Full text: Hessenland (11.1897)

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Vertrauen bapn Hattom ,Dsr Gedanke, ^ ^ mit 
einem -solches Geschütz.-Mlsmicken zu müssen, nvar 
deshalb nicht angenehm Als Oberstlieutenant 
vMi-RumMerß omstudein Kastrnenplatze erschien, 
trat ich zu ihMnmch baTihn/-M gestatten, das; 
wir beim bevorstehenden Ausmarsche unsere 
schweren Zwölspsünder zurücklassen und statt ihrer 
die durch die Ausrüstung der 1. sechspsündigen 
Batterie mit gezogenen Geschützen verfügbar ge 
wordenen glatter: Kanonen mitnehnien dürften. 
Ich wies. daraus hin, daß wir dadurch ein 
Geschütz erhielten, wozu wir größeres Vertrauen 
hätten und daß sofort von jeden: Geschütz zwei 
Pferde frei würden, die wir zur Bespannung von 
Munitionswagen oder sonstigen Fuhrwerken, deren 
sofortige Mitnahine wünschenswerth erscheine, 
verwenden könnten. Nun war es ja allerdings 
meine Sache nicht, einen derartigen Vorschlag zu 
machen, allein mein-: Batteriechef war nicht an 
wesend^ und da der.Premievlieutenant als Lehrer 
zun: Kadettencorps kommandirt war, so war ich 
der nächste- Vertreter des Batteriechefs, dessen 
Einverständnisses mit dem von mir vorgeschlagenen 
Tausche ich übrigens vollkommen sicher war. 
Nach einigem Zögern gab Oberstlieutenant 
von Nummers seine Zustimmung, vorbehaltlich 
der Genehmigung des Regimentskommandeurs, 
woran jedoch nicht zu zweifeln war. Alsbald 
eilte ich nach der Kaserne meiner Batterie, wo 
die Mannschaft gerade zum Appell angetreten 
war, führte sie im Laufschritt nach dem nahe 
gelegenen Zeughause und hatte nach einer Stunde 
meine drei sechspsündigen Kanonen und eine fieben- 
pfündige Haubitze, mit allem Geschützzubehör und 
der „Alarmmunition" ausgerüstet*), vor unserm 
Geschützschuppen, stehen. 
Froh. daß sich diese Angelegenheit so rasch und 
glatt erledigt hatte, begab ich nüch nunmehr nach 
der in der Nähe gelegenen Kühnemann'schen 
Bierbrauerei,. wo die Offiziere unseres Regiments 
und der in unserer Kaserne untergebrachten 
Eskadron Garde du Corps in einem besonderen 
Zimmer zu frühstücken pflegten. Hier traf ich 
eine große Anzahl von Offizieren der ebengenannten 
Truppentheile, die der Dinge harrten, die da 
kommen sollten, und die sich jetzt in der That 
rasch zu entwickeln begannen. 
Es mochte kurz nach 12 Uhr sein, als ziemlich 
gleichzeitig die Ordonnanzen aller Batterien mit 
*) Seit dem Belagerungszustand im Jahre 1850 
führten wir in unseren Protzen beständig scharfe Munition 
mit uns. Das war die sogenannte „Alarmmunition", 
etwas weniger, als die volle kriegsmäßige Protzen 
ausrüstung, beim Sechspsünder z. B. 30 Schuß statt 51. 
Auch die Infanterie führte scharfe Patronen in ihren 
Patrontaschen. 
den n Befehlsbüchern eintraten. Diese enthielten 
zwech^ soeben ausgegebene Allerhöchste Kabinets- 
ordres. Durch die erste wurde die sofortige 
Mobilmachung der Armeedivision befohlen, durch 
die zweite der Thronfolger, Prinz Friedrich 
Wilhelm vo>: Hessen, Hoheit und Liebden, mit 
der Führung des Kommandos der Armeedivisivn 
unter dem Befehl des Kurfürsten beauftragt. 
Die erste Ordre überraschte uns natürlich nicht 
mehr, wurde aber doch mit Befriedigung auf 
genommen, denn sie sicherte uns den Bezug der 
Mobilmachnngsgelder — für den Seeondlieutcnant 
die gar nicht zu verachtende Summe von etwas 
über 100 Thalern — und die Kriegszulage. 
Die zweite Ordre dagegen überraschte uns im 
höchsten Grade, da an die Möglichkeit, daß 
der Thronfolger zum Kommandirenden ernannt 
werden könnte und damit den Oberbefehl über die 
Truppen während der bevorstehenden Ereignisse 
erhalten würde, niemand gedacht hatte; denn, wie 
bereits erwähnt, waren die Beziehungen zwischen 
dem Kurfürsten und seinem voraussichtlichen 
Nachfolger äußerst kalt, und kein Mensch hatte 
ein solches Entgegenkommen seitens des regierenden 
Herrn erwartet. Daß aber der Kurfürst in: 
gegenwärtigen Augenblick das Kommando über 
die Truppen in die Hände des Thronfolgers 
legte, war die entschiedenste Widerlegung der am 
Morgen verbreiteten Gerüchte. 
Während wir noch in eifrigem Gedanken 
austausch über die Ernennung waren, wurde der 
erste Befehl des neuen Kommandirenden gebracht, 
wodurch angeordnet wurde, daß sich die Batterie:: 
zum sofortigen Abmarsch nach den: Bahnhöfe 
bereit zu halten hätten. Ob der weiter vbei: 
mitgetheilte Plan des Landrnarsches in zwei 
Kolonnen jemals wirklich bestanden hat, oder ob 
er nur auf Vermuthung beruhte, :nag dahin 
gestellt bleiben, jedenfalls war inzwischen beschlossen 
worden, die Infanterie und Artillerie der Kasseler 
Garnison mit der Eisenbahn nach Hersfeld 
zu schaffen, während die Kavallerie in Eil 
märschen ebendahin gelangen sollte. Von da 
sollte dann der Fußmarsch nach Hanau fortgesetzt 
werden. 
Dieser Befehl trieb uns auseinander. Außer 
mir und einige:: der anwesenden Kavallerie 
offiziere hatte noch nieniand irgend welche per 
sönliche Vorbereitungen für den Ausmarsch 
getroffen. Wir alle befanden uns in: gewöhn 
lichen kleinen Anzug, zun: Theil im Oberrock, 
und mußten uns nunmehr marschmüßig an 
ziehen. Mein Batteriechef, Hauptmann M., der 
sich inzwischen auch eingefunden hatte, wohnte 
ziemlich weit von der Kaserne entfernt. Er
	        

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