Full text: Hessenland (11.1897)

Erinnerungen aus den letzten Tagen eines deutschen 
Fürstenttzums. 
Von einem ehemaligen kurhessischen Ossizier. 
(Fortsetzung.) Nachdruck verhole,.) 
¿¡haiitaiö war ich noch jung, und Krieg ist ja 
jft bekanntlich sür beit jungen Offizier der heißesten 
Cj Sehnsucht Ziel. Für mich hatte der bevor 
stehende Ausmarsch zunächst nur die Bedeutung, daß 
das .langweilige Einerlei des Friedensdienstes, wie 
er sich Tag sür Tag, Woche für Woche nun schon 
seit Jahren ableierte, aufhörte. An dessen Stelle 
sollte stete Abwechslung und Aufregung treten; 
wir sollten der Garnisonstadt den Rücken kehren, 
in der schönsten Jahreszeit in das herrliche Hessen 
land hinausziehen, jeden Abend gern gesehene 
Gäste an einem andern Orte und immer in der 
Gesellschaft fröhlicher Kameraden sein! Freilich, 
die rechte Freudigkeit wollte doch nicht kommen, 
denn das, was der Begeisterung des Soldaten 
erst ihre wahre Weihe giebt, das Bewußtsein, 
sür eine gute und gerechte Sache hinauszuziehen, 
das fehlte! Dazu war ich doch alt genug, mir 
zu sagen, daß der bevorstehende Krieg, auf welcher 
Seite wir auch stehen mochten, unter allen Um 
stünden traurig sei, daß man sich sür ihn nicht 
begeistern konnte. Und das sagte mir meine 
militärische Einsicht ebenfalls, daß wir bei dem 
gänzlichen Mangel, an Vorbereitungen jedem 
Kampfe sorgfältig ans dem Wege gehen müßten 
und daß es sich demnach sür uns weniger um 
einen Feldzug, als um eine Art von — Flucht 
handle, die ein zufälliges Zusammentreffen mit 
dem Feinde leicht in eine sehr rühmlose Nieder- 
lage verwandeln könne. 
Das waren allerdings Erwägungen, die die 
Aufregung des Augenblicks noch nicht recht zur 
Klarheit kommen ließ, und so wirkte denn die 
kühle Ruhe, die meine Eltern meiner Erregung 
entgegensetzten, wie ein kalter Strahl, und ich 
schlich einigermaßen ernüchtert von dannen. 
Neue, aufregende Eindrücke ließen diese Stimmung 
jedoch nicht von langer Dauer sein. 
Mein weiterer Weg führte mich an der Jn- 
santeriekaserne vorbei. Während der gewaltige 
Bau sonst um diese Zeit — vier Stunden nach 
Zapfenstreich — ruhig und dunkel dazuliegen 
pflegte, herrschte jetzt Leben und Bewegung. Fast 
alle Fenster des großen Gebäudevierecks, das an 
einer Seite von der Königsstraße durchschnitten 
wurde, waren erhellt, und die Soldaten eilten 
geschäftig hin und her. Wie ich auf Befragen 
erfuhr, war ihnen der bevorstehende Ausmarsch 
mitgetheilt und gerathen worden, ihr in der 
Kaserne befindliches Prwateigenthum Freunden 
und Bekannten zur Aufbewahrung zu übergeben. 
Die Leute trugen zum größten Theil, wie ich 
trotz der Dunkelheit erkennen konnte, ganz neue 
Anzüge, die „Kriegsgarnitur". Die Kompagnien 
hatten sie deinnach schon von den Kammern aus 
gegeben. Da hatte ich denn eine beinahe offizielle 
Bestätigung der Mittheilungen, die mir Lieutenant 
von Uslar gemacht hatte. 
Auch die Fenster der Dienstwohnungen der 
beiden Bntaillonsadjutanten, der Lieutenants 
Osterwald und von Lorenz, von denen dieser 
ebenfalls mein Klassenkamerad im Kadettencorps 
gewesen, also näher mit mir befreundet war, 
waren noch erleuchtet, und ich beschloß, zunächst 
einen Augenblick zu ihnen hinauszugehen, um 
vielleicht bei ihnen noch etwas Bestimmteres zu 
erfahren. 
In der Stube des Lieutenants von Lorenz 
fand ich eine größere Zahl von Offizieren ver 
sammelt, unter denen auch einige ältere Premier 
lieutenants waren. Aus der Unterhaltung entnahm 
ich, daß der Befehl zum Abmarsch allerdings 
stündlich zu erwarten sei, jedoch schwerlich in der 
Art erfolgen werde, daß die Garnison alarmirt 
und dann der Marsch sofort angetreten würd- 
sondern einige stunden Zeit zur Vorbereitung 
würde uns wohl gelassen werden. Der Marsch 
solle voraussichtlich in zwei Kolonnen stattfindet, 
wovon die eine, die Hauptkolonne, zunt Leipziger- 
Thor hinausmarschiren und die alte Nürnberger 
Straße über Melsungen, Rotenburg, Hersfeld nach 
Fulda einschlagen, die zweite, hauptsächlich aus 
Kavallerie und reitender Artillerie zu bildende 
Kolonne Kassel durch's Frankfurter Thor ver 
lassen und über Honiberg mehr auf Nebenwegen 
parallel zur Hauptkolonne marschiren werde, um 
deren rechte Flanke zu decken, da die Preußen 
von Wetzlar her erwartet wurden. In der 
Gegend von Hanau solle dann unter dem Schuhe 
der süddeutschen Verbündeten die Mobilmachung 
ausgeführt uud die Armeedivision in Siend gesetzt 
werden, thätigen Antheil am Kriege zu nehmen. 
Im Allgemeinen herrschte unter den Versammelten 
eine recht gedrückte Stimmung. Die Unterhaltung 
stockte häufig und wurde nur mit halblauter 
Stimme geführt. Meist hob sie die weiter oben 
berührten trüben Seiten unsrer Lage hervor, und 
daneben machte sich eine gewisse Bitterkeit bemerkbar,
	        

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