Full text: Hessenland (11.1897)

101 
warmen Frühlingsabenden dort zu sitzen und dem 
Gesang der unzähligen Nachtigallen in der Aue 
zu lauschen, war ein hoher Genuß. 
Freitags Abend pflegten sich die Mitglieder 
besonders zahlreich einzufinden, weil das der 
sogenannte „offizielle Abend" war, wo die allge 
meinen Angelegenheiten der Gesellschaft, wie Vor 
standswahlen,. Besprechungen zu veranstaltender 
Festlichkeiten und Ausflüge k., erledigt wurden 
und nach Beendigung des „geschäftlichen Theiles" 
in der Regel sehr gute humoristische oder musi- 
kalische Vorträge ausgezeichnete Unterhaltung 
gewährten. Dorthin lenkte ich zunächst meine 
Schritte, traf aber erst wenige Herren anwesend, 
die natürlich von mir die neuesten und zuver 
lässigsten Nachrichten erwarteten. Erst allmählich 
sand sich die Gesellschaft zusammen, da die Mehr 
zahl auch aus dem Friedrichsplatze gewesen war. 
Selbstverständlich war an diesem Abend von 
„geschäftlichen Mittheilungen" keine Rede. Nur 
eine Frage beherrschte die Unterhaltung: „Was 
wird werden? Wie ist die eben getroffene Ent 
scheidung ausgesallen?" 
Ein ziemlich spät eintreffendes Mitglied brachte 
die Nachricht mit, es sei die Absicht der Regierung, 
in der Nacht den Staatsschatz sortschasfen zu 
lassen. 
Bei allen ernstern Streitfällen zwischen Regierung 
und Land war der Staatsschatz stets der erste 
Gegenstand der Sorge der öffentlichen Meinung 
Kassels gewesen, immer wollte eines der ersten 
Gerüchte, die ja bei solchen Gelegenheiten in 
großer Zahl aufzutauchen pflegen, wissen, die 
Regierung beabsichtige den Staatsschatz „in Sicher 
heit zu bringen", d. h. der Ueberwachung des 
ständischen Ausschusses zu entziehen. 
Daß dieses Gerücht auch jetzt sofort auftrat, 
hatte demnach nichts Ueberraschendes, um so mehr, 
als man doch ziemlich allgemein die Empfindung 
hatte, daß sich die Stände durch Nichtbewilligung 
der Mittel zu einer vom Bunde angeordneten 
Mobilmachung formell in's Unrecht gesetzt hatten, 
mochte man ihre Haltung vom rein praktischen 
Standpunkt aus auch für richtig halten. Dazu 
kam ferner, daß bereits in der Sitzung der Stände 
kammer am 14. Juni eine Interpellation ange 
kündigt worden war, ob es wahr sei, daß die 
Regierung den Staatsschatz von Kassel zu ent 
fernen gedenke; und da sich niemand verhehlen 
konnte, daß die Lage in der That so ernst als 
möglich sei, so hatte auch die weitere Mittheilung 
des betreffenden Herrn, daß der Schützen- und 
der Turnerverein die Bewachung des Staatsschatzes 
übernommen hätten, nichts innerlich Unwahr 
scheinliches. Als sich daher gegen HL 12 Uhr unsre 
Gesellschaft zu trennen begann, schloß ich mich 
einer Anzahl näherer Bekannter an, die sich mit 
eignen Augen davon überzeugen wollte, wie Schützer: 
und Turner den Staatsschatz bewachten. 
Dieser wurde in dem Flügel des Bellevue- 
Schlosses an der Fünffensterstraße aufbewahrt, 
der südlich des die beiden Theile dieses Schlosses 
vereinigender: Zwischenbaues liegt, worunter der 
die Verbindung der Bellevue mit der Fünffenster 
straße vermittelnde Thorweg durchführt. Der 
eigentliche Aufbewahrungsort war ein zu dem 
kleinern südlichen Theile des Schlosses gehöriges 
Hintergebäude, das durch ein aus die Fünffenster 
straße rnündendes Thor zugänglich war. 
Die Straßen waren schon sehr still geworden, 
und man merkte in diesem Stadttheil wenigstens 
nichts davon, daß wir „am Vorabend großer 
Ereignisse" standen. Fast ohne einem Menschen 
zu begegnen, gelangten wir über den Friedrichsplatz, 
die Bellevue hinauf nach der Fünffensterstraße. 
Aber auch diese dehnte sich völlig öde und menschen 
leer vor uns aus. Ta war weit und breit kein 
Turner, kein Schütze zu sehen. Als einige von 
uns unserm Gewährsmann gegenüber spöttische 
Bemerkungen nicht ganz zu unterdrücken vermochten, 
meinte dieser ganz gelassen: 
„Anwesend sind die Turner und Schützen schon; 
sie sind nur nicht zu sehen, weil sie sich in den 
Hausfluren der benachbarten Privathauser versteckt 
haben." 
Mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht betrachteten 
wir die schmale Hausthür, wohinter gewiß ein 
enger, kleiner Hausflur lag, des einen Privat- 
hanses, das sich in dem Theil der Fünssensterstraße 
zwischen Bellevue und Franksnrterstraße befand, 
zogen es aber doch vor, den kritischen Augenblick, 
wo der Staatsschatz „geraubt" werden sollte und 
seine Beschützer ans dieser kleinen Thür „hervvr- 
strömen" würden, uufjt abzuwarten, sondern setzten 
unsern Weg fort. 
So gelangten wir über den Meßplatz in die 
obere Königstraße, aber auch hier war alles stille, 
und nichts ließ auf ungewöhnliche Vorgänge 
schließen. In der an der Ecke des Friedrichs 
platzes und der Königstraße gelegenen, von Ssfi- 
zieren viel besuchten Bohnb'sehen Weinstube 
ging es jedoch noch lebhaft zu, und in der Hoffnung, 
dort noch etwas Zuverlässiges zu erfahren, trat 
ich ein, während, meine Freunde ihren Heimweg 
fortsetzten. 
Gleich im ersten Zimmer traf ich einen nähern 
Bekannten, den Lieutenant, v on U s l a r - G l e i eh e n 
von: Leibgarde-Regiment, der all einem Fenster 
saß, das Aussicht nach beut gegenüberliegenden 
Theaterplatz hatte. Als ich mich zli ihm setzte,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.