Full text: Hessenland (11.1897)

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Das Haus ist das älteste Bauwerk des Ortes, 
ein schmales HolZgerüst von verhültnißmüßig 
beträchtlicher Höhe. Das verblichene, vermorschte 
Ziegeldach liegt wie eine weit über die Ohren 
gezogene Bauernmütze auf dem spitzen Giebel, 
die Fensterlein in den weißgetünchten Wand 
flüchen sind spärlich und unregelmäßig vertheilt. 
Doch hat das Häuschen etwas Heimliches. Ans 
den oberen Fenstertheilen heraus hängen im 
Sommer lange Zweige rother Fuchsien, die 
vielleicht besonders üppig gedeihen, weil das Haus 
sechs Fuß in die Straße hinein steht. Es sieht 
etwas hilflos aus, wie es so vornübergebeugt, ohne 
stützende Nachbarn seine Stelle behauptet, und 
die Fuhrleute, die mit breiten hochbeladenen 
Wagen von Feld und Heuwiese hereinkommen, 
schimpfen weidlich auf das alte „Gelirre", das 
ihnen den Weg verlegt. 
Es ist ein leuchtender Sommerabend, ein Hauch 
friedlicher Kühle weht über die Stadtmauer von 
der Fulda herauf —. Auch Jörge Jost hat feinen 
stillen Tag. Er sitzt aus der alten muhlen- 
förmigen Steinbank vor seiner Thür, wiegt sein 
blondlockiges Enkeltöchterchen auf den Knieen 
und singt: 
„Reiter zu Pferd, 
Wo kommst Du her >. 
Non Sichsen, von Sachsen, 
Wo die schönen Mädchen ans den Bäumen wachsen." 
Und dann wieder: 
„Eia, popeia, was raschelt im Stroh! 
Die Gänse geh'n barfuß und haben keine Schuh. 
Der Schuster hat Leder, kein' Leiste» dazu, 
Sonst hätten die Gänse schon längst ein Paar Schuh." 
Das Enkelchen kräht vor Vergnügen und 
schlingt seine Aermchen liebevoll um den strup 
pigen Kops des „tollen Jost", der dabei so 
wohlig lächelt wie andere Großväter auch. 
Mariechen, sein altes Weibchen, sitzt neben ihm, 
ben unvermeidlichen Strickstrumpf an fetnert 
blanken Nadeln tanzen lassend. Sie schaut ihrem 
oft so schwer zu behandelnden Eheherrn mit 
einem verklärten Lächeln zu. Seine stillen Tage 
sind die einzigen Tage des Glücks, welche ihr 
unser Herrgott beschert. Die Alte hat ein mildes,, 
herzensgutes Nunzelgesicht, eines der grund^ 
ehrlichen, gottvertrauenden, gütigen Greisinnen-, 
gesichter, die uns so beweglich aus der Mitte des 
Volkes anschauen und einfache, rührend un 
moderne, meist ungeschriebene Geschichten erzählen 
von saurer Arbeit, friedlichen Feierabendelk, 
gläubigen Kirchgängen und sorgenvoller Treu 
und Liebe. Ihre dünnen, weißen Haare liegen 
ilk glatten Scheiteln an ihrer gefalteten und doch 
noch hübschen Stirn. Ans ihren Äugelt leuchtet 
sonnige Freundlichkeit, und ihre Kleidung hat 
eine vornehm anmuthende Sauberkeit. 
Der alte Jost kennt auch nichts Höheres als 
sein Häuschen und sein Mariechen. Die beiden 
alten Leute hängen mit einer bewußten tiefen 
Zärtlichkeit an einander und an ihrem Haus. 
Sie lieben ihr Haus, ihr Gärtchen, ihre Felder — 
das ganze kleine Hessenthal mit zäher, fast leiden 
schaftlicher Treue, und wenn man ihnen von der 
Großartigkeit der Hauptstädte und der Pracht 
ferner Länder erzählt, dann fragen sie in allem 
Ernste: „Kann es irgendwo schöner sein als in 
unserem Städtchen?" 
Hütte Mariechen nur ihreln Jost ihren ein 
fachen, unbeirrten Glauben einflößen sönnen -, 
hätte sie ihn in das Licht hinanziehen dürfen, 
in dem sie so heiter und unbeirrt ihrer Wege 
ging! Das sitzende, nachdenkliche Schusterhand 
werk hatte ihm Zeit gelassen zu spintisiren und 
seinen Gedanken nachzuhängen. . Er verlangte 
mehr gutes Christenthum von den Leuten, als 
sie gemeiniglich auszuweisen haben. 
Er konnte stundenlalig vor bem Fensterlein 
des Wohnzimmers sitzen, die alte, ledergebundene 
Erbbibel auf den Knieen, in die Worte der 
Evangelien verloren; aber die ernsten Mahnungen 
dienten ihm nur dazu, gewahr zu werden, in 
wie grellem Gegensatze die Einrichtungen dieser 
unvollkommenen Welt zu den göttlichen und 
christlicheil Forderungen stehen, und der Herr 
Pastor hatte einen schweren Stand mit dem 
alten, starrköpfigen und verzweifelt logischen 
Gemeindekind. Aber heute störte kein Zweifel 
und Widerspruch den Feierabelld. Das kleine 
Enkelkind war das Herzensglück des alten Mannes, 
mit ihm spielte er so arglos und zufrieden, als 
hätte er iliemals voll Sünden und Bußeir ge 
predigt. 
Seine heiße, leidenschaftliche Seele war über- 
gefluthet von Liebe für das blondlockige Dirnlein; 
das Kind seines einzigen Sohnes, welcher in der 
Werkstatt seines Schwiegervaters ebenwohl das 
Schuhmacherhandwerk betrieb und später Haus 
und Geschäft des Vaters übernehmen sollte. 
Die alten Leute hatten die Kleine oft Tage 
lang bei sich, die junge Frau freute sich, das 
Kind in so guter Hut 311 wissen und den Plage- 
geist los zu sein. 
(Fortsetzung folgt.) 
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