Full text: Hessenland (11.1897)

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gemacht waren. Wir mußten dagegen erst Quartier 
macher nach der Stadt schicken, wozu Lieutenant V. 
unserer Batterie und einige im Offiziers-Waggon 
gefahrene ältere- Unteroffiziere bestimmt wurden. 
Inzwischen begann die Arbeit des Ausladens. 
Die Bahn von Bebra nach Hersseld -- ein Theil 
der Bahn Bebra-Frankfurt — war noch nicht 
ganz vollendet, sodaß die Militärzüge außer den 
beim Bau thätig gewesenen Arbeitszügen die 
ersten waren, die die Strecke befuhren. Auch 
waren auf dem noch unvollendeten Bahnhöfe die 
Ausladevorrichtungen sehr unvollkommen, und das 
Ausschiffungsgeschäft dauerte ziemlich lange, was 
um so unangenehmer war, als sich dadurch die 
Ankunft des zweiten Theiles des Zuges, den doch 
beide Batterien abwarten mußten, verzögerte. 
Der Oberbau der Bahn war nämlich von Bebra 
ab zunächst nur eingleisig ausgeführt, ittifr aus 
diesem Grunde, und um Anhäufung von Material 
auf dem kleinen Bahnhöfe zu vermeiden, war die 
Bestimmung nothwendig gewesen, daß jeder Zug 
so fange in Bebra warten mußte, bis der voraus 
gegangene leer von Hersfeld zurückgekommen war. 
Der zweite Zug konnte demnach frühstens eine 
Stunde nach Entladen des ersten eintreffen. Als 
dies beendet war, konnten wir dennoch nicht 
unsere Quartiere aufsuchen, sondern mußten 
warten, bis die andern Theile unserer Batterien 
angekommen sein würden. Das war um so un- 
gemüthlicher, als es recht kühl geworden war und 
stark regnete. Dazu begann sich, namentlich bei 
denen, die seit dern frugalen Mittagsmahl in der 
Brauerei in Kassel nichts genossen hatten, der 
Hunger zu melden. Warum wir nicht in die 
Wartesale oder sonstige Räume des Bahnhofs 
gebäudes kommen konnten, ist mir nicht mehr 
erinnerlich, ich weiß nur noch, daß wir genöthigt 
waren, Thürnischen und die überdeckte Ladebühne 
eines kleinen Güterschuppens auszusuchen, um 
etwas Schutz vor dem Regen zu finden. 
Endlich kam auch die zweite Hälfte unseres 
Zuges, aber es war doch heller Tag, als wir den 
Marsch nach der Stadt antreten konnten. Ich 
mußte zu Fuß gehen, weil sich herausstellte, daß 
bei meinem Pferde während der Eisenbahnfahrt 
der Dummkoller zum Ausbruch gekommen war 
und der Thierarzt erklärte, es würde nichts 
anderes übrig bleiben, als es zu tödten. Die 
Nachricht berührte mich nicht so unangenehm, als 
man vielleicht erwarten sollte. Da die Un 
brauchbarkeit des Pferdes während eines dienst 
lichen Gebrauches eingetreten war, mußte mir 
der Staat Ersatz leisten, und ich war aus 
mancherlei Gründen froh, mein gegenwärtiges 
Streitroß, das von den Kameraden seiner 
Häßlichkeit und Störrigkeit wegen den Beinamen 
Equus niulus erhalten hatte, los zu werden. 
Das Todtschießen ging freilich nicht so rasch, weil 
dazu die Genehmigung der höheren Behörden 
erforderlich war, die schriftlich, mit dem Gutachten 
des Thierarztes belegt, eingeholt werden- mußte. 
Wir marschirten nach dem Markte, wo wir 
unsere Ouartierbillets empfingen. Das meinige 
lautete in Gemeinschaft mit einem Kärneraden 
auf den Gymnasiallehrer Professor Wiske- 
mamt. Nachdem ich die Ställe meines Zuges 
besichtigt hatte, wobei mich Lieutenant S. 
begleitete, fragten wir uns nach unserm Quar 
tier durch, wo wir etwa um 6 Uhr Morgens 
ankamen. Unsere Quartierwirthe, ein schon 
ziemlich betagtes Ehepaar, hatten sich in Er 
wartung der ungebetenen Gäste zeitig erhoben 
und empfingen uns mit wohlthuender Freundlichkeit 
an der Schwelle des Hauses. Eine mächtige 
Kaffeekanne dampfte auf dem Tische, ein für uns 
Hungrige willkommener Anblick. Mit einigen 
entschuldigenden Worten über unsern wenig salon 
fähigen Anzug, den wir nicht wechseln konnten, 
weil unsere Burschen mit dem Gepäck noch nicht 
eingetroffen waren, setzten wir uns an den Tisch 
und thaten dem Frühstück alle Ehre an. Weniger 
angenehm, wenn auch sehr begreiflich, war es, 
daß unser freundlicher Quartiergeber bestrebt war, 
die Frühstücksstunde zu verlängern, um möglichst 
viele Neuigkeiten von uns zu erfahren. Wir 
thaten alles, was in unsern Kräften stand, seine 
Wünsche zu befriedigen, mußten ihn aber doch 
endlich um Erlaubniß bitten, uns zurückziehen zu 
dürfen. Ich hatte zwei Nächte, Lieutenant S. 
eine Nacht nicht geschlafen, und das Bedürfniß 
nach Ruhe machte sich bei uns beiden gebieterisch 
geltend, um so mehr, als wir nicht wußten, was 
uns bevorstand, denn daß wir nicht lange in 
Hersfeld bleiben sollten, war uns schon bekannt. 
Zwei prächtige Betten waren für uns bereit, und 
ich hatte mich kaum entkleidet und in's ineinige 
gelegt, als ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf 
sank. 
Kurz nach 10 Uhr erwachte ich wieder. Im 
Hause herrschte vollkommene Ruhe, aber gerade 
diese Stille hatte für mich etwas Beängstigendes. 
Mir war, als ob irgend etwas Wichtiges vorgefallen 
sei, das die Bewohner des Hauses auf die Straße 
gerufen, während ich es verschlafen hatte. Daß 
Sonntag und der ganze Haushalt in die Kirche 
gegangen sei, fiel mir im Augenblick nicht ein, 
denn in solchen Zeiten der Aufregung geht der 
Wechsel der Tage an einem vorüber. Rasch 
sprang ich aus dem Bett und weckte meinen Ge 
führten. Nach beendetem Anzug verließen wir
	        

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