Full text: Hessenland (10.1896)

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Bruder Kusevrus. 
Novelle vvil E 
Mo» einem grünen Kranz bewaldeter, mit 
(Zw Kirchen oder Klöstern gekrönter Berge nm- 
geben, breitet sich Fulda, die alte Bonifatius- 
stadt, am Flusse gleichen Namens aus, der sich, 
wie vielfach geschlungenes Silberbaud, durch üppige 
Wieseumatten hinzieht. Am Horizont ragt, trutzigen 
Wächtern gleich, die „Hohe Rhön", das mächtige 
Riesengrab der Milseburg, die malerische Stein- 
wand, der liebliche Bieberstein, und in nebelhafter 
Ferne der Kreuzberg mit seinen weltfremden, doch 
allzeit gastlichen Klostermauern. 
Vor dem Paulusthore erhebt sich der Frauen 
berg, der ursprünglich Bischofsberg genannt wurde. 
Als Bonifatius den Klosterbau zu Fulda leitete, 
baute er sich hier eine Hütte, daneben ein Kapelle. 
Abt Ratgar gründete später hier eine der heiligen 
Maria geweihte Kirche, von der der Berg den 
neuen Namen erhielt sowie ein Chorherrenstift, 
und endlich überließ man die Gebäude den 
1620 nach Fulda berufenen Franziskanern, 
welche noch heute Herren des Klosters sind 
und von ihren engen Zellenfenstern einen köst 
lichen Rundblick genießen über Stadt und Thal. 
Zahlreiche Thürine und Thürmchen grüßen zu 
ihnen empor. Eine Kastanienallee führt zum 
Franziskanerkloster hinauf, welches von einem 
wvhlgepflegteu Garten und von haushoher Mauer 
umgeben ist. — 
In der fast überreich mit Bildern und 
Schnitzereien geschmückten Klosterkirche herrscht 
schon tiefe Dämmerung, nur ein Sonnenstrahl, 
der sich durch die bunten Bogenfenster stiehlt, be 
leuchtet gespenstig eine am Kreuz hängende lebens 
große Holzfigur im Kleid des heiligen Franziskus, 
und das ewige Licht taucht das zarte Antlitz der 
auf Wolken thronenden Gottesmutter in rosige 
Glut. Kein Laut in dem weiten, schlummer- 
müden Raume, nur zuweilen hallt aus der Ferne 
der schwere, schlürfende Tritt des Bruder Pförtners. 
Doch jetzt? — Welch Stöhnen, welch Aechzen 
wie ans wunder Brust von den Stufen des Hoch 
altars? Da liegt ein junges Menschenkind, die 
Arme ausgestreckt in Kreuzesform, auf den Stein- 
fliesen, die geschmeidigen Glieder eingehüllt in die 
braune, härene Kutte der Ordensbrüder, den 
schlanken Leib mit dem weißen Strick umgürtet, 
bewegungslos — starr. Eusebius, der jüngste 
der Patres ist es, der hier schon stundenlang 
ringt, der vergebens zur heiligen Maria fleht, 
die mild und sanft auf den Sünder blickt, auf den 
ohnmächtigen Kampf gegen die sündige Liebe, die 
mma Braun. 
mit elementarer Gewalt ein Herz überfluthet, das 
doch nur Raum haben darf für die Gebenedeiete 
Gottes. — Er ist ein Verworfener; Todsünde 
brennt auf seiner Seele, denn ihni, dem Geweiheten 
des Herrn, der entsagt hat der Welt und ihrer 
Lust, ihm folgt bei Tag und Nacht, aus einsamer 
Zelle zu den Stufen des Altars eine lockende Ge 
stalt. Aus dem Flüstern des Gebets schallt ein 
süßer Name, ein melodisches Lachen ertönt aus 
Orgelton und Chorgesang, und als er jetzt jäh 
lings emporschreckt, die Zähne tief in die blutenden 
Lippen vergraben, die Hände auf das wildzuckende 
Herz gedrückt, verzweifelnd zur Madonna fleht, 
blickt ihn die Königin des Himmels an mit den 
dunklen, glückverheißenden Augen der Geliebten. — 
* . * 
Jüngst, an eineni heißen Sommertage war's, 
da schritt Eusebius in ernste Betrachtungen ver 
sunken dem nahen Calvarienberge zu. Der Weg 
dahin führt an Stationen vorüber, krassen Holz 
schnitzereien in noch krasserer Farbenpracht, Scenen 
aus der Leidensgeschichte des Herrn darstellend, 
und mündet auf Golgatha, wo die steinernen 
Leiber der Gekreuzigten sich klar abheben auf dem 
tiefen Grün der Bäume. Ringsum blüht und 
keimt es auf der Stätte des Todes. Epheu 
windet seine Arme sehnend um den Stamm des 
Kreuzes, und die Kletterrose küßt die Wunden 
male des Erlösers. 
Ueberall war Leben und Weben in der Natur. 
Die Blumen im leuchtenden Hvchzeitskleide kosten, 
vom Dufte ihrer Blüthendolden umflossen, aus 
den Sträuchen klang's wie Liebesgeflüster, und 
drunten am Hain schmetterte die Lerche ihr seligstes 
Minnelied. 
Auch der junge Mönch erlag dem Zauberbanne, 
er ließ sich nieder auf einer Mvvsbnnk, schloß die 
Augen und glitt sanft hinüber in das Land des 
Traumes. — Er war in der Fliederlaube eines 
Gartens, sah eine lichte Gestalt, fühlte warmen 
Odem seine Stirne umwehen und leise flüsterten 
seine Lippen: Margaretha! — Furchtlos hüpften 
die Vöglein heran und besahen neugierig den 
müden Schläfer, zwei bunte Schmetterlinge jagten 
herüber und hinüber, aus dem Blätternetz der 
Bäume stahl sich ein Sonnenstrahl, und jeder 
Luftzug streute einen Blüthenregen auf den 
Träumer. Da rauschte es in denr Gezweig, ein 
flüchtiger Fuß eilte über den Rasen, und ein junges 
Mädchen stieg die Steinstufen empor, welche zu
	        

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