Full text: Hessenland (11.1897)

mid übernahm das' Kommando'. Jetzt mochte es 
etwa */2*3- Uhr' RÄchniittags geworden sein. Eine 
Woße-'AtenschMmdng'erl.unHaNd den Pl-atzj wv'die 
Verladung stattsamdOabev-eino ausgestellte Posten 
kette sorgte dasüvtz daß sie nicht zu ^weit vordrängte 
und' störte. Die Angehörigen der Offiziere kamen 
in" großer Zahl-, um von den Ihrigen Abschied 
zu nehrnen, und wurden Natürlich durchgelassen. 
Auch nleill Vater'fand sich nach einiger Zeit ein, 
und ich' freute nlich'sehr,- ihn noch einmal wieder 
zusehen. Da vvranssichtlich noch eine gute halbe 
Stunde vergehen konnte, ehe die Reitze des Ber- 
ladens an meine "Batterie kam,' so begab ich mich 
mit' Erlaubniß -meines Batteriechefs nach dem 
ziemlich entfernten Wartesaal, wo ich ruhig mit 
meinem Vater zusammensitzen konnte. Aus seinen 
Rath benutzte ich die sich mir darbietende Ge 
legenheit und aß mich noch eimnal gründlich 
satt, eine ; Vorsichtsmaßregel, die sich später als 
sehr weise herausstellte. 
Als ich nach einem herzlichen Abschied von 
meinem Vater zum Verladungsplatze zurückkam, 
Hatte die Einschiffung der ersteil gezogenen 
Batterie eben begonnen, und wir mußten noch 
eine geraume Zeit warten. 
Prinz Friedrich Wilhelm, unser Oberbefehls 
haber, war inzwischen eingetroffen mtb sah der 
Verladung zu , während er sich nlit den umher 
stehenden, augenblicklich unbeschäftigten Offizieren 
ünterhielt. Auch mich beehrte er mit einer Anrede, 
fragte mich llach Namen, Dienstzeit re. und zeigte 
mir Ulid den mir zunächst stehenden Offizieren 
eine Depesche des Premierlieutenants Bode der 
Pionierkonlpagnie. Dieser meldete von Hönebach, 
einer zwischen Bebra und Eisenach gelegenen 
Stativll, daß er mehrere hundert Schritte des 
Eisenbahngeleises zerstört, Schienen und Schwellen 
fortgeschafft und den Hönebacher Tunnel ver- 
barrikadirt habe. Voni Feinde habe er nichts 
in ErstchlüNg bringen können. Erst dadurch 
erfuhren wir, daß Lieutenant Bbde schon ain 
Vormittag mit eine in Zug PibüiiMü nach 
Höllebach- geschickt worden- war, um die Bahn zu 
zerstören. Damit sollte verhindert werden, daß 
die--Preußen von Erfurt aus uns-eilten gleichen 
Streich spielten, d. h. ein KomUtüNdo mit der 
Bahn abschickten, um die für lins so wichtige 
Kurfürst - Friedrich -Wilhelms - Nordbahn nördlich 
Bebra zu zerstören. 
Leider mußte ich auch Zeuge- eines-bedauerlichen 
Unglücksfalles sein. Das Pferd eines Offiziers 
der ersteil gezogenen Batterie zeigte sich beim 
Einführen in den Waggon ganz besonders 
störrisch. Der etatsmüßige Stabsoffizier unseres 
Regiments, Major Baller, der ln der Rahe 
staüd, trat herzu und klopfte deut 'Thier be 
ruhigend auf die Kruppe. Jni gleicheil Allgeil 
blick schlug es mit beiden Hinterfüßen hoch ans 
und traf ' den Major Bauer mit einem Hilfe 
voll in's Gesicht, sodaß er fast bewußtlos uiib 
stark blutend in die Arine der hinter ihm stehen 
den Offiziere sank. Die Nase war eingeschlagen 
und auch aus der Stirn über beiden Allgen be 
fanden sich Wunden. Der Verletzte wurde-zlulächst 
nach dem Wartesaale geschafft uird von da in 
Begleitung eines Arztes nach seiner am Stünde- 
platz gelegenen Wvhllung. Wie gleich hier bemerkt 
werden mag, traf er nach einigen Wochen geheilt 
in Mainz ein. Trotzdem viele Hunderte vor: 
Kasseler Bürgern Zeugen des Uuglückssalles ge 
wesen warell und dieser überdies am anderen 
Tage in den Zeitungen stand, wurde feilt Aufent 
halt in Kassel ben preußischen Truppen nicht 
verrathen, sodaß es ihm gelang, heimlich nach 
Mainz zu entkomnlen. 
(Fortsetzung folgt.) 
u spät. 
sNnchdruü verboten.) 
Aus beut Leben erzählt von I e a n Voigt. 
(Fortsetzung.) 
Prokuratorhause aber gab es ein 
großes Freuen, als Tante Lina, die 
sich seit einigen Tagen nicht hatte 
JfStsHlb sehen lassen, bei ihrer Schwägerin mit 
den Worten: „Hier, liebe Franziska, bringe 
ich Dir Dein flügellahlnes Küken" eintrat. 
Lottchen sprang der liebeil Tante um den Hals, 
Plltz, der wachsame Hilter des Hauses, ein kluger, § 
treuer Pinscher, umkreiste die Tante in tollen 
Freudensprüngen, und auch die Mutter war sicht 
lich froh. „Ich bleibe heute Abend' zum Thee 
bei Euch, Kinder!" sagte Tante gerade, da er 
schien ihr SSruber lind begrüßte sie, augenscheinlich 
ebenfalls erfreut, obgleich die scharfsichtige Schwester 
Karoline dabei doch alsbald weg hatte, daß die 
brüderliche Liebe all einem stillen Aerger verdaute.
	        

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