Full text: Hessenland (10.1896)

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heirathung außer Landes ging, 5 Pfennig 
(20 Prozent) Abzugsgeld erhoben. Auch mußten 
sie beim Abzug einen Abschiedsbrief erwirken, 
widrigenfalls ihre Güter konfiszirt wurden. 
(Judenordnung von 1679.) 
Die Schulden und Lasten ihrer Glaubens 
gemeinde, wie die regelmäßige Schatzung, und 
bei gewissen religiösen Handlungen zu leistende 
Abgaben, so z. B. die Talmud-, Thora-, Jeru 
salemgelder, ferner verschiedene andere Abgaben, 
u. A. Neujahrsgelder und Rinderzungenabgaben, 
hatte die Judenschaft allein zu tragen. 
4. Jüdisches Recht. 
Bei Rechtsverhältnissen zwischen Juden und 
Christen kam das römische Recht zur Anwendung; 
die in erster Instanz zur Kompetenz des Land 
rabbiners gehörigen Sachen wurden nach jüdischem 
Rechte behandelt. 
Bei Streitigkeiten unter einander durften sich 
die Juden nicht an fremde Rabbiner wenden, 
sondern mußten ihre eigenen Rabbiner zu Richtern 
bestellen. Diese waren ermächtigt, nur nach 
mosaischem Rechte zu entscheiden und zu Zwangs 
mitteln zu greifen, doch nur, wenn beide Par 
teien Juden waren und sich dem jüdischen Recht 
innerhalb der Grenzen erlaubter Privatwillkür 
vertragsmäßig unterworfen hatten. Den landes 
herrlichen Regalien und der landesherrlichen 
Jurisdiktion durfte kein Abbruch geschehen. Den 
Rabbinern mußte, ein beeidigter Jude beigegeben 
werden, der dafür zu sorgen hatte, daß die 
Strafgelder richtig zur Hälfte an den Fiskns 
abgeliefert wurden. (Fürstliche Verordnung vom 
1. August 1656.) 
Diese Konzession wurde von der Landgrüfin 
Hedwig Sophie unter'm 1. Oktober 1664 er 
neuert und bestätigt und ebenso von Landgraf 
Karl unter'm 15. März 1679. 
Berufung von den Rabbinern ging an die 
Regierung, in Ehesachen an das Konsistorium. 
In den vor die ordentlichen Gerichte gehörenden 
Sachen, wozu insbesondere alle dinglichen Rechte, 
Erbschaftsangelegenheiten, eheliche Vermögens 
rechte, Ehescheidungen, Delikte, Vormundschaften 
und sonstige Angelegenheiten der freiwilligen 
Gerichtsbarkeit gezählt wurden, gelangte das all 
gemeine Landrecht zur Anwendung ohne Rück 
sicht auf entgegenstehende jüdische Gesetze und 
Gewohnheiten. 
Was die Schließung der Ehen anlangt, so 
bestimmte die Landesgesetzgebung zwar die Be 
dingungen, unter denen den Inden die Heirath 
gestattet wurde, und dehnte die für die Christen 
hinsichtlich der Verwandtschaft und Schwägerschaft 
geltenden Heirathsverbote auf die Juden aus, 
dagegen blieb die Form der Trauung dem 
jüdischen Ritus und die Entscheidung der Frage, 
ob eine jüdische Ehe gültig geschlossen sei, der 
Entscheidung des Landrabbiners überlassen. 
(Roth und von Meibom, Privatrecht.) 
Das Ehescheiden war den Juden laut Juden 
ordnung vom 12. August 1739 bei Strafe ver 
boten. (Schluß folgt.) 
-Rfr-S- 
Aus der Framosenzeit. 
Nach den Akten der Kesselstädter Pfarreirepositur mitgetheilt von 
Pfarrer Hufnagel- Kesselstadt. 
(Schluß.) 
Cy[ uf eine entsprechende Eingabe wird den Pfarrern 
in einenl sehr verbindlichen Schreiben zuge- 
o V sagt, man wolle sich verwenden, daß die ihnen 
in den Jahren 1808 und 1809 zurückbehaltenen 
Besoldungen vom französischen Gouvernement zu 
rückerstattet würden. 
Im Departement Hanau wie gleicher Weise 
in dem von Fulda war in den.Jahren 1809, 
1810 und 1811 zwischen den Geistlichen und ihren 
Gemeinden eine Differenz dadurch entstanden, daß 
letztere das französische Dekret, gegeben Madrid den 
12. Dezember 1808, betreffend die Aufhebung der 
Leibeigenschaft und des Kolonats auch auf die 
Aufhebung der Pfarr- und Schulfrohnden bezogen 
und sich weigerten, dieselben weiterzuleisten. Der 
Kultusminister entschied, daß die in Frage stehen 
den Frohnden als Hand- und Spanndienste mit 
der Leibeigenschaft nichts zu thun hätten, auf die 
allein sich das französische Dekret bezöge. Eine Ent 
schädigung für die in besagten Jahren nicht ge 
leisteten Frohnden wurde aber den Geistlichen 
nicht zugesprochen. 
Besonders scharf ging der Kultusminister 1812 
gegen die int Departement Hanau sich „ein 
schleichenden" Konkubinate vor. In einem gemein 
samen Erlaß mit dein Justiz- und Polizeiminister 
Freiherrn von Albini wird die Gemeinde 
M ottg ers in dieser Beziehung als schwer belastet 
erwähnt und dem Distriktsmaire zu Schwarzen 
fels deshalb eine ernste Zurechtweisung ertheilt.
	        

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