Full text: Hessenland (10.1896)

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als Zeugen gegen Christen nur in Verbindung 
mit christlichen Zeugen zugelassen wurden und 
die Aussage eines jüdischen Zeugen gegen einen 
Christen nicht halben Beweis lieferte. 
Feldgüter konnten die Juden laut Verordnung 
vom 12. August 1739 und Judenordnung von 
1749 nicht erwerben, ebenso wenig antichretisch 
solche Güter besitzen, wenn ihre Forderungen an 
derweit gesichert waren. 
Auch der Häusererwerb war beschränkt. Es durften 
nämlich die Juden in den vornehmsten Straßen 
der Residenz und der Hauptstädte des Landes Häuser 
nicht kaufen. (Landtagsabschied vom 27. Ok 
tober 1731, art. XII). Später wurde die Er 
laubniß ertheilt in den abgelegenen Straßen der 
Unterneustadt zu Kassel Häuser anzukaufen. (Re 
gierungsreskript vom 10. März 1766.) Mieths- 
wohnungen zu beziehen war den Juden auf Grund 
eines Regierungsreskripts vom 21. März 1772 
gestattet. 
Auf dem Platten Lande war der Ankauf von 
solchen Häusern untersagt, die bisher Christen 
im Besitz hatten (Regierungsausschreibeu vom 
29. Juni 1768). Den Christen stand jüdischen 
Hauskäufern gegenüber das Recht zu, den Kauf 
rückgängig zu machen, welches Recht binnen vier 
Jahren geltend gemacht werden mußte (Ver 
ordnung vom 21. Mai 1792). Haftete an 
Häusern, die von Juden gekauft waren, eine Ge 
meindenutzung, so konnte diese von denselben nicht 
ausgeübt werden, da sie unfähig zur Theilnahme 
an Gemeindenutzungen waren. Die auf diese 
Häuser fallenden Antheile sollten zum Besten der 
Stadtkasse so lange verpachtet werden, bis die 
Häuser wieder in den Besitz christlicher Eigen 
thümer känien (Regiernngsausschreiben vom 
16. Juni 1768). 
Verträge über die ehelichen Vermögens 
verhältnisse und die Erbschaften der Juden be 
durften gerichtlicher Bestätigung bei Strafe der 
Nichtigkeit (J.-O. 1749). Beim Konkurse des 
Mannes konnte die jüdische Ehefrau die Dotal- 
privilegien (privilegia dotis) gegen christliche 
Gläubiger nicht geltend machen. Die jüdischen, 
Hausherrn hafteten für die in ihr Handels 
geschäft einschlagenden Handlungen ihrer Kinder 
und Dienstboten mit Ausnahme der Delikte. 
Was nun das Metzgergewerbe anlangt, so 
sollten die Juden laut Kanzleibefehl vom 
29. März 1631 bei ihrer konkordirten und her 
gebrachten Freiheit des Schlachtens für den 
Hausbedarf und der Befugniß, das, was sie nicht 
nöthig hätten oder wegen ihrer Zeremonie nicht 
selbst genießen möchten, zu verkaufen, geschützt 
werden. Derselbe Bescheid wurde von der Mar- 
burger Kanzlei unter'm 8. November 1631 ge 
geben und hinzugefügt, daß es also bleiben solle, 
bis die Metzger zu Kirchhain bei Auslösung 
eines neuen Zunftbriefes ein Anderes würden 
ausgebracht haben. Doch sei darauf zu halten, 
daß die Juden nur zu ihrem Hausbedarf schlachten 
und nur die Hinterviertel und was sie noch auf 
Grund ihrer Religionsvorschrift nicht gebrauchen 
könnten, verkauften. Dasselbe wird durch die 
Konzession an die Schutzjuden vom 20. Juli 1656 
bestimmt. Auf Grund der Judenordnung vom 
21. Januar 1749 sollten weder die Hinterviertel 
noch die Borderviertel von „mißlungenem Vieh" 
pfundweise verkauft werden, sondern es mußten 
jederzeit ganze Viertel verkauft werden. 
Was nun das Religionswesen angeht, so war 
1539 verordnet worden, daß den Juden nirgends 
neue Synagogen zu bauen erlaubt sei, sondern 
sie sollten die alten in aller Stille gebrauchen. 
Dasselbe wird am 22. Juni 1618 bestimmt und 
den Beamten anbefohlen, darauf zu halten, daß 
man keine Synagogen, wo zuvor keine gewesen, 
„de novo nffbawen" oder gestatten soll; die 
Juden aber dürften in ihren Häusern ihr Gebet 
ohne Geschrei oder Aergerniß der Christen ver 
richten. Landgraf Karl erlaubte den Juden ihren 
„vermeinten Gottesdienst in einem abgelegenen 
Losament" und ohne „einiges Auf- and Zu 
sehen, auch ohne Aergerniß der Christen" abzu 
halten. Auch sollten sie bei ihrem Gottesdienst 
in einer abgelegenen Wohnung eines Juden aus 
den Fenstern nicht Horn blasen. Kirchenstände, 
als zu ihrem Haus gehörig, dursten den Juden 
nicht eingeräumt werden. 
Die Landgräfin Amalie Elisabeth hoffte ein 
gutes Werk zu verrichten, wenn es ihr gelänge, 
die Judenschaft des Landes zum Christenthum 
zu führen. Obgleich sie keine gewaltsamen Mittel 
anwendete, so waren doch die ergriffenen Maß 
regeln für den glaubenstrenen Juden sehr kränkend. 
Sie ordnete nämlich im Jahre 1649 wöchentlich 
Judenpredigten an, welche zu Kassel im Rath 
hause gehalten wurden, und wozu jeder Jude mit 
Weib und Kind sich cinzufinden hatte, wollte er 
sich nicht schweren Strafen aussetzen. Daß cs 
mit diesen Strafen Ernst sei, bewies sie an 
16 Juden, welche sich nur einmal diesem Gebote 
entzogen hatten, um im Hause unter Leitung 
eines Rabbinen das Versöhnungsfest zu feiern. 
Sie wurden in's Gefängniß geführt, mit harter 
Geldstrafe belegt und der Rabbine des Landes 
verwiesen. Sämmtliche Judenschaft bat flehent 
lich um Verschonung und Entbindung von dieser 
Pflicht, erreichte aber nichts weiter, als daß vom 
Jahr 1651 an in sechs Terminen, am 20. Mai,
	        

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