Full text: Hessenland (11.1897)

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sich so lieb hatten, doch da vor ihr Hand in 
Hand bittend und hofsend, so als ob es nur von 
der alten Tante abhinge, das glückselige Paar 
allsogleich ganz glücklich zu machen. 
Er, groß) breitschultrig, mochte 23 bis 24 Jahre 
zählen, aber seine dunklen schwermüthigen Augen 
gaben dem scharf geschnittenen Gesichte einen über 
diese Jahre hinaus gehenden Ernst. Ein krauser 
Flaum von Bart umgab Wangen und Lippen, 
und das braune Haar war kurz und schlicht ge 
scheitelt. Die ganze Münnererscheinung trug das 
Gepräge oou Kraft und Entschlossenheit, ließ da 
bei aber gleichzeitig auch aus ein gutes, braves 
Herz schließen, und treuherzig bittend schaute er 
jetzt aus die Tante nieder. Und Luise, eine 
schlanke, mittelgroße, biegsame Mädchengestalt, 
halb noch Kind, die kindlichen Lippen zaghaft 
zitternd halbgeöffnet, das schmale edle Gesichtchen 
umrahmt von goldblonden Flechten, richtete ihre 
blauen schönen Augen so sehnsüchtig und zuver 
sichtlich bittend aus die Tante, daß dieser ganz 
unbehaglich zu Muthe würde. 
Doch nach einer kurzen stillen Pause fuhr sich 
das alte Fräulein über die Stirn, richtete ihr 
freundliches Auge auf die juugeu Leute und sprach 
im milden Tone auf sie ein, daß Liebe ein Glück 
sei und ein Glück bleibe, auch wenn die Liebenden 
getrennt seien. Die Liebe sei auch eine Brücke, 
die Vieles überbrücke. Aber wie die Verhältnisse 
bei ihnen liegen, würde es doch beiderseits noch 
großen Muthes, mancher Geduldsprobe und 
diplomatischer Vorsicht bedürfen, wenn ihre Liebe 
glücklich unter Dach gebracht werden solle. 
„Deshalb", fuhr die Tante fort, „will ich, wo 
und wie ich saun, Euer Anwalt sein, ich will 
für Euch ganz methodisch wirken und nichts im 
Laufe Eures Wartejahres unversucht lassen, um 
Euch und Eurem Lebensglücke vorzuarbeiten. 
Aber ich mache zur Bedingung, daß Ihr Eure 
Idee, Fräulein Emmy zu einem fortgesetzten 
Liebesbriefwechsel zu benutzen, aus Gründen der 
Vorsicht ausgebt. Wichtige Geheimnisse, die sich 
vor Entdeckung fürchten müßten, würden Eure 
harmlosen Herzeilsergüsse zwar nicht enthalten, 
indeß halte ich für Ihre Sporen, Herr Theo, 
und für Deine Nutze und Deinen Frieden, liebe 
Nichte, eine b r i e f l o s e Wartezeit für zweckmäßiger. 
Unb dann ist das auch ein Zugestündniß, das 
ich Deinem Vater, liebe Luise, dem ich pflicht 
getreu von dieser Stunde denkwürdigen Gedanken 
und Empfindungen berichten muß. machen möchte. 
Uebrigens, ganz aus dem Trockenen sollt Ihr 
so lange doch nicht sitzen bleiben, denn ich erbiete 
mich,. den Postboten gern zu empfangen, wenn 
der alten Tante ein gewisser Herr Theo etwa 
hier ltnb da etwas von sich und seinem Fort 
kommen zu berichten haben sollte, wo zwischen den 
Zeilen so kleine Herzensgrüße für eine gewisse 
blaße Maid zu lesen wären. Auch würde ich 
nicht anstehen, au den jungen Forstmann in den 
freiherrlichen Wald Bericht zu erstatten, wenn 
sich etwas ereignen sollte, was die Verhältnisse 
hier verschiebt, bessert oder sonstwie verändert. 
Mehr kann ich allerdings nicht thun und des 
halb auch nicht zusagen. Auch kann ich nicht in 
die Zukunft sehen und Vorsehung nicht spielen. 
Hoffen wir das Beste!" 
Der junge Mann erhob sich, küßte der Tante 
die Hand, dankte herzlich für ihre wohlwollende 
Gesinnung und empfahl sich, indenl ihm das 
Fräulein die besten Glück- und Segenswünsche 
mit aus den Weg gab. 
Als sich darauf die Tante diskret in ein Neben 
zimmer zurückzog, lagen sich die juugeu Leute zehn 
selige Minuten lang, lachend und weinend, Ab 
schied nehmend und Treue schwörend in den 
Armen, bis Theo, einen feuchten Blick noch ans 
sein Lieb und über beii traulichen Wohnranm der 
herrlichsten aller Tanten werfend, langsam und 
zögernd hinausging. 
Dann, als die Vorgangsthür in's Schloß ge 
fallen war, schrie Luise laut auf und meinte still 
vor sich hin, während die Tante sie ruhig ge 
währen ließ. 
„Sei nicht böse, Tantchen, daß ich Dir etwas 
vorheule, aber ich kann nicht anders. Denn 
wer kann wissen, wann und wie ich ihn, der eben 
ging, je wieder sehen werde." 
Während dessen besorgte das Fräulein seine 
kleinen abendlichen Hausfranen-Arbeiten, nahm 
das Bauer des zuthunlichen zahmeil Vogels herein 
und ließ Mieze auf ihr stürmisches Verlangen 
über die Dächer und über die Bäume hin in's 
Freie. 
Als nunmehr von unten, von Kinderstimmen 
gesungen, jener herzerfrischende Sang: ,,Der Mai 
ist gekommen" ertönte, da faßte Tante ihr 
trauerndes Nichtchen unter's Kinn, suuunte „da 
bleibe wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus" mit, 
trocknete dem Kinde die noch immer kollernden 
Thränen ab und brachte alsbald ein Glas Wein, 
das Luise, ob sie wollte oder nicht, trinken mußte. 
Daun wurden die thränenschweren Augen gekühlt 
und gewaschen und: „Nun komm, jetzt bringe ich 
Dich nach Hause!" Und so geschah es. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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