Full text: Hessenland (10.1896)

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geschehen habe, war ebenso natürlich und nur 
eine Konsequenz der bisherigen Behandlung des 
Kurstaates. Demgemäß hatten nur diejenige^ 
Zahlungsanweisungen Gültigkeit, welche voin 
Gouverneur selbst vollzogen waren (Artikel 8 
der Proklamation). 
Man versicherte sich also zunächst der Einkünfte 
des Landes, indem man nach Artikel 5 der Pro 
klamation die Abführung aller Gelder der 
öffentlichen Kassen, auch der aus der bisher selb 
ständig verwalteten Grafschaft Hanau, nach 
Kassel anordnete. Schwieriger aber war es, auf 
das große Kapital- und sonstige Aktivvermögen 
des Kurfürsten bezw. des Staates die Hand zu 
legen. Mit Rücksicht hierauf ordnet Artikel 7 der 
Proklamation an, daß „ein Jeder, welcher Gelder 
oder andere Sachen, die dem Staate gehören, 
verhehlt und davon nicht binnen vierundzwanzig 
Stunden nach Bekanntmachung dieser Prokla 
mation Anzeige thut, verhaftet und einer mili 
tärischen Kommission übergeben werden soll, um von 
dieser nach der Strenge gerichtet (d. h. erschossen) zu 
werden". Es war anzuerkennen, daß auf den Ver 
rath solcher Staatswerthstücke keine Belohnung ge 
setzt wurde. Immerhin aber war die Ankündigung 
der kriegsgerichtlichen Bestrafung geeignet, den 
jenigen, welche um den Verbleib der Schätze des 
Kurfürsten wußten, schwere Sorgen zu bereiten. 
Wir greifen ein wenig zurück, um die Vor 
gänge in der Stadt Kassel nach dem Einrücken 
der Franzosen kurz darzulegen. 
Hessen war von zwei französischen Armeeeorps 
gleichzeitig betreten worden. Vom Norden her 
überschritt der König voir Holland am 31. Oktober 
mit etwa 10000 Manu die Grenzen des Landes, 
von Süden her rückte gleichzeitig der Marschall 
Mortier ein, der am 30. desselben Monats in 
Melsungen war und am 31. Oktober vor dem 
Walde hinter Krumbach ein Lager bezog. *) Er 
hatte ungefähr ebensoviel Truppen bei sich wie 
der König'von Holland, sodaß am 31. Oktober 
circa 20 000 Mann Franzosen vor Kassel stehen 
mochten. Mortier war als der eigentliche Ober 
befehlshaber anzusehen. Auf ihn hatte sich der 
bereits oben genannte St. Genest, wenn er von 
den hessischen Räthen über die auffallenden 
Truppenbewegungen im Lande befragt wurde, 
stets bezogen, und an ihn sandte Kurfürst Wil 
helm I. darum auch am 31. Oktober Nachmittags 
eine Deputation, bestehend aus dem Minister 
von Baumbach, dem Geh. Rath von der Malsbnrg, 
*) S. Strippelmann, Beiträge zur Geschichte 
Hessen-Kassels. Bd. II, S. 239 ff. 
dem General von Webern und dem Geh. Referendar 
Schmerfeld, um in seinem Namen zu versichern: 
seit vier Wochen nicht mehr General von Preußen, 
wolle der regierende Kurfürst von Hessen zur 
südlichen Föderation treten, sein Militär mit 
der kaiserlichen Armee vereinigen und nach Berlin 
zum Kaiser reisen. Sie zeigten das Abschieds 
gesuch vor, welches der Kurfürst dem König von 
Preußen eingereicht, und verlangten Pässe. 
Mortier aber erwiderte, er sei Soldat und 
habe keinen Auftrag zu diplomatischen Verhand 
lungen. Unverrichteter Sache kehrte also die 
Deputation zurück, unb in selbiger Nacht über 
reichte St. Genest, im Reisewagen vorfahrend, die 
bekannte Note: Fürst, Volk und Heer waren 
überlistet und überrumpelt, und an Gegenwehr 
nicht zu denken. 
Am 1. November, nachdem der Kurfürst die 
Stadt durch das Kölnische Thor verlassen hatte, 
rückte Mortier durch das Leipziger Thor hier 
ein. Auf dem Friedrichsplatze marschirten 6000 
Mann auf und lösten alsbald die hessischen 
Wachen ab, deren Erbitterung groß war. Fast 
gleichzeitig zog der König von Holland, wenig 
erfreut über Mortier's Anwesenheit, durch das 
holländische Thor ein. Am Tage nach dem 
Erscheinen Mortier's traf auch der General 
Lagrange ein, welchen Kaiser Napoleon zum 
Generalgouverneur von Hessen ernannt hatte. 
Er bezog das kurfürstliche Residenzschloß in der 
Bellevue, und zwar gerade die Zimmer des Kur 
fürsten, wo er sich auf die nämliche Art, wie 
wenn jener zugegen wäre, mit Tafel und Auf 
wartung bedienen ließ. 
Noch an demselben Tage wurden alle herr 
schaftlichen Kassen in Beschlag genommen; ebenso 
bemächtigte sich der Feind des Zeughauses rind 
der herrschaftlichen Magazine. Alle Pferde des kur 
fürstlichen Marstalls wurden für gute Beute erklärt, 
und drei davon eignete sich der Marschall Mortier 
ohne Weiteres selbst an. Dieser letztere hatte Anfangs 
das Posthaus bezogen, dann siedelte er gegenüber 
in das Rotenburgische Palais am Königsplatz, 
das spätere Regierungsgebäude, über und ver 
langte hier nunmehr auch die Versehung seiner 
Tafel ans der Hofküche, was jedoch nur einen 
Tag geschah, da er am 7. November in das 
Hannöverfche abrückte. Die holländische Armee 
hatte bereits am 6. November Morgens die Stadt 
verlassen. 
r Noch hatte die Proklamation des Generals 
Lagrange mit der Aufforderung, die dem Staat 
gehörigen, etwa verborgenen Werthstücke anzu 
zeigen, die Presse nicht verlassen, da kamen bereits 
dem hessischen Geheimen Ministerium, d. h. den
	        

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