Full text: Hessenland (11.1897)

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Und als den grünen Linden 
Sie nahen unsichtbar, 
Saß unter ihren Zweigen 
Ein glücklich Liebespaar. 
Die arme Seele bebet 
Und spricht kein einzig Wort, 
Da trägt sie stille der Engel 
Zn seinen Armen fort. 
Er trägt sie hoch und höher 
Zn blauer Luft empor, 
Bis daß sie endlich stehen 
Am goldnen Himmelsthor. 
Da spricht die arme Seele- 
„Zcy darf ja nicht hinein, 
Muß tausend Zahr noch dulden, 
Die schlimme Höllenpein." 
Der Engel aber schauet 
Sie an mit sel'gem Blick: 
„Du littest tausend Zahre 
Zn einein Augenblick." 
Aus „Neue Gedichte", Darmstadt J85J. 
Luise von Hckönnies, 
geb. )863 zu Nanau. 
Die ehemalige Burg Waüratr über KchmalKalden. 
Von Otto Gerland. 
o.stattlich sich die malerisch gelegene Stadt 
Schmalkalden mit ihrem Schloß Wil 
helmsburg auch ausnimmt und wie sie sich 
auch noch viel stattlicher dargestellt haben mag, als 
die Wilhelmsburg noch ihre mit Löwen verzierten 
Giebel gleich dem ihr fast genau entsprechenden 
Marstall zu Kassel besaß, ein noch viel groß 
artigeres Bild muß die Stadt im Mittelalter 
gewährt haben, als über ihr, die von einer bitrci) 
viele Mauer- und Thorthürme unterbrochenen 
Mauer umgeben war, auf dem vorspringenden 
Abhang der Queste die in der Blüthezeit der 
Gotik erbaute Stiftskirche zu St. Egidius 
und Erhardus thronte und über dieser auf 
einer nach allen Seiten steil abfallenden Kuppe 
sich das Schloß Wallrab erhob, dem die damals 
sicher noch bewaldete Queste und die fchön ge 
schwungenen Linien des Thüringer Waldes, „der 
hohen Loibe", einen schönen Hintergrund ge 
währten. Von dieser Burg haben sich nur noch 
geringe Spuren erhalten, weil Landgraf Wil 
helm IV., als er seine Lieblingsschöpfung, die 
Wilhelmsburg, in's Leben rief, selbst den Berg, 
auf dem die Bürg gestanden hatte, anders ge 
stalten lassen mußte, um die nöthige Grundfläche 
für sein den modernen Ansprüchen angepaßtes 
Schloß zu erhalten. Er ließ den Burgberg, soweit 
es nach seinem Plane nöthig war, durch „die 
(Nachdruck verboten.) 
Brotteroder Berggesellen"*) abtragen, womit 
selbstverständlich alle darauf befindlichen Gebäude 
in Wegfall kamen; die abgetragene Erde wurde 
nach der Stadt zu aufgefchüttet, wodurch man 
einen geräumigen, später mit einer Terrassenmauer 
gestützten Vorhof vor dem Schloß gewann. Des 
halb finden wir nur noch den alten Burgbrunnen, 
einen nach Osten zu gelegenen (1592 umgebauten) 
Mauerthurm, bis zur Stunde der Wallrabsthurm 
genannt, und rechts und links von diesem kleine 
Theile der nordöstlichen und südöstlichen Befestigung. 
Diese Reste aber und die chronistischen Nachrichten 
geben uns im Hinblick auf die Grundsätze für 
die Anlagen von Burgen die Möglichkeit, uns 
doch ein ziemlich anschauliches Bild des alten 
Schlosses vor die Augen zu rufen, was im Nach 
folgenden versucht werden soll. 
Da die Burg 1227 bereits erwähnt wird, so 
muß sie der ältesten Zeit der Anlagen von Burgen 
entstammen, also etwa der Zeit des 11. oder 
12. Jahrhunderts; ihr Zweck war, abgesehen vom 
*) In Laste und Gerland's Werk: „Schloß 
Wilhelmsburg bei Schmälta l d e n" (Berlin 1895) 
befindet sich in dieser Richtung S. 23 Spalte 1 Zeile 12 
von unten ein sinnentstellender Druckfehler, in dem dort 
statt „Brotteroder Verggesellen" gedruckt ist: „Brotte 
roder Brenzgesellen". Diesen mit meiner Entfernung 
vom Druckort zu entschuldigenden Fehler will ich wenigstens 
an dieser Stelle berichtigen.
	        

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