Full text: Hessenland (10.1896)

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Gemeinden bekannt zu machen und vorkommenden 
Falles Anzeige zu erstatten. 
Gleich mit Beginn des neuen Jahres 1807 
wird den Pfarrern aufgegeben, Napoleon den 
Treueid zu leisten. Sie werden zu dem Zweck 
für Dienstag den 7. Januar vom Bücherthaler 
Amt auf das Althanauer Rathhaus beschieden, 
um mit dem Eidesformular bekannt gemacht zu 
werden, welches im Dekretenbuch angeschrieben ist 
und folgenden, bezeichnenden Wortlaut hat: 
„Ich schwöre, die mir von Sr. Kaiserlichen 
Majestät anvertraute Gewalt gesetzmäßig aus 
zuüben, mich derselben blos zur Erhaltung 
der öffentlichen Ordnung und Ruhe zu be 
dienen, aus allen meinen Kräften zur Aus 
übung und zum Dienst der französischen Armee 
befohlenen Maßregeln mitzuwirken und mit 
deren Feinden nicht die geringste Verbindung 
zu unterhalten." 
Die hiesige Gemeinde mußte wie allenthalben 
den durchmarschirenden französischen Truppen 
Fourage, Brod, Wein, Bier re. zwangsweise 
liefern. Im zweiten Halbjahre 1806 beliefen sich 
die Unkosten dafür nach den hiesigen Gemeinde 
akten auf 3580 Mark —, bei dem niedrigen 
Preisstand aller Fourage- und Lebensmittel da 
maliger Zeit gewiß ein respektabler Betrag für 
die damals noch kleine Gemeinde. 
(Fortsetzung folgt.) 
— r-N-!— 
Me Juden in Hessen. 
Von H. Metz. 
^Nn der älteren hessischen Gesetzgebung stößt 
y man vielfach auf besondere Judenordnuugen 
sowie einzelne Bestimmungen, aus denen 
sich eine besondere Stellung der Juden im Ver 
gleich zu den übrigen Unterthanen ergiebt. Alle 
staatlichen Rechte waren den Juden entzogen, 
ihre Aufnahme sowie ihr Aufenthalt im Lande 
war einer genauen Kontrolle sowie großer Be 
schränkung unterworfen, ihre Besteuerung sowie 
Gemeindeverfassung war eine ganz eigenthümliche, 
das jüdische Recht fand beschränkte Anwendung. 
Diese abgesonderte Stellung blieb im Großen 
und Ganzen das ganze Mittelalter hindurch bis 
in die Neuzeit, erst seit Anfang des neunzehnten 
Jahrhunderts verbesserte sich die Lage der Juden, 
indem sie bezüglich der Rechte und Verpflichtungen 
den christlichen Unterthanen gleichgestellt wurden, 
jedoch mit zahlreichen, sich durch die Religions 
verschiedenheit ergebenden Ausnahmen. 
1. Aufnahme. 
Das Recht, Juden den Aufenthalt im Lande 
zu gestatten (der Judenschutz) sowie die übermäßige 
Besetzung des Landes mit Juden zu verhindern, 
früher ein ausschließliches Recht des Kaisers, 
stand in späteren Zeiten in Hessen theils den 
Landgrafen, theils einzelnen Landsassen zu. 
Von diesem ihrem Rechte machten die Land 
grafen ausgiebigen Gebrauch. 
Philipp der Großmüthige zeigte sich Anfangs 
gegen die Juden, welche er wegen des verderb 
lichen Wuchers weder in Kassel, noch überhaupt 
in seinem Lande dulden wollte, sehr streng. So 
erließ er am 16. Juli 1524 ein fürstliches Aus 
schreiben, wodurch die Beamten angewiesen wurden, 
in ihrem Amte keine Juden wohnen zu lassen, 
ein Gleiches befahl er den im Amte angesessenen 
Edelleuten; den Juden wurde verboten, sich im 
Fürstenthum betreten zu lassen, Sicherheit und 
Geleit wurde ihnen aufgesagt, bei Zuwiderhand 
lungen drohte ihnen die Ausweisung, und die 
Rückkehr war ihnen verboten. Ausländische 
Juden erhielten gegen Entrichtung des gewöhn 
lichen Zolles Sicherheit und Geleit. 
Von der Ausführung dieser Verordnung aber 
wurde, wie sich aus der Thatsache des Erlasses 
der Judenordnung von 1539, s. unten S. 62, 
ergiebt, bereits unter Philipp abgesehen. Erneuert 
ist das Edikt von 1524 niemals wieder, obgleich 
es nicht an Versuchen gefehlt hat, die Wieder 
inkraftsetzung desselben zu erreichen, doch scheiterten 
solche Versuche stets an der Abneigung des Land 
grafen. So erwiderte Landgraf Wilhelm VI., 
als die Hessen-Kassel'schcn Landstände 1655 
darauf drangen, daß zur Aufkündigung des landes 
herrlichen Schutzes das alte strenge Edikt gegen 
die Juden erneuert würde, weil die christlichen 
Predigten über den Messias, denen sie doch nur 
gezwungen beiwohnten, und die gesetzlichen Ver 
bote ihres Wuchers erfolglos geblieben waren: 
„daß die Juden gar aus dem Lande vertrieben 
und unter den Christen nicht geduldet werden 
sollten, ist gött- und weltlichen Rechten zuwider, 
bevorab sie die göttliche Verheißung der Bekehrung 
haben". 
Juden, die adeligen Schutzjuden nicht aus-
	        

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