Full text: Hessenland (11.1897)

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unser Quartier, um Kameraden aufzusuchen und 
zu Horen, was es Neues gäbe. Mehrere Straßen 
durchwanderten wir, ohne Bekannte zu treffen. 
Endlich begegneten wir einigen Jnfanterieoffizieren, 
die uns nach einem Wirthshause wiesen, aus 
dem sie eben herkamen und wo wir, wie sie 
sagten, auch Kameraden unseres Regiments treffen 
würden. 
Als wir das betreffende Haus gefunden hatten 
und in's Gastzimmer traten, bemerkten wir den 
General von Schenk zu Schweinsberg und 
mehrere Generalstabsosfiziere, über eine ans einem 
kleinen Tisch am Fenster liegende Karte gebeugt 
in eifriger, in leisem Tone geführten Verhandlung. 
Wer wollten uns natürlich zurückziehen, allein 
man bedeutete uns, nur naher zu treten, und in 
der That fanden wir im Hintergründe des Zimmers 
einen großen Tisch, woran Infanterie- und 
Artillerieoffiziere saßen, die sich freilich mit 
Rücksicht auf die Gruppe am Fenster ziemlich 
ruhig verhielten. Auch Offiziere der bei unserer 
Abfahrt von Kassel noch dort befindlichen Truppen- 
theile, des Leibgarderegiments, des Jägerbataillons 
und der beiden anderen Batterien unseres Regiments 
waren anwesend. Sie waren in den ersten Bor- 
mittagsstunden kurz nach unserm Abmarsch vom 
Bahnhöfe angekommen. 
Die wichtigste Neuigkeit, die wir erfuhren, war 
die, daß Prinz Friedrich Wilhelm des Ober 
kommandos bereits wieder enthoben und der 
bisherige Kommandant von Kassel, Generalmajor 
von Schenk zu Schweinsberg, mit der Führung 
der aus dem Marsche nach Hanau befind 
lichen Truppen bis zu deren Vereinigung mit 
der dort versammelten 2. Jnsanteriebrigade be 
traut sei. 
Sehr überrascht waren wir durch diesen Wechsel 
gerade nicht, war man doch an solche jähe 
Sinnesänderungen des Kurfürsten gewöhnt. Auch 
innerlich wurden wir wenig davon berührt, denn 
Prinz Friedrich Wilhelm, der aus früher ange 
deuteten Gründen selten und immer nur aus 
kurze Zeit nach Kassel tarn, war uns so gut wie 
unbekannt, sowohl in Hinsicht auf feine rein 
menschlichen Eigenschaften, wie in Beziehung auf 
feine Befähigung als Truppenführer. Trotzdem 
aber machte sich bei vielen ein Gefühl des Un- 
(Fortütz 
behagens geltend, nicht sowohl deshalb, weil ein 
abermaliger plötzlicher Wechsel, der der Sicherheit 
der Befehlsführung gewiß nicht förderlich gewesen 
wäre, durchaus nicht in's Reich der Unmöglichkeiten 
gehörte, als vielmehr weil uns eine gewisse noch 
unklare Ahnung beschlich, daß wir in Lagen 
kommen könnten, wo ein Prinz des regierenden 
Hanfes und nun gar der Thronfolger an unserer 
Spitze anders hätte auftreten können, als ein 
einfacher General. Daran, daß uns der Kurfürst 
selbst noch erreichen und die Führung übernehmen 
könne, was in jeder Hinsicht für uns und auch 
für ihn und das Land das Beste gewesen wäre, 
glaubten wir nicht mehr recht. 
Inzwischen war die Berathung am Fenster zu 
Ende geführt worden, und die Generalstabsoffiziere 
setzten sich zu uns. Bon ihnen erfuhren wir, 
daß der Weitermarsch nach Hünfeld noch im 
Laufe des Tages angetreten werden sollte. Die 
Stunde des Ausbruchs hing vom Eintreffen des 
noch zurückbefindlichen Schützenbataillons ab, das 
einstweilen bei Hersfeld zur Deckung gegen Westen 
stehen bleiben und die von einem Bataillon des 
1. Infanterieregiments ausgestellten Vorposten 
ablösen sollte. 
Das Schützenbataillon hatte am Tage vorher 
das Tannenwäldchen, das, dicht am Bahn 
höfe von Kassel beginnend, sich eine Strecke weit 
längs der Bahn hinzieht, sowie das unter dem 
Bahnhof liegende Dorf Rothenditmold besetzt 
gehalten, um. die Verladung der übrigen Truppen 
auf dem Bahnhöfe zu decken, eine Maßregel, die 
getroffen worden war, weil man das Einrücken 
preußischer Truppen von Marburg her für nicht 
unmöglich hielt. Ihre vorauseilende Kavallerie 
konnte dann allerdings das Verladungsgeschäft 
stören. Solche Besorgnisse waren jedoch durch 
.die Ankunft des 1. Husarenregiments von Hof 
geismar zerstreut worden, denn dessen Kommandeur 
hatte während der letzten Tage aus eigenem An 
triebe nach der preußischen Grenze zu aufklären 
und auch sonst zuverlässige Nachrichten aus den 
nächsten preußischen Bezirken einziehen lassen. 
Das Bataillon war gegen Abend zurückgezogen 
und nach seiner Kaserne geschickt worden, mit 
dem Auftrag, am andern Morgen Kassel als 
letztes zu verlassen. 
n; folgt.)
	        

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