Full text: Hessenland (10.1896)

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Golgatha führten. Sie war von zarter Gestalt 
und entzückendem Liebreiz. Schwere, goldblonde 
Flechten hingen über dem zarten Nacken, gold'ge 
Löckchen krausten sich über der schmalen Stirne, 
und unter feinen dunkeln Brauen leuchteten ein 
Paar große unergründliche Augen. Ein leichtes 
Sommergewand umschloß den blühenden Leib, an 
dein runden Arm hing ein blumengeschmücktes 
Strvhhütchen. Als sie des Franziskaners an 
sichtig wurde, wandte sie sich mit einem kleinen 
Schrei zur Flucht, doch, schon auf der untersten 
Stufe, blickte sie wie von unsichtbarer Macht ge 
trieben noch einmal in das Gesicht des Schlum 
mernden. Ein blitzschnelles Erkennen, und mit 
dem Ruf: „Magnus, hier, hier, so muß ich Dich 
wiederfinden!" war sie auch schon zurückgeeilt. 
Ja, das war der verlorene, doch nie vergessene 
Jugendfreund. Wie hatte sie damals, ein Kind 
noch, geklagt und geweint, daß sie fortziehen mußte 
von Fulda, ohne ihren Magnus in seinem Jammer 
und Leid trösten zu können. Nur ein einziges 
Mal war es ihr gelungen ihn aus der Ferne zu 
sehen, als die schwarze Schaar der Alumnen, von 
einem Priester behütet, über den Domplatz zog. 
Leise und lind glitt ihre weiche Hand über die 
Angen des jungen Paters, und aufschluchzend 
hatte sie nur das eine Wort: „Magnus, mein 
Magnus!" Der fuhr empor, jäh erwachend von 
dem stammelnden Laut, als ob der Ruf des 
jüngsten Gerichts sein Ohr erreichte. Beide Arme 
streckt er der Holden entgegen, ein Trugbild des 
Teufels ist's, das die Züge der Jugendgeliebten 
gestohlen. 
„ O Magnus, guter, alter. Magnus, was haben 
sie aus Dir gemacht!" klang es todtraurig von 
den erbleichenden Lippe» des Mädchens, während 
ihre bebende Hand nach einer Stütze suchte. — 
Wie es dann gekonimen, er weiß es nicht. Er hielt 
die Geliebte in den Armen, fühlte ihr Herz wild 
pochend an dem seinen, trank wie ein Verdurstender 
Kuß um Kuß von ihren schwellenden Lippen. So 
standen sie lange — lange der Welt entrückt in 
seligem Vergessen. 
Da klang es zitternd, mahnend zu ihnen her 
über. Die Klosterglocke war's, sie rief die Brüder 
zum Gebet. Eusebius riß sich los aus den ihn 
umschlingenden Armen, schlug die Hände vor das 
schmerzentstellte Gesicht und eilte wie von Furien 
gepeitscht dem Kloster zu, als könnten ihn dessen 
Mauern schützen vor der Kraft der Kräfte, vor 
der Allgewalt der Liebe. 
Bruder Eusebius, oder Maguus Werner, wie 
sein weltlicher Name einst lautete, war ein Fulder 
Kind. Am Severinberg steht das rebenumrankte 
Häuschen, das Paradies seiner Kindheit, dort 
hatte ihn sein frommes Mütterlein, eine gar seine, 
blasse Frau, gehegt und gepflegt und mit aller 
Liebe umgeben, deren ein Mutterherz fähig ist. 
Sie bewachte Schritt und Tritt ihres Einzigen, 
lehrte ihn die Hände falten zum Gebet, erzählte 
ihm die Legenden der lieben Heiligen und nahm 
ihn in der Weihnachtszeit mit zum Kripplein, 
welches die frommen Nonnen aufgebaut im Kloster 
der Benediktinerinneu. Einförmig floß ihr Leben 
dahin. Kein fremder Fuß betrat ihre Schwelle; 
die alte Apollonia, ein grauköpfiges Weibleiu, 
deren vertrocknete Lippen unablässig die Litaneien 
beteten, war der Mutter einzige Stütze. Sic be 
sorgte das Hauswesen, die Einkäufe und pflegte 
den kleinen Garten hinter dem Hause, zog dort 
Lilien und Rosen, die Blumen der heiligen Jung 
frau, die dann Magnus mit seinen kleinen Händen 
niederlegen mußte zu den Füßen der Gnaden 
reichen. 
Als Magnus größer wurde und beobachten 
lernte, war es ihm bald bewußt, daß sein heiß 
geliebtes Mütterlein so ganz anders war als die 
Frauen der Nachbarschaft, die plaudernd vor den 
Thüren standen oder mit Mann und Kind 
hinauszogen zu den Volksgärten und nahen 
Dörfern. Alle Kinder hatten einen Vater, warum 
hatte er keinen, warum war sein Mütterchen 
immer so blaß und still und warum lag sie neu 
lich nachts, als er nicht schlafen konnte wegen des 
bösen Hustens, laut jammernd auf dem kalten 
Fußboden? Als er sich einmal ein Herz faßte, 
der kleine Manu, und treuherzig fragte: „warum 
hab ich keinen Vater?", da schrie die Mutter 
auf in höchstem Schmerz und schluchzte: „er ist 
todt, Dein Vater, doch Du, mein Magnus, sollst 
ihn einst erretten aus dem Grab, aus ewiger 
Verdammniß". Dann war sie wie leblos in die 
Arme der treuen Alten geglitten, die den Knaben 
barsch angefahren, nie wieder nach dem Vater zu 
fragen. 
Er war zur Schule gekonimen, ein begabter, 
wissensdurstiger Knabe, der die Klassen im Fluge 
durcheilte, gleich beliebt bei Lehrern und Schülern. 
Auch eine Freundin hatte er, ein blondes, süßes 
Ding, das ihn quälte, ihn beherrschte und ihm 
nach seinem Mütterchen doch das liebste war auf 
Gottes weiter Welt. Margaretha war die Tochter 
einer Offizierswittwe, die sich nach dein Tode des 
Gatten nach dessen Heimath zurückgezogen hatte. 
Sie war noch immer sehr schön, die lebenslustige 
Frail von Saliern, und Gleichen oft allein in 
dem großen Garten, der nur von einer Weiß 
dornhecke voir dem kleinen getrennt war, der an 
das Haus der Frau Werner stieß. Sobald sich 
der Knabe in den Freistunden draußen sehen ließ,
	        

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