Full text: Hessenland (11.1897)

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all unmittelbar aus dem Fuße folgenden traurigeit 
Pflichten gegen Gesetz und Menschen ließen sich 
nicht ganz geräuschlos erfüllen. Vollends wurde 
der Franke mißtrauisch, als der Todtenschrein 
polternd in's Haus getragen wurde, und forderte 
gereizt von Frau. Schwester und Arzt die Dffen- 
barung der Wahrheit. Me Wirkung war einfach 
fürchterlich, dev Kranke' hatte Böses geahnt, aber 
das Schlimmste wollte er nicht glauben, konnte 
er nicht fassen. 
Luise Römer wurde aus den Acker des Todes 
hinausgetragen, geleitet von einem Leichengesolge, 
wie es Trübenau selten wohl gesehen hatte, so 
zahlreich waren die Leidtragenden von Nah und 
Fern erschienen. Als dann der alte ehrwürdige 
Metropolitan am offenen Grabe mit bewegter 
Stimme die Leichenfeier einleitete, die Lieder 
tafel des Städtchens sich an dem Grabe aufstellte 
und die schöne wehmüthige Tondichtung: „Es ist 
bestimmt in Gottes Rath" anstimmte, da blieb 
kein Auge thränenleer, und selbst dem alten Ritter 
fiel — wohl unbewußt — eine Thräne in 
den Bart. 
Tie Leidtragenden warfen dann noch ihre 
letzten unheimUch polternden Grüße, Schaufeln 
voll Erde, aus den heruntergesenkten Sarg und 
verließen daraus den Friedhof, als eben gerade 
der Sechsuhrzug vorbei der Station zurasselte. 
Wenige waren ein- und nur einer ausgestiegen, 
den der Bahnhossinspektvr freundlich durch 
Händedruck begrüßte. Aber der junge Mann, 
unser Theodor Ritter, war so ernst und so 
aufgeregt und wollte offenbar rasch der Stadt 
zueilen. Indeß der Inspektor zog ihn in sein 
Bureau, und als er da erfuhr, daß Ritter wohl 
von der schweren Krankheit seiner Herzensliebe, 
aber nicht das Schlimmste schon wußte, hat er 
dem guten Bekannten so schonend wie möglich das 
Ungeheuerliche langsam — zögernd beigebracht. 
Und es war erschütternd, wie diese Schreckens 
botschaft wirkte, Nicht, daß Ritter geklagt und 
lamentirt hätte, — nein, stunnn und lautlos 
sank er geknickt und gebrochen auf einen Stuhl, 
und nach einer Stunde fand ihn der Bahn 
beamte noch gerade so niedergeschmettert und 
schmerzversunkeu vor. Aber dann, aus seinem 
Schmerze erwachend, sprang er aus und aus sein 
Kösserchen deutend sagte Ritter: „Ich komme 
zurück" und stürmte davon. 
Aus einem Nebenwege war er zuui Friedhofe 
geeilt, wo er Romberg, den alten Todtengräber, 
beschäftigt fand, auf dem frisch aufgeworfenen 
Grabhügel die vielen, vielen Zeichen trauernder 
Liebe und Theilnahme zu ordnen. Erst sah der 
alte Manu gar nicht aus von seiner Be 
schäftigung, doch als er den Angekommenen laut 
schluchzen hörte und aufschauend bemerkte, wie der 
junge Mann sich schüttelte vor Schmerz und 
Weh, da trat er aus Ritter zu, drückte ihm die 
Hand und fügte die Worte hinzu: „Armer Herr 
Kandidat, ja, Sie haben viel, sehr viel verlortm, 
denn ich weiß- daß das gute, treue Herz, das nun 
hier unten den letzten Schlaf schläft, für Sie 
geklopft und geschlagen hat bis zuletzt." 
Traurig sah Ritter auf und drückte dankbar 
des Alten Hand/ und der Alte, dem Thränen 
über das runzelige Gesicht liefen, erzählte auf 
klärend, er sei nun schon dreißig Jahre Todten 
gräber in Trübenau, aber so schwer, so sauer 
wie heute sei ihm sein trauriges Handwerk noch 
nie geworden. Die Todte wäre das Ebenbild 
ihrer Tante Lina gewesen, und da er bis zum 
Tode des alten Pastors Römer auf dem Pfarr- 
hofe von Grvßendammbach als Knecht gedient, 
so habe er die Tante jung und als Retterin der 
Familie gekannt, habe den Prokurator von früh 
aufwachsen sehen und an dessen Töchterchen 
Luise seine helle Freude gehabt. Sie sei wie 
die Tante stets freundlich zu dein alten Romberg 
gewesen, und daß er, der Greis, dieses liebe 
Fräulein schon so früh in seiner Jugendpracht 
habe da unten zur letzten Ruhe betten müssen, 
sei ihm ein schweres Stück gewesen. 
Während die beiden den Frieddof verließen, 
erwähnte Ritter, er habe nun in Trübenau 
nichts zu thun, wolle auch keine Menschen jetzt 
sehen und sprechen, und gehe deshalb hinten 
herum allsogleich wieder zur Bahn. 
„Er war so sonderbar, er wird sich ja wohl 
nichts anthun'! —", fragte sich der Alte und 
ging langsam hinter dem Forstkandidaten be 
obachtend her. Aber als er ihn im Bahnhof 
verschwinden sah, meinte Romberg umkehrend: 
„Nein, er thut sich nichts!" — 
Der bei Römer nach erlangter Erkenntniß 
der vollen Wahrheit eingetretenen bösen Wendung 
ließ sich nicht mehr Einhalt thun. Als das 
Glockengeläute von der nahen Stadtkirche, den 
Trauerkondukt begleitend, feierlich dumpf in das 
Zimmer drang, da mußre dem Kranken doch wohl 
zum Bewußtsein gekommen sein, daß man jetzt 
sein Kind hinaustrug. Denn von da ab stiegen 
die schon hohen Fieber rasch noch höher, und 
noch ehe der Tag ganz zur Neige ging, kurz vor 
Mitternacht, — setzte ein Herzschlag Römer's 
Leben ein Ziel. 
Dieses neue Unglück traf die Familie Römer- 
fürchterlich, und doch mußten die beiden armen 
Frauen auch jetzt wieder stark sein und hoch 
bleiben, — der Kinder und der Pflichten wegen.
	        

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