Full text: Hessenland (10.1896)

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genommen, konnten sich nur dann im Lande 
aufhalten, wenn sie einen Schutzbrief erworben 
hatten. Ein solcher aber durfte laut Verord 
nung vom 22. Februar 1707, wonach „der 
Judenschutz ad iura Superioritatis gehöre", von 
niemanden im Lande als vom Landesherrn aus 
gestellt werden. Dieser Grundsatz, die Juden im 
Lande nur auf Grund eines landesherrlichen 
Schutzbriefes zu dulden, findet sich noch in meh 
reren Verordnungen ausgesprochen. So wurde 
durch die Judenordnung von 1749 art. I be 
stimmt, daß in keinem Orte Juden männlichen 
oder weiblichen Geschlechts geduldet werden 
dürften, außer wenn sie einen vom Landgrafen 
selbst unterschriebenen Schutzbrief ausgewirkt 
hätten. Auch wenn Kinder eines Juden, der im 
Besitze eines Schutzbriefs war, heiratheten, so 
wurden sie nur dann im Lande belassen, wenn 
sie einen neuen Schutzbrief für sich erlangt hatten, 
wie art. VIII derselben Verordnung besagt. 
Später wurde bestimmt, daß nicht allen Kindern 
eines inländischen Juden bei ihrer Verheirathung 
ein Schutzbrief ertheilt werden sollte, sondern nur 
dem ältesten Sohne, wenn er das 25. Lebensjahr 
bereits zurückgelegt und wenigstens 500 Thaler 
selbst im Vermögen habe oder erweislich er- 
heirathet bringe; außerdem dursten die Einwohner 
des Ortes, an welchem der Jude zu wohnen 
gedachte, nichts Erhebliches gegen dessen Aufnahme 
einzuwenden haben. 
Die Erlangung eines Schutzbrieses wurde nun 
nach und nach an gewisse Bedingungen geknüpft. 
Durch Kameralausschreiben vom 31. Mai 1748 
wurde angeordnet, daß kein Jude in den Schutz 
aufgenommen werden dürfe, der nicht ein von 
sämmtlichen oder doch wenigstens von vier juden- 
schaftlichen Vorstehern unterschriebenes Zeugniß 
des Inhalts beigebracht Hütte, daß er des landes 
herrlichen Schutzes würdig und eines guten Leu 
mundes sei; auch mußte auf diesem Schriftstück 
der Stand seines Vermögens, ob er sich redlich 
ernähren' und die herrschaftlichen Abgaben ab 
zutragen im Stande sei, und die Zusage, daß 
die Judenschaft für die richtige Bezahlung der 
herrschaftlichen Abgaben haften wolle, vermerkt 
sein. Wollte die Judenschaft nöthigenfalls nicht 
zahlen, dann war der Jude zur Auswanderung 
anzuhalten. 
Durch die Aufnahme erhielt der Schutzjude 
für sich, seine Ehefrau und die noch nicht selbst 
ständigen Kinder das Recht des Aufenthaltes an 
dem ihm angewiesenen Wohnorte und den An 
spruch, vor aller Gewalt geschützt zu werden. 
Aber nicht an jedem beliebigen Orte war dem 
mit dem Schutzbrief ausgestatteten Juden gestattet, 
sich niederzulassen. So fand er keine Aufnahme 
an einem Orte, es mochte dieser eine Stadt, ein 
Flecken oder ein Dorf sein, in welchem bisher 
Juden nicht gewohnt hatten oder die Aufnahme 
von Alters her nicht üblich war. In den herr 
schaftlichen Dörfern durften die Juden sich über 
haupt nicht niederlassen, in die Städte sich zu 
begeben war ihnen erlaubt (2. März 1773). 
Aber nur fünfzehn Jahre blieb diese Bestimmung, 
wonach den Juden die Aufnahme in Dörfern 
verweigert wurde, bestehen, denn schon am 
10. November 1786 wurde eine Verfügung des 
Inhalts erlassen, daß die Juden nicht weiter 
gezwungen werden sollten, sich nur in Städten 
niederzulassen, sondern, daß sie auch in Dörfern 
aufgenommen werden dürften. 
2. Privatrechtliche Verhältnisse. 
Handel zu treiben war den Juden auf Grund 
der Judenordnung von 1539 nur in denjenigen 
Städten oder Orten erlaubt, in denen sich ent 
weder keine Zünfte befanden, oder wo sie beim 
Vorhandensein solcher von diesen geduldet wurden, 
auch durften sie nur zu dem Preise verkaufen, 
den die Beamten, Bürgermeister oder Rath fest 
gesetzt hatten. Ausländischen Juden war jeder 
Kauf wie Verkauf im Jnlande untersagt. Vor 
stehende Verordnung aber ist, wie es den Anschein 
hat, vielfach nicht beachtet worden, denn schon 
wenige Jahre nach ihrer Veröffentlichung wurde in 
einem fürstlichen Ausschreiben vom 20. August 1545 
darüber geklagt, daß die Juden vom Auslande 
her Handel trieben; es wurde angeordnet, dieses 
Vergehen streng zu bestrafen. 
Betreffs des Handels der ausländischen Juden 
wurde in einer Verordnung vom 26. Januar 1749 
die Bestimmung getroffen, daß denselben nur 
während der Marktzeit nicht verboten war, im 
Jnlande Handel zu treiben, und zwar mußten 
sie sich hierbei auf den Verkauf beschränken. 
Der Hausirhandel in den Dörfern, der ehedem 
untersagt war, wurde durch Regierungsausschreiben 
vom 24. August 1751 zugelassen. Auf den 
Straßen und öffentlichen Plätzen war das 
Hausiren durch Verordnung vom 7. April 1772 
untersagt, nur in den Wirthshäusern und Privat 
häusern sollte die Waare angeboten werden kön 
nen. Der Handelsbetrieb in „offenen Läden" wurde 
für Kassel erst durch Regierungsausschreiben vom 
28. November 1775 erlaubt; der Hausirhandel 
in der Residenz aber blieb streng untersagt. 
Die Beschränkung des Hausirhandels auf die 
freien Jahrmärkte sollte die Landbewohner gegen 
die tägliche Verführung wucherischer Hausirer 
schützen.
	        

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