Full text: Hessenland (10.1896)

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Eine Entscheidung Napoleon's selbst und Anwei 
sung an den Großherzog scheint mir überhaupt nicht 
in dieser Sache erfolgt zu sein, denn im Presby- 
terialprotokoll vom 12. Oktober 1812 theilt 
Pfarrer Brand zur Beruhigung seines Presby 
teriums mit, „daß auf Verwendung meines 
Freundes, Herrn Tadels aus Paris, des Ad 
ministrators der Dotationen der Prinzeß Pauline 
im Schlosse Philippsruhe dahier, der Großherzog 
den Zins für das Kesselstädter Pfarrhaus, als 
eines angeblichen Domänegebäudes, jährlich mit 
80 Gulden zur Bezahlung an die französische Be 
hörde übernommen habe". 
Nur noch einmal kommt von jetzt ab eine 
Maßnahme der großherzoglichen Behörde 
zur Mittheilung — es ist ihre letzte. Am 1. April 
1813 wird im Presbyterialprotokoll der von der 
Kirchenprovision gefaßte Beschluß zur Kenntniß ge 
bracht, daß die Kirche zu Kesselstadt um 1100 Gulden 
bei der Brandversicherung zu Aschaffenburg 
versichert und der Beitrag an die Brandkasse durch 
den Distriktsmaire Sartorius zu Hanau ent 
richtet werden solle. 
Damit verschwinden die französischen Namen 
und großherzoglich Frankfurter Behörden aus 
den Pfarrakten für immer; das Dekretenbuch ist 
ganz verstummt. Das für Deutschland glückliche 
Jahr 1813 hatte andere Zeiten heraufgeführt. 
Ueber die Folgen der französischen Herrschaft 
in Deutschland schreibt Pfarrer Brand fast un 
mittelbar nach der Schlacht bei Leipzig am 
2. Dezember 1813 im Presbyterialprotokoll: 
„Während dieser Periode ward alle häus 
liche und öffentliche Ruhe untergraben, das 
deutsche Staatsgebäude aus seinen Fugen ge 
hoben und in allen seinen einzelnen Theilen auf 
gelöst. Das deutsche Vaterland wurde nicht 
nur im Allgemeinen, sondern auch dessen einzelne 
Bewohner mit ungeheuren Lasten belegt; auch 
Wahrheit und Gerechtigkeit wurden in den 
Staub getreten, die verführte Unschuld des 
Schutzes und der Hilfe gegen den Verführer 
beraubt, die Buhlerei, diese Staatenpest, wurde 
zu einem Erwerbszweige erhoben, ja, die Heilig 
keit des Ehestandes, welche als des Familien 
glückes reinste Quelle durch göttliche und mensch 
liche Gesetze gesichert ist, ward gesetzmäßig ver 
letzt und so dem Leichtsinn, der Ruchlosigkeit 
und dem Unglauben Thor und Thür geöffnet. 
In dieser Lage konnte sich der echte Christ nur 
mit dem tröstlichen Gedanken beruhigen, daß 
Gottes weise und gütige Vorsehung dieser lieder 
lichen Franzosenzeit gewiß ein Ende machen 
werde. Mancher biedere Deutsche, dessen Herz 
voll Liebe zu seinem Fürsten und seinem Vater 
lande glühte, konnte seinen gerechten Unwillen - 
über diese fremde Tyrannei nicht länger mehr 
zurückhalten und suchte und fand dabei Licht 
und Aufklärung in der Geschichte der göttlichen 
Führungen, welche in unseren heiligen Religions 
urkunden aufbewahrt sind." 
Nachdem Pfarrer Brand in seiner weiteren Aus 
führung Jesajas 14 und Offenbarung 9 ganz 
besonders auf Napoleon, „diesen Tyrannen unseres 
Zeitalters", angewandt, fährt er fort: 
„Sichtbarer hat Gottes Vorsehung sich nie 
mals ausgesprochen, herrlicher hat sich noch nie 
ein göttliches Weltgericht in einem irdischen 
Weltereignisse geoffenbart, als es an Napoleon 
und seinen gefühllosen Gehilfen sich darstellte. 
Denn der, dessen Name beinah auf dem halben 
Erdkreise gefürchtet ward, hat es noch erfahren, 
was einst der fromme Assaph in heiliger Be 
geisterung von dem Untergang des Uebermüthigen 
so treffend und wahr bemerkte: Sie gehen unter 
und nehmen ein Ende mit Schrecken." 
Hier anschließend schildert der Pfarrer den Zug 
Napoleon's nach Rußland und die Vernichtung 
seines ungeheuren Heeres durch Schwert, Hunger 
und außergewöhnliche Kälte. 
„Statt sich durch diese sichtbare Einwirkung 
Gottes", schreibt der Erzähler weiter, „zu Frie 
densgedanken leiten zu lassen, sann Napoleon nur 
auf neue Mittel, neue Schlachtopser den Völkern 
entgegenzuschicken, welche nunmehr ihre eigenen 
Grenzen vertheidigen sollten. Jenes wunder 
bare Ereigniß, jene laute Stimme Gottes hat 
nicht umsonst gesprochen; sie weckte auf einmal 
in der Völker Herzen den religiösen Sinn, der 
Glaube an eine gerechte Vorsehung erhielt neue 
Stärke und befestigte die Ueberzeugung, daß 
Gott nun mit seinen Strafgerichten über jenen 
Herrschsüchtigen hereingebrochen seh." 
Trefflich schildert der Patriotische Mann Deutsch 
lands Erhebung, die zur siegreichen Völkerschlacht 
bei Leipzig führte, in nachfolgenden begeisterten 
Worten: 
„Alle Deutsche sahen jetzt den Krieg gegen 
den Kaiser der Franzosen als Gottes Sache 
an und hielten sich verpflichtet, als Werkzeuge 
in Gottes Hand zur Befreiung der unterjochten 
Völker mitzuwirken. Unaufhaltsam eilten überall 
Jünglinge und Männer zu den Waffen und 
waren mit dem hochherzigen Aufruf: ,Für 
Gott und Vaterland' bereit zum heiligen 
Kampfe. Auch jeder Stand und jedes Geschlecht, 
das nicht am gerechten Kampfe Theil nehmen 
konnte, brachte freiwillig jedes Opfer auf dem 
Vaterlandsaltar, um zu dessen Rettung beizu 
tragen. Der hohe Muth der Kämpfer erfocht
	        

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