Full text: Hessenland (11.1897)

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zweiten Vaterstadt gewordenen HannN be 
schäftigt, mit Interesse das Wachsen dev Stadt 
in asten ihren Theilest verfolgt, Mich ersteut an 
der schonen Regelmäßigkeit, der Ordnunst, in 
welcher unsere Stadt erivüchs, in so großem 
Gegensatz mit so vielen uns bekannten anderen 
Städten, stie in alter Willkür und im schmisten 
Durcheinander der Straßen und Anlagen sich 
langsam vergrößern. Da nun Neu-Hanaü 
vollständig zu vereinen ist mit seinem Erbauet', 
seinem Gründer, kam ich aus das Studium Vvn 
Philipp Ludwig II., dessen zu gedenken gegejfi 
wartig besondere Veranlassung vorliegt. 
Es sind nun 300 Jahre, daN Neu-Hanau 
erbäut wurde. 
Philipp Ludwig wurde vor der Zeit abgerufen. 
Wohl war ihm bewußt , /daß nur eine kurze 
Spanne Lebens ihm befchieden sei, deshalb unter 
nahm er alles mit Feuereifer, mit rastloser 
Arbeit bei Tag und Nacht, bei stetigem Denken 
und Fürsorgen für alle Geschäfte der Regierung, 
von denen auch nicht das kleinste seinem Auge 
entging. Obgleich er alles möglichst selbst er 
ledigte, brachte er es doch dahin, daß in denkbar 
kürzester Zeit so Vieles und Großes von ihm 
unternommen und begonnen werden konnte; daß 
nicht alles auch zur Durchführung gelangen 
konnte, lag nicht an ihm. 
Noch bevor er zur Regierung gekommen, 
begann er zu reformiren an Haupt und 
Gliedern, und mit großer Energie setzte er 
überall seinen Willen durch. Seinem echt christ 
lichen Sinne entsprechend führte der Graf 
ein höchst eingezogenes Leben, für feinen hohen 
Stand eigentlich zu arbeitsam und demüthig, 
jedoch beseelt von seinen Pflichten als Herrscher 
und Vater seiner Unterthanen, denen gegenüber 
er stets gut, leutselig und freigiebig bis zum 
Aeußersten war. Seine Regierungszeit wurde 
von den schwersten Schicksalen, die den Herrscher 
treffen können, heimgesucht; Erdbeben und starker 
Sturm, Wasserfluthen und Theuerung, die bös 
artigste Krankheit, die Pest, ließen zu wiederholten 
Malen sein Herz erbeben in der Sorge für seine 
Unterthanen, — aber fein wunderbar schönes 
Gottvertrauen ließ ihn dieses alles durchkämpfen 
und ließ ihn auch nie im Stiche! In der 
Gottesfurcht ging er seinem Lande mit dem 
schönsten Beispiele voran, trotz aller Arbeit be 
suchte er fast täglich das Morgengebet und 
kräftigte sich hier zu den Mühen des Tages. 
Aber nicht nur hörte er das Wort der Gottes 
diener an, nein, er verfolgte in Bibel und Schriften 
das, was gepredigt wurde; häufig mit eigener 
Hand nachschreibend, das Gesprochene mit dem 
Gedruckten, im 'Decke vergleichend Und' selbst nach 
forschend, ob es auch so richtig wäre. Gauz> 
besondere Freude wurde ihm zu Theil-, wenn-' 'er 
eine rech! schriftmäßige, kerüige Lehr- und Troste 
predigt hörte, denn er l wollte getröstet sein. Wie 
ein rothet Faden zog sich durch sein LÄeüMdv 
Gedanke an eiueü 'früheil Tod hin, wiederholt 
gab er diesem' Gedrinken Ausdruck, daß- er sich 
eilen müsse mit-seinen Arbeiten, daß ihm Nür 
ein kurzes Ziel gesetzt wäre. Und dabei wurde 
er lässig gegen feinen eigenen Körper, verbralichte 
seiNe- Kräfte zu rasch, verabsäumte'sich die nöthige 
Ruhe zu gönnen, und so fand ihn dann sein«! 
todbringende Krankheit ohne den' nothwendigen 
Widerstand. 
Philipp Ludwig hatte Recht Mit seinen 
Todesgedattken; vöt der Zeit erlag auch et 
dem Verhängn iß, das seit Jahrhunderten auf 
dem Hanauer Grasenhanse gelegen hatte und 
dessen Aussterben auch schließlich herbeiführte, daß 
nämlich die regierenden Grasen kaum 20 bis 
30 Jahre alt wurden, daß die meisten gräflichen 
Söhne sogar in der ersten Jugend sterben müßtest. 
Wie Philipp Ludwig II. erging es auch seinem 
Vater, dev am 4. Februar 1580, erst 27 Jahre 
alt, starb und als schweres Vermächtniß seiner 
trauernden Wittwe Magdalena die Sorge für 
die zwei vier und zwei Jahre alten Grafenkinder 
Philipp Ludwig, geb. 18. November 1576, und 
Albrecht, geb. 12. November 1579, hinterließ. 
Da solch' früher Todesfall schon so oft ein 
getreten war, trat gleich eine schon vorher in 
ihrer Art geordnete Vormundschaft in Thätigkeit.' 
Der Vater Philipp Ludwig I. verschied un 
erwartet schnell, kaum merkten die Anwesenden, 
daß er gestorben; darin hatte er es besten 
als fein Sohn, der die bangen Todesschatten 
während seiner ganzen Krankheit vor sich sah. 
Die Fürsorge für die Wittwe Magdalene und 
die Söhne Philipp Ludwig und Albrecht über 
nahmen als Vormünder Graf Philipp IV. von 
Hanau-Lichtenberg, der schon Vormund des 
Vaters, Philipp Ludwig's l., gewesen war, ferner 
Johann Gras von Nassau-Dillenburg 
und Ludwig von Sayn-Wittgenstein. 
Graf Johann von Nassau muß es sehr ernst mit 
seinen Pflichten der Fürsorge genommen haben, 
denn nach kaum Jahresfrist heirathete er die 
noch jugendliche, schmucke gräfliche Wittwe, mit 
der er noch lange in glücklichster Ehe lebte und 
reiche Nachkommenschaft erzielte. 
Dieser Schritt der Mutter ward natürlich für 
die jungen Grasensöhne sehr schwerwiegend und 
wurde in späterer Zeit es auch für die Grafschaft. 
Philipp Ludwig I. war lutherisch gewesen, seine
	        

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