Full text: Hessenland (10.1896)

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ständniß mehr! — Ein trübes Bild drängt sich 
bei dem Worte „grasbewachsen" der Erinne 
rung aus: 
An jedem Freitag-Nachmittage kam eine kleine 
Schaar unseliger Menschen, die Eisengefange 
nen, durch die Straßen, mit Karren und Hand 
werkszeug versehen, um die Grasbüschel, welche 
an den Häusern entlang recht ansehnlich empor 
wuchsen, auszustechen, zusammenzukehren und 
in die Karren zu schaufeln. Die traurigen 
Gestalten dieser „Eisengefangenen" waren ge 
kleidet in die Tracht des Anfangs unseres 
Jahrhunderts: Rock, Kniehosen und Gamaschen 
in grauer Farbe, am rechten Fuß und Hand 
gelenk je ein eiserner Reif, beide durch eine Kette 
verbunden. In den stillen Straßen wurde es noch 
stiller, wenn dieser Zug nahte, man rief die 
Kinder in die Häuser, und Erwachsene suchten 
dem trüben Anblick zu entgehen! In welchem 
Jahre diese Art des Straßenreinigens aufgehoben 
wurde, ist mir unbekannt, in der Mitte der fünf 
ziger Jahre war sie noch üblich. — 
Drunten in der Aue ist es herrlich, wie es 
immer war, was sollte ihrer einzigen Schönheit 
wohl angethan werden oder wie wäre sie noch zu 
erhöhen? 
Nicht weit vom „Theaterberge" steht ein kleines 
weißes Haus, von Rasenflächen in nächster Nähe 
umgeben. Einst stand es in großem umhegten 
Garten, eine kleine Pforte mit hellklingender 
Schelle gewährte den Eingang, der aber nicht 
ohne Weiteres jedem sich erschloß, sondern von 
der Erlaubniß bestimmter Personen abhing, in 
erster Linie Don der des „Fasanenmeisters", welcher 
in dem weißen Häuschen wohnte. Der gedachte 
Garten enthielt die kurfürstliche Fasanerie und 
bot einen Aufenthalt, wie ihn sich Kinder kaum 
schöner, unterhaltender vorstellen können. An 
dem (unter lautem Schellengetön) Eintretenden 
huschten die Gold- und Silberfasanen vorüber, 
Tauben schwirrten in die Höhe, Perlhühner 
trippelten aufgescheucht dahin, Truthähne kollerten, 
und nur der Pfau behielt seine ruhig-gravitätische 
Art sich zu wenden und die Pracht seiner Schleppe 
gelassen nachzuziehen. Und nun dieser ganze 
Reichthum auserlesenen Geflügels in der schönsten 
Umgebung von Wiesenflächen, Lauben, alten 
Baumgruppen, breiten, sauberen Wegen. Viel 
leicht malt Erinnerung schöner als die Wirk 
lichkeit war; würde sich diese letztere aber so 
dem Erinnern eingeprägt haben, wenn sie nicht 
schön gewesen wäre? 
Zu Beginn der sechziger Jahre wurde in der 
Aue das denkbar schlichteste Kaffeehäuschen er 
richtet, dort wo jetzt ein stattliches Restaurations- 
gebäude mit allen Erfordernissen der Neuzeit 
steht. Aber die Konzerte, welche wir unter den 
Bäumen vor dem schlichten Hänschen mit an 
hörten, standen den heutigen nicht nach. Wenn 
auch die Kasselaner vielen Dingen gegenüber 
genügsam genug waren und den Spott der 
fremden Großstädter wohl herausforderten, 
ihr Kunstsinn stellte seine Ansprüche. — 
Bevor man in den letzten Theil der Schlangen 
wege bog, der am Auethor endete, that sich früher 
ein schmaler Pfad, von schattigen Bäumen über 
wölbt, auf, der in den großen etwas wüsten 
Platz mündete, welcher sich vor der „Kattenburg" 
ausbreitete. Von der Aue kommend sah man 
auf die „Colonnaden", sah das „Schwurgericht", 
das „rothe Haus", das „Elisabeth-Hospital" vor 
sich liegen und zur rechten Hand die riesengroße 
Ausdehnung des wunderlichen Gemäuers „Katten 
burg". Ohne darüber Rechenschaft geben zu 
können, hingen wir Kasselaner mit großer Liebe 
an unserer Kattenburg. Das hatte sich nun 
einmal so aus der Kindheit Tagen mit den 
Märchen, die den Bau umrankten, in das spätere 
Leben übertragen. 
Wem es, trotz polizeilichen Verbotes, gelang, 
an jener Seite der Kattenburg, die ziemlich 
steil nach der Fulda sich senkte, herabzuklettern, 
der sah einen Ueberrest vergangener Pracht und 
Herrlichkeit in der „Löwentreppe" vor sich. — 
Am Ausgange der Kastanienallee, die sich vom 
Eingänge der Orangerie linker Hand nach der 
Fulda hinzieht, breiteten sich weite grüne Flächen 
aus, von hohen einzelnen Bäumen bestanden. 
Dicht an der sogenannten kleinen Fulda erhob 
sich eine steinerne Treppe in zwei Absätzen, auf 
deren erstem rechts und links je ein stattlicher 
steinerner Löwe ruhte. Der zweite Absatz sank 
unvermittelt schroff hernieder. Drüben am 
grasbewachsenen Damm schaute ein Restchen 
Mauerwerk hervor, das einst im Zusammenhange 
mit der stolzen Treppe gewesen sein mußte. — 
Das letzte Andenken an unser altes Landgrafen 
schloß (das einst an der Stelle sich erhob, wo 
später der Bau der Kattenburg begonnen ward), 
jene Löwentreppe, ist dann der Brücke einverleibt 
worden, die heute zu dem Justizpalast hinüber 
führt. — 
Zwischen den Häusern von Bankier L. Pfeiffer 
und Maurermeister Krause begann ein schmaler 
Weg, an welchem rechts nur Gärten und der 
alte Todtenhos sich hinzogen, links aber das 
Spohrhäuschen, der lutherische Waisenhausgarten 
und die Rocholl'sche Essigfabrik lagen. Der 
schmale Weg lenkte in den breiteren, an dessen 
Eingang links Nebelthau's Scheuer das Haupt
	        

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