Full text: Hessenland (11.1897)

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Praris zu erringen. Unser Glück war groß, und 
es ging auch alles nach Wunsch. 
Ta, eines Tages voll Sturm, Schnee und 
Regen, — es war im Februar des Jahres, in 
welchem der Mai den glücklichen Abschluß, unserer 
glücklichen Brautzeit zu bringen bestimmt war, — 
kam Papa krank und fröstelnd von einem Leichen- 
begäugniß nach Hause und legte sich zu Bett. 
Ter Arzt war gerade im Orte, wurde gerufen 
und schüttelte bedenklich das Haupt. Andern Tages 
kam der Sanitätsrath wieder, aber wir meinten, 
es ginge Later besser, nur das Husten und 
Hüsteln bereite ihm Schmerzen. Indeß der Arzt 
machte sein ernstes Gesicht weiter, kam Tag für 
Tag und am sechsten Tage sogar in Begleitung 
eines Kollegen. 
Ungeachtet der trüben Mienen der Aerzte fanden 
wir den Patienten eigentlich doch gar nicht so 
sehr krank. Later nahm vielmehr Antheil an 
allem und sprach sogar vom baldigen Wieder 
aufstehen. Aber wir ließen den Kranken doch 
vorsichtigerweise trotz seines Widerspruches nie 
allein, bei Tage und bei Nacht saß entweder 
Mutter oder ich oder auch vertretungsweise die 
ältere von unseren beiden Mägden vor dem 
Krankenbette. 
Sv ging es bis zu der siebenten Nacht, in 
welcher ich, als sonst alles in tiefer Nutze lag, 
plötzlich fand, daß mit dem guten Later eine 
Leründerung vorging. Er wurde ruhiger, unb 
voll froher Hoffnung ruhten meine Augen auf 
dem jetzt so bleichen, lieben treuen Antlitz. Nun, 
so hoffte ich, würde alles wieder gut werden, 
vollends als Later gar anfing zu sprechen, war 
ich ganz glücklich, Aber was er sprach, das gefiel 
mir nicht: er sprach davon, daß sein Haus bestellt 
und seine Ersparnisse geordnet seien, daß jedoch 
die schwächliche Mutter, der ich längst alle Pflichten 
abgenommen habe, die drei Jungen schwerlich 
durchbringen würde, wenn er jetzt abberufen werden 
und ich in einigen Monaten dann auch gehen 
sollte. 
Ta gab ich dem kranken Later das Lersprechen, 
daß ich Mutter imb Brüder nicht verlassen würde, 
so lange sie meiner bedürften, und an dem schwachen 
Truck seiner Hand fühlte ich, daß er beruhigt 
und mir für dieses Gelöbniß dankbar war. Als 
er sich darauf zur Seite wandte und gleichmäßig, 
etwas geräuschvoll athmend schlummerte bis zum 
frühen Morgen, ging ich dem Arzte freudestrahlend 
und Besserung meldend entgegen. Aber der Mann 
der Wissenschaft, den ich in jenem Augenblicke für 
einen Skeptiker, Pessimistelf und Misanthropen 
hielt, schüttelte ungläubig sein graues Haupt uud 
trat rasch forschend an das Krankenlager. 
Ebenso rasch schrieb er eine Verordnung aus 
und ordnete schleunige Entsendung des Knechtes 
zur Apotheke an. Und mir gab er die Hand, 
der Sanitätsrath, und sagte traurig, ich solle mich 
nicht täuschen lassen, mit Later sei es nicht besser, 
er sei im Gegentheil kränker geworden, sei be 
wußtlos und gebe Anlaß zu den ernstesten Be 
sorgnissen. 
Als ich sprachlos und entsetzt, dem Umfallen 
nahe, den Arzt anstarrte, da hieß es: ,Liebes 
Fräulein, Kopf hoch! Sie sind sonst immer so 
energisch, so thatkräftig gewesen, Sie dürfen 
uns nicht Zusammenknicken. Gehen Sie und seien 
Sie stark, indem Sie schonend Ihrer kränklichen 
Mutter die trübe Nachricht beibringen.' 
Nachdem des Mittags gegen 12 Uhr wirklich 
unser guter, treuer Vater seine freundlichen Augen 
für immer geschlossen hatte, durften sich alle 
ihrem Schmerze hingeben, alle im großen Kirch 
spiel ihr schmerzliches Weh hinausschreieu. Nur 
ich, diejenige, die wohl am meisten getroffen war, 
mußte stark sein, mußte mich beherrschen und 
schaffen, denn mir gab man keine Zeit, die Trauer 
zu pflegen. 
Als sie ihn dann zur letzteu Ruhe gebettet 
hatten, da wußte ich, daß sie mir mit den: un 
vergeßlichen lieben Vater auch meine Hoffnung, 
mein Lebensglück begraben hatten. Denn was 
ich dem sterbenden Vater gelobt hatte, mußte ich 
halten, das war eine heilige Schuld. 
Aber nachher, als die auswärtigen Verwandten, 
die Brüder, die Oheime und auch mein Verlobter 
zu ihren Berusspflichten zurückeilend das stille 
Trailerhans wieder verlassen mußten, da brach 
das verhaltene Weh sich gewaltsam Bahn, und 
laut aufschreiend gestand ich in den Armen meines 
Bräutigams inein Gelöbniß, meinen Entschluß 
und meine Pflicht. Ich sah ihn bleich werden, 
den großen, starken, theueren Mann, ich hörte 
verschleiert, wie er von der Zeit Trost und Besse 
rung erhoffte, aber er, wie ich, wir mußten still 
haltell. 
Erst nlußte unsere eheliche Verbindung aus un- 
bestiinmte Zeit verschoben werden, und hernach 
gab ich ihm sein Wort zurück, da es nicht abzu 
sehen war, wann ich die Seine werden konnte. 
War ich doch dem kranken, unselbstständigen lieben 
Mütterchen im Pfarrer-Wittwenhause nur noch 
unentbehrlicher geworden als früher, und ,Erh 
er sollte, so sehr er sich auch sträubte, frei sein 
und nicht aus Jahre hinaus hoffnungslos an mir 
eine Kette behalten. 
So bin ich eine alte Jungfer geworden, mein 
Kind, und so sehr ich anfangs auch gelitten habe, 
so verzweislungsvoll meine Lage anfangs schien,
	        

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