Full text: Hessenland (11.1897)

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schlagen ihre Wasser mit stürmischer Ungeduld 
an die gewaltig gerammten Pfeiler der steinernen 
Bogenbrücke, gewöhnlich aber springen sie in 
lustigen weißen Flocken über das breite Wehr, 
drehen gemächlich die großen schwarzen Holzräder, 
der Mühlen oder wiegen aus Untiefen träumerisch 
und schmeichelnd den schweren braunen Kahn 
des Fischers. 
Rings um das Nestchen noch bröckelnde Reste 
der mittelalterlichen Stadtmauer. Blühendes 
Gesträuch, wuchernde Brombeerranken sind hinauf 
geklettert und hängen ihre grünen leichten Ranken 
wie Triumphfahnen des Lichtes in die von 
Zwielicht verhüllten engen Gasten. Von draußen 
die ©arten drängen sich nahe in den Schutz der 
alten Riesin, frisch und jung sproßt die mit 
Anemonen übersäte Wiese zu ihren Füßen, kleine 
Kinder, kleines Vieh suchen ihren Schatten. 
Die Glocken des Kirchthurms haben volle, 
tiefe, gläubige Stimmen, der Friedhof ist ein 
schattiges, blumenüberwnchertes Stückchen Erdreich, 
und das alte, schwarze Bahrtuch deckt Arm und 
Reich. — In vielen der Häuser wohnen gute, 
einfache, zuverlässige Menschen, in denen „Hessen 
blut lebt immerdar", — freilich auch bergen 
viele der Hütten grelle, furchtbare Armuth, ihr 
Siechthum — ihr Laster. Aus vielen Gesichtern 
lagern Schwermuth, Bitterkeit und Sorge. 
Die Nebel, welche von den sumpfigen Wiesen 
an der Fulda aufsteigen, lagern sich gar zìi oft 
feucht und verdunkelnd über die Häuser und 
Hütten — vielleicht daher die Anlage des Volkes, 
das Leben ernst und schwer zu nehmen, schweig 
sam vor sich hin zu brüten, über religiösen 
Problemen zu grübeln und eigensinnig und hals 
starrig an alten Gerechtsamen zu kleben. 
Es war Ende der sechziger Jahre, als ein in 
der Großstadt herangebildeter Verwaltungsbeamter 
mit gewaltigen Resormideen in das kleine in 
feinere Hügelkessel verkrochene Hessennest verschlagen 
wurde. 
Der Mani: hatte wohlmeinendes Erbarmen 
mit den Zuständen, welche er vorfand —. Die 
Miststütten vor den Thüren, die quer an Ketteil 
über den Straßen schwankenden altsränkischen 
Petroleumlaternen. die Hühner und Gänse, welche 
auf dem Marktplatz ein offizielles Dasein führten, 
die laut tutenden, peitschenknallenden Kuh- und 
Ziegenhirten, selbst die anspruchslose, einfache 
Gastlichkeit der besseren Bürger nnb Beamten — 
alles kam ihm vorsüudfluthlich und der Ver 
besserung im höchsten Grade bedürftig vor. Hui) 
er legte einen heiligen Eid ab, das Nest llicht 
zu verlassen, bis es moderne Begriffe von Rein 
lichkeit, Aesthetik, höherer Lebensform lind Kinder- 
erziehuiig Hütte —, auch schwur er es mit geraden 
Straßen zu beglücken, — soweit sein Einfluß 
reichte. 
Er verdiente sich keine Liebe in der Bevöl 
kerung, denn die Menschen hielten ihre alterprobten 
Gewohnheiten für unübertrefflich und wollten 
nicht beglückt sein. 
Damals lebte in dem Neste ein alter, stadt 
bekannter Geselle, seines Zeichens ein Schuhmacher, 
allgemein „der tolle Jost" genannt. 
Der „tolle Jost" war ein baumlanger Mensch, 
einst herkulisch stark, nun vom Alter gebeugt. 
Grane Haarsträhne hingen um sein scharfes, aus 
geprägtes Gesicht, das von Natur ehrlich und 
edel aussah, aber durch Fanatismus und Leiden 
schaft entstellt war. 
Der tolle Jost war für gewöhnlich ein ruhiger, 
friedlicher Bürger, nur von Zeit zu Zeit kletterte 
er in trgenb einen Vorsprung der alten Stadt 
mauer, auf die Umrandung des Schlvßbrunnens 
oder auf das Dach eines Kuhstalles und 
hielt seinen Mitbürgern: ihre Sünden vor, und 
er that es kräftiger als der Pfarrer von der 
Kanzel. 
Er wußte, wo in einem Hause mehr Kleider 
pracht getrieben wurde, als nöthig und recht 
war, er wußte, wo ein Sohn dem Vater, eine 
Tochter der Mutter incht folgte, — wo ein 
unehlich Kind geboren war und der Mann ans 
verbotenen Wegen ging, er wußte, wo die Dienst 
boten knappes Essen oder viele Arbeit und karge:: 
Lohn hatten, und er bewies aus der Schrift haar 
klein, wo eines Jeden Sünde saß. 
Es war ein ganz ungefährlicher religiöser 
Wahnsinn, d. h. man konnte es nicht einmal 
Wahnsinn nennen, — er zog nur schärfere Kon 
sequenzen als andere Leute, hatte einen logischeren 
Verstand, ein leidenschaftlicheres Gefühl, — als 
hochgebildeter Mann wäre er vielleicht einer der 
unbekümmerten Geister geworden, die sich eins 
mit der Wahrheit fühlen, die von ihrer Zeit 
gesteinigt und gekreuzigt, von späteren Jahr 
hunderten unter die Sterne versetzt werden. 
Seit Menschengedenken lebten die Vorfahren 
des Jost in den: alten Häuschen, dessen Hinter- 
gärtche:: an die Stadtmauer stieß. An dem 
Häuschen stand die Jahreszahl 1367 in die 
große, dicke Eichenbohle gebrannt, die quer über 
der Thüre lag. Die Hausthür hatte nicht einmal 
ein Schloß, nur einen Riegel, durch welchen zur 
größeren Sicherheit ein Holzstück geschoben wird. 
Dem alten Jost geht es ähnlich wie jenem Ein 
siedler, von welchem Fischart sagt: „Er fürchtet 
sich nicht vor Dieben, weil er weder Brod 
noch Käse hat."
	        

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