Full text: Hessenland (11.1897)

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Bäubc des Königlichen Bcrgamts steht, gebient 
hat. Die erstgenannte Kapelle wich 1320 dem 
Ban eines Chorherrnstifts, auf das wir gleich 
zurückkommen werden, die letztgenannte war 1440 
noch vorhanden, ist aber seitdem in Folge der 
Anlage anderweiter Gebäude, einer Stiftsschule 
und später der Altanen südwestlich des jetzigen 
Schlosses, spurlos verschwunden. 
Das Stift — zu St. Egidius und Er- 
hardus — wurde also 1340 von Berthold X. 
gegründet und bestand aus einer Reihe uns hier 
nicht interessirender Gebäude, die als Wohnungen 
für die Stiftsherren dienten, und einer Kirche, 
in der, als Berthold am 15. April 1340 auf 
der Burg Wallrab gestorben war und sein Leich 
nam in das fürstliche Erbbegrübuiß zu Kloster 
Veßra bei Schleufingen gebracht wurde, das 
Herz — und die übrigen Eingeweide — Berthold's 
in goldener Kapsel beigesetzt wurden. Hierin ist 
aber nicht, wie die Chronisten wollen, ein be 
sonderes Zeichen der Vorliebe des verstorbenen 
Fürsten für seine Stiftung zu finden, sondern es 
entsprach dem damaligen Gebrauch, einen in ein 
entferntes Begräbuiß zu bringenden Leichnam zu 
öffnen, die Eingeweide, nicht blos das Herz, 
herauszunehmen und am Ort des Todes beizu 
setzen und nun den dadurch der schnelleren Ver 
wesung entzogenen Leichnam in das Erbbegräbnis 
zu führen; so werden wir die Sache auch hier 
aufzufassen haben. 
Die Stiftskirche iuteressirt uns hier besonders. 
Sie war derart erbaut, daß ihr Chor an der 
Stelle der jetzigen Aufschüttung des Exerzierplatzes 
stand, die Kirche selbst aber weiter nach Westen 
hin vorgebaut war. Der Chor mußte daher 
alsbald bei Beginn des Baues 1584 abgebrochen 
werden, um Platz für die Aufschüttung der ab 
gegrabenen Erdmassen zu gewinnen, während die 
Kirche einstweilen ohne Chor sortbenutzt wurde. 
Das Schiss der Kirche mag bis in die Nähe 
des jetzigen Erholungsgebüudes gereicht haben. 
Nach Geisthirt's Historia Schmalkaldica 
hatte das „mit schönen Gemälden gezierte" Innere 
der Kirche bis zum Gewölbe eine lichte Höhe 
von 11 Klaftern. Einen Thurm — selbstver 
ständlich außer einem Dachreiter mit dem Meß- 
glöckchen — besaß die Kirche nicht, ihr pracht 
volles Geläute hing ans einem Thurm in der 
Nähe der Kirche. Von der Stadt, dem Luther 
platz oder Töpfeumarkt aus, führte, wie man 
noch jetzt aus der nördlichen Baufluchtlinie des 
Schloßbergs ersehen kann, ein gerader Weg zum 
Eingang des die Kirche umgebenden Kirchhofs, 
neben dem her man zur Burg gelangte. Pvu 
Süden her stieß das zu dem dort liegenden Hause 
gehörige Gartengrundstück daran, von dem ein 
Theil angekauft werden müßte, um den genügenden 
Platz zur Abstürzung der überflüssigen Erde und 
zur Anlage des neuen Schloßweges zu erlangen. 
Vom Eingang dieses Kirchhofs ist einmal der 
1537 verstorbene und in der Stiftskirche begrabene 
Hennebergische Amtmann Ritter Wendel Floß 
„mit einem Kürraß angethan auf feinem Pferde 
in vollem Lauf den Berg hinab bis zum Töpfen- 
markt zu jedermanns Erstaunen gerannt". Der 
Kirchhof war mit einer Mauer umgeben, in der 
sich der Eingang befand. Da dieser Eingang 
nach Geisthirt's Mittheilungen mit allerhand 
zierlichen Portalen und Bildern versehen gewesen 
ist und darüber ein Holzthurm mit Ziegeldach 
errichtet war, in dem die vier Glocken der Stifts 
kirche hingen, so muß man annehmen, daß der 
Eingang aus einem Thvrgebäude bestanden hat. 
Von dem Eingang, der an dem äußersten Ende 
der Terrasse des Exerzierplatzes gestanden hat, 
da' wo jetzt das oberste Häuschen unter der 
Terrassenmauer steht, führte eine Treppe zur Kirche 
hinauf. Weil dieser Glockenthurm nach dem 
Gesagten auch bei den Erdarbeiten im Wege war, 
so wurde er Ende 1585 niedergelegt; die drei 
kleineren Glocken, für welche in dem geplanten 
Thurm der Schloßkirche Platz vorgesehen war, 
wurden einstweilen in ein anderes Gerüst gehängt, 
die größte, die 1555 von Lorenz Reinhardt 
zu Schmalkalden gegossene „große Oster" 
wurde der Stadt geschenkt und von dieser auf 
bent nördlichen Thurm der Stadtkirche ausgehängt. 
Neben dem Eingang nach der Stadt zu standen 
zwei große alte Linden, vielleicht die Bäume, 
unter denen von Altersher das Centgericht abge 
halten worden war. 
Der Tag vergeht. — Um Himmel bald 
Versinken hintrr'm Hührnwald 
Die goldnrn Molkrnkühnr. 
Durch Föhren fließt das MondrnUcht, 
K» mir dnrch dunkle Wimpern bricht 
Ganz heimlich eine Thräne. 
— 
Am Abend. 
Nie Slnmlei» in des Traums Gewalt 
Ute seht äsen fest, die Kehre wallt, 
Still ist's im Hain und sinster. 
Nur nntrr'ni grünen Blätterdach 
Gin laues Lüftchen ist noch wach 
Und streift dnrch Ära nt und Ginster. 
—• —5{i—i—♦ 
(Schluß folgt.) 
Auch dir, mein Herz, ward's Abend mui. 
Diel alte Schmerzen friedlich rnh'n, 
Die fönst dir Mrh bereiten. 
Dur rinfam in der Sommernacht 
Die Liebe wir das Lüftchen facht 
Berührt des Traumes Saiten. 
Elisabeth Mentzel.
	        

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