Full text: Hessenland (11.1897)

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darüber/ daß man an maßgebender Stelle eine 
solche Politik'befolgt habe, ohne darawzu denken, 
die Truppen bei Zeiten in den zu deren Dnrch- 
sühruüg erforderlichen Stand zu bringen. Daß 
es möglich lein werde, die Mobilmachung km 
Härmn durchzuführen, wurde allgemein bezweifelt, 
und was das' Ende der ganzen Verwickelung seist 
werde,' darüber wagte niemand eine Meinung 
zu äußern, aber allen sah man an. daß sich ein 
jeder diese Frage am Stillen vorlegte. Die Unge 
wißheit in dieser Hinsicht und die Wahrscheinlich 
keit, die jeder fühlte, daß wir einem rühmlosen 
Ende entgegengingen, war wohl die Hauptursache 
der herrschenden Niedergeschlagenheit. 
Nach kurzem Aufenthalt verabschiedete ich 
mich von den Kameraden und lenkte meine 
Schritte unsrer Kaserne zu, um zu sehen, ob 
man sich auch dort aus die kommenden Er 
eignisse vorbereite. Zu meiner großen Ueber- 
raschung fand ich alles dunkel und still, wie es 
in gewöhnlichen Zeiten um diese Stunde ja auch 
sein mußte. Nach kurzer Erwägung der Frage, 
ob ich mich darauf beschränken solle, bei meiner 
eigenen Batterie die Vorbereitungen für den 
Abmarsch in Gang zu bringen, oder ob ich 
auch den übrigen Batterien Nachricht geben solle, 
entschloß ich mich mit Rücksicht auf meine 
subalterne Stellung, die mir nicht das Recht 
gab, irgend welche Anordnungen zu treffen, 
nur dem Feldwebel meiner Batterie von dem 
Mittheilung zu machen, was in der Infanterie- 
kaserne vorging, damit er die Anweisungen des 
Batteriechefs einholen könne. Ich dachte mir 
wohl, daß mein Feldwebel auch die anderen 
Batterien benachrichtigen und so bald das ganze 
Regiment erfahren würde, was los war. Diese 
Erwartung täuschte mich nicht, denn wie ich am 
nächsten Morgen erfuhr, waren bald nach meiner 
Anwesenheit in der Kaserne dort bei sämmtlichen 
Batterien ähnliche Vorbereitungen im Gange, 
wie ich sie in der Infanteriekaserne beobachtet 
hatte. 
Nunmehr begab ich mich endlich nach meiner 
glücklicherweise ganz in der Nähe gelegenen Woh 
nung und packte meinen Koffer. Mittlerweile 
war es 2 oder Uhr geworden, und das Be 
dürfniß nach Ruhe machte sich geltend. Stiefel 
und Rock abwerfend, legte ich mich halb angekleidet 
auf's Bett, aber ein eigentlicher Schlaf wollte 
sich nicht einstellen. Anfänglich war meine Ein- 
hildungskraft geschäftig, sich die Ereignisse aus 
zumalen, die uns anscheinend bevorstanden. Diese 
wurden allmählich immer abenteuerlicher und 
verworrener, und endlich verfiel ich in eine Art von 
Halbschlaf. So wenig erquickend ein solcher 
gewöhnlich ist, so wirkte die körperliche Ruhr 
doch wohlthuend/ itttb als'ich gegen 4 Uhr Morgens 
wieder völlig wach würde sühlttz ich keine Spur 
von Müdigkeit mehr, sodaß ich mir sagen mußte, 
der Versuch, nöchmäl einzuschlafen, sei gänzlich 
aussichtslos. Aber was sollte ich anfangen? 
ZuM Lesen fehlte Mir die nöthige Ruhe und 
Sammlung, und nichts zu thun war' fast noch 
unerträglicher. So beschloß ich denn, mich an 
zukleiden und die Königsstraße hinauszugehen. 
Dort war vielleicht etwas Neues zu erfahren. 
Inzwischen war es schon ganz hell geworden, 
aber allem Anschein nach stand uns ein trüber, 
regnerischer Tag bevor. In der Infanterie- 
kaserne, woran ich wieder vorbeikam, herrschte 
jetzt Ruhe. Nur einzelne Soldaten sah man an 
den Fenstern und auf dem Käsernenplatze. Im 
Uebrigen waren die Straßen vollständig still und 
menschenleer, sodaß ich fast ein Gefühl der Ent 
täuschung nicht unterdrücken konnte. Allein der 
einsame Spaziergang sollte doch nicht ohne eine 
Begegnung vorübergehen, die einen tiefen Ein 
druck auf mich mackte. 
Als ich am Königsplatze angelangt war, kam mir 
von der obern Königsstraße her ein Stabsoffizier 
entgegen, in dem ich bei weiterer Annäherung 
den Oberstlieutenant Krupp vom Kriegs 
ministerium erkannte. Dieser wohnte schon seit 
einer langen Reihe von Jahren mit meinen 
Eltern in einem Hause und. hatte mich gewisser 
maßen aufwachsen sehen, sodaß er mich auch 
jetzt noch duzte und ich mit ihm auf weniger 
förmlichem Fuße stand, als es sonst zwischen 
einem jungen Lieutenant und einem Stabsoffizier 
üblich ist. 
„F . .! Was soll aus uns werden?" ries er 
mir, mich mit meinem Vornamen anredend, zu. 
„Wiesoll das enden? Daß ich das noch erleben muß!" 
Dabei liefen dem alten Herrn die hellen 
Thränen über die Wangen. Als wir zusammen 
trafen, ergriff er mich bei beiden Händen und 
gab seinem Schmerze Ansdruck, daß die Armee, 
der er so viele Jahre angehört hatte und die, 
so klein sie auch war, doch auf eine ruhmreiche 
Vergangenheit zurückblicken konnte, allem An 
scheine nach einem wenig glorreichen Untergange 
entgegenging. Der aufrichtige, tiefe Schmerz des 
braven alten Offiziers erschütterte mich mächtig 
und ließ den Ernst der ganzen Lage recht lebhaft 
vor meine Seele treten. Meine Frage, ob der 
Befehl zur Mobilmachung schon erlassen sei, 
beantwortete er verneinend, setzte aber hinzu, er 
sei jeden Augenblick zu erwarten. Mit den Worten: 
„Wir" (b. h. das Kriegsministerium) „können 
aber die Truppen nicht mobil machen; sie müssen
	        

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