Full text: Hessenland (11.1897)

122 
Die ehemalige Burg Wallrao über Schmalkalden. 
Von Otto Gerl and. 
>SchluÜ ) (Nachdruck verboten.) 
enden wir uns nun zur Einrichtung der 
Burg selbst. Sie hatte, wie wir gelegent 
lich eines Streites zwischen dem Grasen 
Heinrich XII. und den Kindern des Grafen 
Wilhelm II. von Henneberg aus dem 
Jahre 1444 erfahren, zwei Eingänge, das Haupt 
thor nach der Stadt zu und eine Hinterpforte 
an der südöstlichen Seite; diese letztere ist in 
ihren Ueberresten, dem Thorbogen und einer, der 
alten Besestignngskunst entsprechend, von allsten 
gesehen rechts, um einem Angreifer die nicht 
durch den Schild gedeckte Seite treffen zu können, 
angebrachten Schießscharte, noch erhalten in der 
die beiden nach der Queste zu gelegenen Zwinger 
trenlienden Mauer an deren südlichem Ende. Die 
vor diesem Thor befindliche Zugbrücke ist erst 
bei Anlage des Schlostgartens beseitigt worden. 
Nach der Stadt zu wird die Burg keinen Graben 
besessen haben, weil sie hier durch den steilen 
Absturz des Bergkegels, der gerade dort seine 
höchste Erhebung hatte, genügend geschützt war. 
Der dortige, selbstverständlich durch ein Thorhaus 
überbaute Haupteingang wird also wohl nur 
mittelst eines Fallgatters und mittelst eisen 
beschlagener Thorflügel gesichert gewesen sein. Eben 
so bedurfte die Burg auf der Nord- und Südseite 
nicht der Anlage eines Grabens, weil auch dort 
der Berg steil genug abfiel, um hinlänglichen 
Schutz zu gewähren. Der Südabhang nach dem 
Stillethal zu war dermaßen mit Dorngestrüpp 
besetzt, daß bei Anlage des Schlostgartens im 
Jahre 1602 je ein Paar Handschuhe für die 
mit dem Ausreisten der Dornen beauftragten sechs 
Arbeiter beschafft werden mußte. Die am 
meisten gefährdete Stelle der Burg war eben die 
von der Queste überhöhte Ostseite, deshalb war 
dort ein doppelter Graben angebracht und der 
Ausgang zur Burg vom Schmalkaldethal her an 
der Stelle, wo der Sattel zwischen der Queste 
und der Schloßkuppe beginnt, mit einem niedrigen, 
jetzt als Schuppen dienenden, mit Schießscharten 
versehenen Werk gesperrt. Nicht ganz in der 
Mitte der die beiden Gräben trennenden Mauer, 
sondern etwas mehr nach Süden zu war ein 
Thurm, der noch vorhandene Wallrabsthnrm 
angebracht, der, mit Verließen versehen, von 
seinem obersten Geschoß aus einen Ueberblick über 
beide Ausstiege zum Schloßberg gewährte und 
die Bestreichung des zwischen der Queste und dem 
äußeren Graben herführenden Wegs, sowie des 
von diesem zum äußeren Graben und des von 
da zum inneren Graben führenden (bereits er 
wähnten) Eingangs ermöglichte. Nach Geisthirt 
soll, um dies hier zu erwähnen, dieser Thurm 
erst 1592 erbaut sein; seine ganze Lage, Ein 
richtung und Konstruktion sprechen ihm aber ein 
viel höheres Alter zu*), und es kann sich daher 
Geisthirt's. Nachricht nur darauf beziehen, daß 
der Thurm gelegentlich des Baus der Wilhelms 
burg zu einem modernen Gefängniß umgebaut 
worden ist. In den genannten Zwingern müssen 
wir uns allerhand Wirthschaftsgebäude unter 
gebracht denken. 
Die Burg selbst scheint Anfangs nur aus der 
Wohnung für die Herrschaft (dem Palas), die 
stets nach Süden zu gerichtet war, und den er 
forderlichen Nebengebäuden, zur Unterbringung 
der Begleitung und der Dienerschaft, zur Wohnung 
des Burgvogts, zur Aufnahme der Rüstkammer 
und dergl. bestanden zu haben, da der Wart 
thurm, der Bergfried, erst 1311 erbaut worden 
ist.**) Bei der hohen Lage der Burg mag man 
einen besonderen Wartthurm früher nicht für 
nöthig gehalten haben. 1311 wurde nun der 
mit einem Verließ und mit 8 Fuß dicken Mauern 
versehene Thurm erbaut. Er muß auf der west 
lichsten Spitze der Schloßkuppe gestanden haben, 
wo sich die beiden Abhänge nach der Stille und 
nach der Schmalkalde zu berührten, da man von 
diesem Punkt aus auch am besten alle drei sich 
hier vereinigenden Thäler und die zu ihnen von 
den Bergen hinabziehenden Wege überschauen 
*) Vergl. hierüber Laske in Laske und Gerland' s 
„Schloß Wilhelmsburg bei Schmalkalden". 
**) Bei seiner Niederlegung fand man einen Stein mit 
der Jahreszahl 311, was selbstverständlich, da im Jahr 
311 von den Deutschen noch keine Thürme gebaut wurden, 
nur eine Abkürzurg oder auch Verstümmelung der Zahl 
1311 sein kann.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.