Full text: Hessenland (11.1897)

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Erinnerungen «ns den letzten Tagen eines deutschen 
Fürstenthums. 
Von einem ehemaligen kurhessischen Offizier. 
(Fortsetzung.) lNachdrncl verboten.) 
2. Aon Kersfetd nach Kamm. 
Nachdein wir etwas gefrühstückt hatten, machten 
mein Ouartiergenofie und ich uns auf den 
Weg nach unserm -Quartier. Als wir die nach 
deut Bahnhöfe führende Straße überschritten, 
fam das Schützenbataillon gerade voll dort an- 
tllarfchirt, und wir konnten daraus schließen, daß 
der Abtnarsch nunmehr bald erfolgen werde. 
Darum beschleunigten wir unsere Schritte, um 
nltS fertig zu machen. Zu Hause angekommen- 
fanden wir das Mittagessen bereit. Ob unsere 
gütigeit Wirthe von unserm so nahe bevorstehenden 
Abmarsch gehört und mit Rücksicht darauf das 
Essetl beschleunigt hatten, oder ob noch nach guter 
alter deutscher Sitte zwölf Uhr, denn später war 
es nicht, ihre gewöhnliche Tischzeit war, mag 
dahingestellt bleiben. Leider machte es das eben 
genossene, reichliche Frühstück schwierig, dem vor 
züglichen Mahle Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, 
ein Umstand, der uns dem dringenden Röthigen 
unsrer Wirthe gegenüber in eine schwierige, fast 
peinliche Lage brachte. Wir empfanden es demnach 
als eine Erleichterung, als sich in den Wortkampf 
um das zweite Stück Braten plötzlich die Töne 
der Alarmtronipete mischten. Dem alten Herrn 
wollte es gar nicht einleuchten, daß ihrem Ruse 
augenblicklich Folge geleistet und das zweite Stück 
Braten sowie der noch in Aussicht stehende Nachtisch 
von sehr verführerischen Erdbeeren im Stiche 
gelassen werden müßten. Nach herzlichen Dankes- 
worten für die freundliche Aufnahme eilten wir 
nach dem Alarmplatze, dem Markte, wo wir die 
Batterie bereits beim Anspannen trafen. Für 
mich stellte sich aber jetzt eine bisher übersehene 
Schwierigkeit heraus. Ich hatte versäumt, mit 
dem Batteriechef Rücksprache wegen einstweiligen 
Ersatzes meines erkrankten Pferdes zu nehmen. 
Infolgedessen hatte mein Bursche dieses gesattelt, 
aber ein Blick überzeugte mich, daß es unmöglich 
sei, es zu reiten. Zum Umsatteln war keine 
Zeit, und es blieb mir also nichts anderes übrig, 
als int Einverständniß mit dem Batteriechef das 
Pferd des Futtermeisters zu besteigen, der sich 
für diesen Marsch auf einen für die voraus 
zusendenden Quartiermacher requirirten Wagen 
setzte, worauf auch mein Bursche Platz fand, 
während mein Pferd hinten angebunden wurde. 
Nach dem für den Weitermarsch erlassenen Befehl 
sollte das Corps in zwei Kolonnen marschireu. 
Der aus der Garde,, dem Jügerbataillou und 
drei Batterien bestehenden Hauptkolonne war die 
Straße über Eiterfeld angewiesen, wahrend eine 
rechte Seitenkolvnne — das 1. Infanterieregiment 
und unsere Batterie — auf der im Hauna- 
thale auswärts führenden Chaussee über Neu 
kirchen und Burghaun marschirte. In H ü n f e l d 
trafen beide Kolonnen wieder zusammen und 
sollten dort und in der nächsten Umgebung enge 
Kantvnnementsquartiere beziehen, die rechte Seiteu- 
kolonne jedoch eine aus zwei Kompagnien und der 
Batterie bestehende Avantgarde bis zu dem etwa 
eine halbe Meile südlich von Hünfeld gelegenen 
Dorfe Rückers vorschieben. Das 1. Infanterie 
regiment hatte sich vor dem Hünfelder Thore ge 
sammelt, und dorthin trabte auch die Batterie. 
Als sich unser Hauptmann beim Kommandeur 
des Infanterieregiments meldete, erhielt er den 
Auftrag, einen Zug der Vorhut zuzutheilen, die 
den Marsch auf der Straße nach Neukirchen 
bereits angetreten hatte. In Abwesenheit unseres 
Premierlieutenants war ich ältester Zugführer, 
und so gebührte mir dieses Kommando. 
Nachdem ich den betreffenden Auftrag erhalteil 
hatte, führte ich meinen Zug im Trabe vor und 
meldete mich beim Kommandeur der Avantgarde, 
Major von Baumbach, der meinen beiden 
Geschützen ihren Platz hinter bem Haupttrupp 
der Vorhut anwies. 
Der Marsch bot nichts Bemerkenswerthes dar. 
Für diese Jahreszeit war es sehr kühl, und dabei 
fiel ein kalter Regen, der uils von einen! heftigen 
Südwinde gerade in's Gesicht getrieben wurde. 
Das machte die Sache recht ungemüthlich. Keille 
Zigarre wollte brennen, und selbst die Unterhaltung 
war schwierig. Dazu kam für mich noch die 
weitere Unbequemlichkeit des Reitens auf einem 
mit vollem Gepäck ausgerüsteten ungarischeil 
Bock, was für einen an die englische Pritsche 
gewöhnten Reiter keine Annehmlichkeit ist. Scholl 
nach kurzer Zeit schmerzten mich die Beine auf's 
empfindlichste, und die Sache wurde mir bald so 
peinlich, daß ich nlich sogar zu dem Wunsche 
verstieg, equus mulus wäre nicht kollerig geworden. 
Absteigen unb zu Fuße gehen mochte ich des
	        

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