Full text: Hessenland (11.1897)

132; 
Deshalb flüsterte sie der Nichte bei 'Verrichtung 
des TheetlfcheS zu: „Wie Du versprochen hast, 
Maus, sei stark und bezwinge Dick. 
Bei- Tisch aber brach sich all gern ach ganz von 
selbst eine gemüthliche Stimmung Bahn, mau 
vermied verfängliche Themata, kam auf die all 
gemeinen Tagessragen, und so ging alles mach 
Wunsch. Väterchen ließ, sich durch Lottchen seine 
Pfeife herüber holen und fing nach Tisch an zu 
gualmen. Und daun roch es bald gemüthlich, 
und es war auch gemüthlich. 
Als die kleine Lotte früher als die Erwachsenen 
nach oben zu Bett ging, von ihrer Schwester be 
gleitet ruck bis zum Einschlafen bewacht fein 
wollte, that ihr Luise gutmüthig beit Willen. 
Und diese Abwesenheit des jungen Mädchens be 
nutzend, ging die treue Tante muthig auf den 
Familien-Brennpunkt. aus Nichtchens Liebe und 
Herzeleid, über. 
Daß ihre Schwägerin vor Schrecken ob dieser 
Kühnheit erbleichte, daß der Bruder sogleich 
grimmig drein schaute, daß sie selbst vor Herz 
klopfen kaum, reden konnte, das alles durfte sie 
nicht zurückhalten, getreu der übernommenen 
Pflicht im Interesse der Liebenden zu reden und 
zu streiten, da sie es jetzt au der Zeit und auch 
sonst für Geschwisterpflicht hielt. 
Und sie sprach mit Wärme, die brave Tante, 
anfangs leise und zaghast, dann aber crescendo 
und gewandt, sicher und gut. Sie verschwieg 
nichts von dem, was ihr sonst so stilles Jungfern- 
Stübchen heute von Meuschenglück und Herzeleid, 
von treuer Liebe und menschlichen Kabalen ge 
hört hatte, sie sprach mit dem Herzen und hoffte 
zum Herzen zu dringen. Sie schüttelte den 
Kopf, wenn der Rechtsanwalt sie unterbrechen 
wollte und fuhr fort: 
„Es ist etwas Großes, Heiliges, solch' eine treue 
Liebe, wie ich sie heute geschaut habe, und ich 
werde nicht davor zurückschrecken, für die jungen 
Leute meine geringe Kraft voll und ganz ein 
zusetzen. Vor allen Dingen siehe ich Euch, die 
Eltern, besonders Dich, Konrad, an, erweiche Deinen 
harten Sinn und, wenn Du auch jetzt noch nicht 
Ja und Amen über Deine Zunge bringen 
kannst, so schau in's Auge Deines Kindes und 
bezwinge Dich, sei milder und lerne freundlicher 
über den jungen Ritter denken. 
Ich mochte so gern verhüten, daß die Nichte 
das gleiche schmerzliche Schicksal tragen müßte, 
wie es einst der Tante das Leben verbittert und 
versalzen hat, und deschalb —" 
„Und deshalb", fuhr der Rechtsanwalt fort, 
nachdem er schon vergeblich versucht das Wort 
zu ergreifen, nachdem er längst aufgesprungen und 
die. Pfeife hastig sortgestellt, die Stirn gerunzplt 
und; ärgerliche dem-Kopf geschüttel-t-hatte germt 
sich die liebe Schwester gar Nicht, dem Bruder 
zuzumnthen, mit Leuten solch'; geringen Bildungs 
grades, solch' plebejischer Gesinnung, wie dieser 
dunkle Biedermann, der.Her« Ritter.senior, itusê 
u. s. : w. sind v in ein Verwandtschaftsverhälknjß 
zu treten und Arm in Arm mit dem lächelnden 
Schwiegerpapa seiner glücklichen Tochter die 
Straßen der Stadt zu 1 durchwandern und sich 
zum Gespött der Leute zu, machen." 
„Aber Konrad", warf Frau Franziska ein, 
„Du trügst stark aus! Was brauchten wir viel 
mit den alten Ritters zu verkehren, da die 
Kinder doch nicht am Orte und . Römers — 
Römers, und Ritters — Ritters bleiben. Drum 
laß heute die Sache auf sich beruhen, lieber 
Manu! Sei gut, Alter!" - 
„Na, nu, Mutter, — auch Du, im Komplott?" 
fragte Römer spitz. „Du meinst, ich brauchte 
nur zu nicken und daun wäre die Sache gemacht. 
Was bist Du so irre. Ritter's Gesellschaft ist 
nicht unsere, das ist richtig. Aber wie ich den 
Kerl kenne, wird er sich an meine Rockschöße 
ketten, und wo-ich mich sehen lasse, werde ich 
sein dünkelhast-malitiöses Lächeln zu kosten haben. 
Und Du, Frau? Willst Du Frau Ritter- 
Mutter zu Deinem Thee- und Kaffeeklatschen 
laden? Du schüttelst? — Ja aber, Franzel, eine so 
nahe Verwandte? — Sie muß geladen werden, denn 
Dein zukünftiges Enkelchen wird auch ihr Enkelchen 
sein ; Ihr habt ja dann so viele gemeinsame Grund 
töne, und deshalb gebührt der dicken, fetten, lauten 
Person sogar ein Ehrenplatz, zwischen der Frau 
Amtsgerichtsrath und der FraN Oberförster viel 
leicht! — Macht mich nicht toll, die Sache ist 
nicht auszudenken, viel weniger auszuführen. 
Der junge Ritter mag ja wirklich ein netter 
Kerl sein und meine Tochter auch lieb haben. 
Aber in meinen Angen machen ihn seine lieben 
Eltern unmöglich, und damit basta!" 
„Nun bist Du wohl schon fertig, Konrad?" 
fragte das alte Fräulein. „Willst Du nicht auch 
erwägen, wie Dein eigen Fleisch und Blut, wie 
Luise, die nicht von ihrem Heimlichverlobten lassen 
kann, durch Dein Nein getroffen wird? Hast 
Du gar keine Sorge, daß das Mädchen daran 
zu Grunde gehen könnte? Ich versichere Dich, 
Herr Bruder, die Sache sitzt bei Beiden und ganz 
besonders bei Deinem Kinde sehr, sehr tief." 
„Ah bah, liebe Schwester, ich bin nicht bange! 
Am gebrochenen Herzen sterben, ist keine Mode 
mehr. Ueberdies müßte die Disharmonie zwischen 
den beiderseitigen Alten sehr bald auch ihre 
Rückwirkung aus die junge Ehe ausüben und
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.