Full text: Hessenland (11.1897)

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aus der ganzen Körperhaltung in Deinem jugend 
lichen -Alters hervorleuchten sahen, und sie zeichneten 
Dich'-stets - in hervorragender Weife ans. Du 
hattest die Ehre durch den Kurfürsten von Köln 
dein Kaiser vorgestellt zu werden, Zwiegespräch 
mit ihm -halten- «zu dürfen und mit Handschlag 
von ihm begrüßt-zu werdend-- Philipp Ludwig 
reiste von dem Regensburger Reichstage!«.nach 
Wien, durch Ungarn, Böhmen, Polen, Schlesien 
mrd Sachsen nach Hanau zurück. 
(Fortsetzung folgt.) 
Erinnerungen ans den letzten Tagen eines deutschen 
Fürstenthuins. 
Von einem ehemaligen kurhessischen Offizier. 
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) 
C% ls ich gegen 9 Uhr wieder auf die Straße 
faul, fiel mir auf, daß diese für die frühe 
H v Tageszeit außerordentlich belebt war. Ueber- 
all standen Gruppen in eifriger Unterhaltung 
zusammen, aber auf allen Gesichtern las man 
eine« gewisse Rathlosigkeit, denn niemand wußte 
etwas Bestimmtes mitzutheilen. 
Nachdem ich meine Wanderungen durch die 
Straßen noch eine Zeit lang fortgesetzt, aber 
weiter nichts erfahren hatte, als daß mir der mir 
begegnende Premierlieutenant von Lengerke 
vorn Generalstabe zurief, ich solle machen, daß 
ich nach Hause käme, denn es könne „jeden 
Augenblick losgehen", begab ich mich gegen st^ll Uhr 
in die Kaserne meines Regiments. 
Hier erwartete mich ein ungemein friedliches 
Bild. 
An den Tagen, wo das Regiment nicht ge 
schlossen zu irgend einer Uebung ausrückte, para- 
dirten nämlich die Wachen, die es zu stellen 
hatte, um 11 Uhr vor dem „Hauptmann der 
Woche" mrd zogen dann auf. Der jüngste der 
Lieutenants, die in den einzelnen Batterien ..die 
Woche" hatten, kommandirte in der -Regel diese 
Parade. Als ich gegen ^911 Uhr in der Kaserne 
anlangte, standen diese Wachen zur Parade anf- 
marschrrt, am rechten Flügel die Kasernenwache, 
dann kam die Pulvermagazinswache und daran 
schlossen sich die Stallwachen der vier Batterien. 
Natürlich mußten ja die Wachen, die vor vier 
undzwanzig Stunden aufgezogen waren, abgelöst 
werden, aber das Ganze stand doch zu den Er 
eignissen, die, wie jeder wußte, sehr bald eintreten 
mußten, in so schroffem Gegensatz, daß die Sache 
fast komisch wirkte Die weitere Entwickelung 
dieses militärischen Schauspiels wartete ich jedoch 
nicht ab, sondern ging nach dem Kasernenhofe, 
wo ich einige meiner Regimentskameraden traf, 
die zum Theil mit Vorwürfen über mich her 
fielen, weil ich die Veranlassung zu einer Störung 
ihrer Nachtruhe gegeben hatte. Diese Vorwürfe 
ließen mich kalt und waren wohl auch kaum 
ernst gemeint, denn jetzt war ein jeder überzeugt, 
daß der Ausmarsch unmittelbar bevorstand und 
daß jede Stunde ein Gewinn. für die Vor 
bereitungen war. 
Gegen 11 Uhr erschien auch der erste Stabs 
offizier des Regiments, Oberstlieutenant von 
¡¡Hummers,, auf dem Kasernenplatz, und an ihn 
wandte ich mich mit einer Bitte, die aus dem 
Munde eines so jungen Offiziers vorlaut klingen 
wird. Um sie zu verstehen, ist es nothwendig, 
einige Worte über die Organisation unserer 
Artillerie zu sagen. 
Das kurhessische Artillerieregiment bestand im 
Frühjahr 1866 ans einer reitenden, einer zwölf- 
psündigen und zwei sechspsündigen Batterien und 
einer Handwerkerkompagnie. Von den sechs- 
pfündigen Batterien war die erste mit gezogenen 
preußischen Gußstahlsechspsündern ausgerüstet wor 
den und hatte die Bezeichnung „1. gezogene 
Batterie" erhalten, während die Umbewaffnung 
der zweiten sechspsündigen Batterie in eine 
gezogene vierpfündige Batterie in Aussicht ge 
nommen, aber noch nicht durchgeführt worden war, 
weil au8 schon früher angeführten Gründen das 
preußische Kriegsministerium mit der Lieferung der 
Munition zögerte, während die Rohre, Lasfetten und 
Munitionswagen schon seit längerer Zeit vor 
handen waren. Die reitende Batterie führte im 
Frieden drei glatte Sechspfünder und eine sieben- 
pfündige Haubitze, die zwölfpfündige Batterie drei 
lange, glatte Zwölspfünder und eine sieben- 
pfündige Haubitze, die je mit acht Pferden be 
spannt waren. Schon dadurch, mehr noch durch 
sein Gewicht, toai\ der Zwölspfünder ein un 
beholfenes Geschütz, das überdies schlecht schoß, 
sodaß weder Offiziere noch Mannschaften viel
	        

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