Full text: Hessenland (10.1896)

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24. Juni, 22. Juli, 26. August, 23. September, 
21. Oktober, diese Judeupredigteu und zwar nicht 
nach beliebigen Texten, sondern nach einem be 
sonders dazu von Dr. Curtius entworfenen 
Katechismus gehalten werden sollten. Indessen 
hat sich das Institut nicht lange erhalten, und 
Früchte sind gar nicht erfolgt. 
Nach den Judenordnungen von 1539,1679,1739, 
1749 waren die Juden nicht Staatsangehörige, son 
dern nur persönlich geduldete Gäste oder Schutzver 
wandte, die der bürgerlichen Rechte nur soweit 
fähig waren, als die Schutz- oder Toleranzbriefe sie 
verliehen. Bei dieser ihrer Emanzipation wurden 
sie in Rücksicht der Betreibung des Ackerbaues, 
der Gewerbe und des Handels au christlichen 
Fest- und Sonntagen den allgemeinen kirchlichen 
und Pvlizeigesetzen unterworfen, d. h. in diesen 
Beziehungen den Angehörigen der evangelischen 
Kirche gleich behandelt, so weit es sich um Ent 
heiligung der kirchlichen Feiertage handelte. An 
christlichen Sonn- und Feiertagen durften die 
Juden nicht über Land gehen, oder in ihren 
Häusern Handarbeit verrichten, noch weniger ihre 
Schuldner mahnen. Das Verbot des Reifens 
für die Juden an Sonn- und Festtagen wurde 
dahin erläutert, daß den Juden, wenn sie ihren 
Beamten von den Nothwendigkeiten der Reise 
Anzeige gethan, gestattet wurde, sich der gewöhn 
lichen Posten an Sonn- und Festtagen zu be 
dienen, Reisen mit Extraposten, sowie zu Pferd 
oder zu Fuß aber erst nach geendetein Gottes 
dienst anzutreten (26. Juli 1764). 
Das Begraben ihrer Todten nach beut Herkommen 
und ihren Gesetzen war den Juden erlaubt (26. Mai 
1786; 13. Februar 1789; 12. Juni 1790); 
ihre Todtenhöfe waren der Kousistorialjurisdiktion 
unterworfen. 
(Fortsetzung folgt.) 
-HK-* 
Aus der Franzofertzert. 
Nach den Akten der Kesselstädter Pfarreirepositur mitgetheilt von 
Pfarrer Hufnagel- Kesselstadt. 
(Fortsetzung.) 
^4 tit 24. Januar 1807 erhielten die Presbyterien 
/n die Auflage, innerhalb acht Tagen bei Strafe 
~| ' von 5 Gulden zn berichten, „ob und wieviel die 
Pfarreien, Kirchen und Schulen aus der herr 
schaftlichen Kammer, der Landkasse, der Knapp 
schaft, der Renterei an Geld oder Naturalien 
alljährlich oder von Zeit zu Zeit zu beziehen 
haben". Eine zweite, etwas später erlassene Ver 
fügung fordert auch darüber Bericht, „ob und 
wieviel Geld in den Kirchbaukasten und an an 
gelegten Kapitalien zum Ausleihen gegenwärtig 
vorrüthig seien". 
Niemand hatte eine Ahnung, was diese Er 
hebungen bezwecken sollten. Da gab ein weiteres 
Dekret vom 8. August 1807 überraschenden Auf 
schluß. Darin hieß es: 
„Da von der König!, französischen Behörde 
zu der Concurrenz eines impost additionel*) 
eilte Auflage auf alle freien Güter verfügt 
worden ist und von dieser Abgabe Niemand, 
sey auch, wer es wolle, befreit seyn soll, so 
wird hiermit sämmtlichen Predigern des hiesigen 
Fürstenthums sowie auch sämmtlichen ad- 
niinistratoribus piorum corporum (Verwaltern 
milder Stiftungen) aufgegeben, die simpla 
*) Steuerauflage. 
contributionis, sobald sie von oben bezeichneten 
Gütern erhoben werden, ohne weiteren Anstand 
zu entrichten, damit nicht deren executivische 
Beitreibung verfügt werde." 
Eine in kräftigen Worten abgefaßte Beschwerde 
des Pfarrers gegen diese „indebito" (wider Ge 
bühr) auferlegte Kriegssteuer, die gegen das von 
Napoleon erlassene Manifest streite, hatte bei den 
französischen Behörden keinen Erfolg. Der Herr 
commissaire imperial Dumesnil ließ den Geist 
lichen mittheilen, daß Se. Excellenz der Herr 
Reichsmarschall und Generalgouverneur Herzog 
von Valmy ihr Gesuch abgeschlagen habe und 
dieselben an das Konsistorium verweise, welches 
die Vorstellung in Betracht ziehen und die weniger 
gut besoldeten Geistlichen, soviel es der Zustand 
der milden Stiftungen zulasse, unterstützen möge. 
Zu diesem Bescheid, der im Dekretenbuche in 
deutscher Uebersetzung angeschrieben ist, macht 
Pfarrer Brand ganz erregt die Randbemerkung: 
„Ist gegen alle natürliche Gerechtigkeit und Billig 
keit und soll weiter dagegen eingekommen werden." 
Eine erfolgte weitere Eingabe hatte thatsächlich 
den Erfolg, daß derselbe Herr due do Valmy 
nunmehr entschied, ,,daß vor der Hand keine Contri 
bution, am wenigsten die neulich geforderten 4 sim 
pla aus den Kirchbnuen gezahlt werden dürfen".
	        

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