettet worden, die die Truppen noch in Händen 
gehabt hatten. 
Air Artilleriematerial waren irr Sicherheit ge 
bracht worden: 4 gezogene Sechspfünder (außer 
denen, womit die 1. gezogene Batterie ausgerüstet 
war), 6 gezogene Vierpfünder und so viel Munitions 
wagen, daß auf jedes Geschütz einer gerechnet 
werden konnte und rroch einige zur Bildung einer 
kleinen Mnrritiorrskolonne übrig blieben. Gepäck-, 
Vorrathswagen und Feldschmieden waren aber 
nur in sehr geringer Zahl vorhanden. 
An Munition für glatte Geschütze war so viel 
da, daß die Protzmunition auf die vorschrifts 
mäßige Zahl von 51 Schuß ergänzt und jeder 
Batterie noch ein gefüllter Alunitionswagen zu 
getheilt werden konnte. 
Gelang es uns jedoch, ohne Zusammenstoß mit 
dem Feinde die Gegend von Hanau zu erreichen 
und dort ungestört mobil zu machen, so wären 
natürlich zunächst sämmtliche vorhandenen gezogenen 
Geschütze verwandt worden. Der Munitions- 
vorrath für die Sechspfünder war allerdings auch 
sehr klein, während für die Vierpfünder bekanntlich 
gar nichts vorhanden war, indessen durfte man 
wohl hoffen, daß die süddeutschen Verbündeten 
hier helfend eingreifen würden. — — 
Wie erwähnt, führte die Straße im Thäte 
der Hauna aufwärts. Zur Linken . hatten wir 
meist einen dicht bewaldeten Bergabhang, der 
steil von der Straße: aufstieg, während sich zur 
Rechteil ein breiter Wieseugrund erstreckte, worin 
an den Ufern der Hauna freundliche Dörfer, 
halb zwischen Bäumen und Gebüsch versteckt, 
lagen. Die Bewohner dieser Ortschaften kamen 
meist in hellen Haufen durch die Wiesen gelaufen 
uud starrten uns verwundert an. Soldaten 
bekamen sie, abgesehen von einzelnen Urlaubern, 
selten zu sehen, und so mochte unsere Erscheinung 
ihnen um so überraschender sein, als in dieser, 
von der Eisenbahn damals noch abgelegenen 
Gegend die Nachricht von den letzten Ereignissen 
schwerlich schon verbreitet war. 
Hünfeld ist von Hersfeld ziemlich genau drei 
Meilen entfernt. Drei Meilen werden gewöhnlich 
als eiil Tagenlarsch betrachtet, und man rechnet 
darauf mit den nothwendigeil Ruhepausen sechs 
Stunden. Es war demnach fast 8 Uhr, als wir 
Rückers erreichten. 
Beim Schullehrer, bei dem der Hauptmaun 
und ich einquartiert wurden, fanden wir sehr 
freundliche Ausnahme. Die Leute hetzten uns 
vor, was das Haus bot, Wurst, Schinken, frische 
Eier und selbstgebrautes Bier, beiläufig gar kein 
übles, dem Berliner Weißbier nicht unähnliches 
Getränk. Während wir es uns gut schmecken 
ließen, brachte ein in Hünfeld zurückgelassener 
Unteroffizier den Befehl, daß wir am andern 
Morgen um 7 Uhr den Weitermarsch nach Fulda 
in derselben Ordnung antreten sollten. 
Nach erquickendem Schlafe hatten wir uns 
etwa um V* 6 Uhr erhoben und eben angefangen, 
uns anzukleiden, als plötzlich unser Alarmsignal 
im Dorfe ertönte. Gleich darauf sielen die 
Signalhörner und Trommeln der Infanterie ein 
und belehrten uns, daß etwas Besonderes vor 
gefallen sei. 
Während wir unsern Anzug rasch beendeten, 
wurde unter unsern Fenstern von einer bekannten 
Stimme der Vorname unseres Hauptmauus 
gerufen. Hinausschauend bemerkten wir unten 
den Premierlieutenant Loder 1. gezogenen Batterie 
in Begleitung eines Trompeters, desselben, der uns 
die musikalische Ueberraschung bereitet hatte. 
„Sie sind da!" rief er, als er uns erblickte. 
„Wer?" 
„Die Preußen." 
„Wo?" 
„In Fulda. Sie marschiren hierherzu, und 
es wird wohl heute noch Schlüge geben. Ich 
habe Dir den Befehl zu überbringen, mit Deiner 
Batterie auf der Straße bis vor den südlichen
	        

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