Volltext: Hessenland (11.1897)

zum Troste auch sagen, sie kannte ja ihren statr- 
köpsigen Bruder nur zu gut und deshalb hatte 
sie selbst nür schwache Hoffnung. 
Doch Fräulein Karoline Römer, bei der so 
Mancher aus derü Städtchen in den verschiedensten 
Lebenslagen Rath, Trost und Hilfe suchte und 
fand, mochte ihr geliebtes Nichtchen nicht nnge- 
tröstet ziehen lassech Und aus diesem Grunde ver 
sprach sie ihm, sie werde es heute noch versuchen, 
den Vater in seiner Unzugänglichkeit milder zu 
stimmen. „Aber, liebe Nichte, es ist immerhin 
ein Wagniß, Deinen Vater so direkt zu bestürmen, 
denn wenn er bei seinem Widerstand bleibt — 
und das sürchte ich —, dann wird er, wie ich 
ihn kenne, von da ab noch unerbitterlicher sein 
und wird das schroffer noch zum Ausdruck bringen 
als bisher. Und wir dürfen auch nicht übersehen, 
daß seine Abneigung gegen eine verwandtschaft 
liche Verbindung mit der Familie Ritter immer 
hin gewisse Berechtigung hat, liebes Kind, weil 
der alte Ritter derjenige ist, welcher immer wieder 
geflissentlich daran erinnert, daß Dein Theo Vater, 
Mutter, Bruder, Schwester hat, die so gar nichts 
mit uns gemein haben, so gar nicht zu uns 
passen. — 
Weine nicht, Luise, wir dürfen aber doch Deinen 
Vater nicht allein verantwortlich machen, wo 
der alte Ritter nicht nur nicht im Interesse 
seines Sohnes, sondern ganz offenkundig gegen 
seines Sohnes Wünsche zu Felde zieht. — Am 
besten wäre es, wenn Ihr für jetzt, — Ihr seid 
ja beide noch jung, — gar keinen Anlauf mehr 
wagen und Eure Herzenswünsche bis aus bessere 
Zeiten, bis sich die Dinge vielleicht glücklicher für 
Euch gefügt haben würden, ruhen lassen wolltet. 
Es wäre besonders für Dich, die Du Dich in 
Kummer und Sorgen augenscheinlich verzehrst, 
gewißlich eine wohlthätige Ruhepause." 
„Aber, liebe Tante," entgegnete rasch aufspringend 
das junge Mädchen, „das ist ja rein unmöglich! 
Die Liebe läßt sich so doch nicht gebieten, und 
wie wahre Liebe nimmer aufhört, so kann man 
sie auch nicht aus Vernunftgründen in einen zeit 
weifen Ruhestand versetzen. Wie ich nicht von 
ihm lassen kann, so kann ich auch nicht aufhören, 
an ihn zu denken, für und um ihn zu kämpfen! 
— Es ist mir ganz unmöglich, auch wenn es 
wirklich zu unserer aller Besten wäre. Ich kann 
nicht, liebes Tantchen!" 
„Ja, die Jugend will stets mit Gewalt in 
allem glücklich fein", erwiderte die Tante, „und 
doch, mein Kind, muß man still halten, wenn der 
Traunl einer glücklichen Jugend durch ein widriges 
Geschick schnöde zerstört wird. Des Geschickes 
Mächte sind eben stärker als die Liebe und ihre 
Träüme und Wunsches ich habe das selbst bitter 
empfunden. 
Du horchst-erstaunt ans, und denkst 1 
die alte Tante, die das halbe Säknlum schön 
überschritten hat, will wie so manche andere alte 
Jungfer renvmmiren von Jugendglück und nie 
dagewesenen Verehrern. Aber, liebes Kind, ich 
habe nicht immer hier meine freundliche Klause 
mit meinem fidelen Piepmatz und meiner gemüth 
lich schnurrenden Mieze still und friedlich getheilt. 
Auch ich war einmal jung und, wenn es wahr 
war, was die Leute mir nachsagten, auch passabel 
hübsch. 
Mein guter Vater, Dein Großvater, war, wie 
Dir bekannt, Pfarrer in Großendambach. Mit 
verschiedenen eingepfarrten Dörfern und zwei 
Filialen war sein geistliches Amt recht groß und 
schwer, aber die Pfründe war eine gute, und da 
mein zartes, ätherisches Mütterchen selten gesund 
und auch die Sorge für unsere drei Jungen, von 
denen Dein Vater der jüngste war, mitsprach, 
meldete er sich nicht von Großendambach fort, 
zumal er offenbar ganz in feinem dortigen Seel 
sorgerberufe aufging. Sv lagen mir schon früh 
zeitig in unserem großen Hanswesen schwere 
Pflichten ob. Doch einmal im Jahre erhielt ich 
einen mehrwöchigen Urlaub, um mir Abwechs 
lung und freudige Erholung zu gewähren. Dann 
durfte ich um die Zeit der akademischen Winter- 
vergnügungen zur Tante Professor nach Göttingen 
fahren und dort als sogenannte Wintercousine 
die Studenten-Bälle und sonstige Festlichkeiten 
mitmachen. Und das waren schöne köstliche Zeiten, 
die das Pfnrrertöchterchen von: Lande immer für 
des langen Jahres Einsamkeit mächtig aufkratzten. 
Aber dann, als „Er", der Student der Medizin, 
mit dem ich in den Vorjahren schon immer so 
gern getanzt, dessen Worten ich so gern gelauscht 
und der die schönsten, treuesten Augen hatte, mir 
auf dem sogenannten Abschiedsballe gestanden, daß 
ich fein Ein und Alles wäre, daß er mir gut 
sei und daß er mich noch lieber habe, als seine 
gute Mutter daheim, da habe auch ich ihm glück 
strahlend Herz und Hand versprochen, ihm, der 
ja längst all' meine Träume verherrlicht hatte. 
Alsbald nach bestandenem Staatsexamen war 
mein Geliebter zu den Ettern gekommen, hatte 
Empfehlungsbriefe von Onkel liub Tante ans 
Göttingen gebracht, und die lieben Eltern hatten 
Ja und Amen gesagt. 
Aber drei Jahre sollten und wollten wir warten, 
denn zwei Jahre würde er als Assistenzarzt erst 
seine Kenntnisse praktisch erweitern und befestigen, 
| und ein Jahr wurde dem Herrn Doktor weiter 
j Zeit gegeben, um in einer Landstadt eine lohneiide
	        

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