Full text: Hessenland (10.1896)

Die deutsche Sprache 
ruht im dunklen alten Rheine 
versenkt der Nibelungen 6ort, 
Doch strahlt uns noch mit hold'rem Scheine 
Lin reicher Schatz: das deutsche ID o r t. 
So köstliche Gesteine werden 
Erbracht aus keines Bergwerks Schacht, 
Ls gleicht kein prunkgewölb' auf Erden 
Der Sprache wunderbau an Pracht. 
In herrliche Gefäße gossen 
Viel hohe Meister edlen IDeht: 
Wohlauf! Der Keller ist erschlossen, 
Ihr Durstigen alle, kommt herein! 
Trinkt frische Kraft und junges Leben, 
Denn unerschöpflich ist der Born! 
Je mehr die Sprache uns gegeben, 
So reicher strömt ihr Wunderhorn. 
Ls schließt kein Thor und keine Schranke 
Die unermess'nen Schätze ein, 
Herr ist der herrschende Gedanke, 
Lr soll der Sprache König sein, 
was Geister geben und empfangen, 
3 tl ihren: Zauberschloß sich fand, 
Und Wunsch um Wunsche zu erlangen, 
Greift jeder zu mit freier Hand. 
Der faßt; ein Schwert und schwingt's verwogen, 
Das Schwert der Sprache schneidet gut, 
Der schnellt ein Wort als Pfeil von: Bogen, 
Der Pfeil der Sprache dringt in's Blut. 
Der zeigt in eines Spiegels Strahlen 
Der Wahrheit Bild uns ernst und klar, 
Der bringt in lichten Silberschalen 
Uns prangend güld'ne Aepfel dar. 
Der flicht, die Traute zu beglücken, 
Mit froher Hand den Blüthenkranz, 
Und eines Dichters Kränze schmücken 
Die Braut mit unverwelktem Glanz. 
Doch braucht es nicht der Dichtung Klänge, 
Das gold'ne Wort: Dich lieb' ich treu! 
Enthält die Fülle der Gesänge, 
Beglückt, beseligt stets auf's Neu'. 
Des Vaters liebevoller Segen, 
Den er dem Sohn beim Abschied gab, 
Ist ihm auf allen seinen wegen 
Lin fester, wack'rer Wanderstab. 
Der Mutter Schlummerlieder tönen 
Roch in des Mannes Kerzen nach 
Und rufen ihm die alten, schönen, 
Die gold'nen Iugendträume wach. 
O Muttersprache, heil'ge alte, 
Der deutschen Seele hohes Gut, 
Der Geist des deutschen Volkes halte 
Dich immerdar in treuer Hut! 
Stolz weh'n des deutschen Volkes Fahnen 
weit über Meer und Lande hin, 
Stolz ziehe deine Siegesbahnen, 
Du deutsches Wort, du deutscher Sinn! 
H. A. Missen.
	        

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