Full text: Hessenland (10.1896)

Am Areuz. 
Szene aus der Christenverfolgnng in Rom. 
er Lärm auf Romas Gaffen ist verrauscht, 
Kein Laut mehr stört die Ruh der Schädelstätte, 
Die Welle nur des Tiberstromes plauscht 
Geschwätzig mit dem Schilf im seichten Bette. 
Kein Lüftchen regt sich, Mandelblüthenduft 
haucht würzig durch die schlummermüden Auen, 
Des Mondes Sichel schwimmt in klarer Luft, 
Aus der krystallne perlen niederthauen. 
vom Marterholz, das hoch und düster ragt, 
Tönt leis ein banges Seufzen jetzt hernieder: 
„wie lang die Nacht! — 0 Herr, gieb, daß es tagt, 
Erlös den Geist, die todeswunden Glieder! 
Ich fleh' zu Dir aus tiefster Noth und Pein, 
Erhör' mich, Herr, dies Herz, o mach' es stille, 
Ich sterbe, Jesu, ja für Dich allein, 
Doch wie Du willst, Dein Wille sei mein Wille!" 
Da regt es sich im Schilf und tritt hervor: 
Zwei Augen, thränenfeucht und gramumdüstert, 
Schau'n zu der bleichen Dulderin empor, 
Und eine schmerzerfüllte Stimme flüstert: 
„was Deines Glaubens Lehrern nicht gelang, 
Dein Leiden hat mein starres Herz bezwungen, 
Ich ward ein Christ aus innerm Glaubensdrang, 
Ein Christ wie Du, Dir ist das Werk gelungen! 
Lucretia, hörst Du mich, vergiebst Du mir, 
Der Dich verstieß, als Christin Du geworden? 
von wildem Schmerz zerrissen knie' ich hier, 
Laß Gram und Reu' den jungen Trieb nicht morden! 
Den todesmuthig Du betratst, den Pfad 
Durch Nacht zum Licht, durch finstern Wahn zum Glauben, 
Auch ich schreit' ihn, gefeit durch Dich zur That — 
0 seg'ne mich, den einst so Blinden, Tauben!" 
Da klingt es jubelnd durch die stille Luft: 
„Gelobt sei Gott! — 0 sel'ges wiederfinden! 
D süßer Trost, jenseits der Todesgruft 
Sich Dir, Geliebter, ewig zu'verbinden! 
Schon winkt mir fern die himmlifch-hehre Pracht — 
So bleib' getreu, Du wirst den Himmel erben! 
Ich seg'ne Dich! — 0 Herr, nun sei's vollbracht! 
Es tagt, es tagt! — welch' selig süßes Sterben!" — 
Im 0sten glüht's empor, es steigt das Licht 
Und weckt den jungen Tag mit mächt'gem „werde!", 
Strahlt mild am Areuz auf ein verklärt' Gesicht 
Und streift den stillen Beter an der Erde. 
In Flammengarben sprüht es durch das All, 
Blitzt blutigroth auf Romas stolzen Zinnen: 
Noch ruht die Stadt, nicht ahnend ihren Fall, 
Nicht wähnend einer neuen Zeit Beginnen. 
Grrgen Kanv.
	        

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