Full text: Hessenland (10.1896)

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Als Pfarrer Brand diese schönen Worte 
niederschrieb, hatten sich bereits auch hier die 
Folgen der fürchterlichen Verluste Preußens in 
den langen Zügen preußischer Gefangenen gezeigt, 
welche von Truppen der Rheinbundstaaten durch 
die Gemeinde Kesselstadt nach den rheinischen 
Festungen transportirt wurden. Denn er be 
richtet gleichfalls in dem oben erwähnten Sitzungs- 
Protokoll : 
„Auch unsere Kirche wurde, nachdem man vor 
der Hand den Altar und allen Kirchenschmuck 
an sicheren Orten aufbewahrte, zur Aufnahme 
der bisher fast täglich äußerst zahlreich hier 
durchgeführten preußischen Kriegsgefangenen 
auf höheren Befehl gebraucht". 
In derselben Aufzeichnung stellt der treue 
Seelsorger und Patriot seiner lieben Gemeinde 
ein ehrendes Zeugniß der Anerkennung für die 
allseitige Theilnahme aus, welche den gefangenen 
preußischen Soldaten hier entgegengebracht wurde, 
indem er hinzufügt: 
„Bei dieser Gelegenheit zeigte sich unsere Kessel- 
städter Gemeinde sehr wohlthätig und menschen 
freundlich, indem Alt und Jung die armen 
Gefangenen in der Kirche pflegte, speisete, 
tränkete und kleidete, so viel's nur möglich 
war. In diesen Tagen der Trübsal wurde 
unser öffentlicher Gottesdienst einstweilen in der 
lutherischen Kirche gehalten." 
Am Schlüsse dieses Protokolls heißt es dann: 
„Wurde hierauf das Presbyterium mit heißeni 
Gebet für das Heil unserer Gemeinde und 
unseres lieben deutschen Vaterlandes beschlossen." 
Die Okkupation Hessens und des Fürsten 
thumes Hannn ließ nicht lange auf sich warten. 
Ein Manifest Napoleon's, in welchem der Religion 
und den milden Stiftungen Schutz und Sicher 
heit zugesichert wurde, kündigte dieselbe an. 
„Am 3. November", schreibt Brand, „zogen 
die Feinde, die Franzosen, in Hanau, Kessel- 
stadt, Seckbach und in das ganze Fürstenthum 
ein"; die französischen Beamten folgten den 
Okkupationstrnppen auf dem Fuße nach und 
nahmen die Landesverwaltung in die Hand. Die 
Verfügung des Konsistoriums vom 20. Ok 
tober 1806 trägt noch die Unterschrift „Kur 
fürstlich Hessisches ev. reformirtes Kon 
sistorium Hanau", die Unterschrift der im 
Dekretenbnch unmittelbar darauf folgend ange 
schriebenen Verfügung derselben Behörde vom 
26. November 1806 lautet bereits „Hanauisch 
ev. reformirtes Konsistorium". In ihr wird 
befohlen: 
„Da von Sr. Exzellenz dem Herrn General 
gouverneur von Hessen La Orange befohlen 
worden ist, daß alle herrschaftlichen Wappen 
im ganzen Fürstenthum abgenommen werden 
sollen, So wird solches denen sämmtlichen 
ev. reformirten Geistlichen des Endes hier 
durch bekannt gemacht, um sothane Wappen, 
wenn sich deren an den Kirchen befinden und 
solche ans Verfügen der Beamten noch nicht 
abgenommen seyn sollten, sofort abnehmen, mit 
Gips bestreichen und daran keinen Mangel 
erscheinen zu lassen." 
Schon am 2. Dezember 1806 erhalten die 
Geistlichen des Fürstenthums Hanau „auf hohen 
Direktorialbefehl" eine Anweisung ans der Kvn- 
sistorialregistratur - das Konsistorium selbst 
giebt die Verfügung erst unter dem 12. Dezem 
ber — künftighin in dem Kirchengebet statt der 
Fürbitte für den Kurfürsten folgenden Satz ein 
zufügen : 
„Wir bitten Dich auch für die Erhaltung und 
das Wohlergehen Seiner Majestät unseres 
erhabenen Beherrschers Napoleon, des großen 
Kaisers der Franzosen und Königs von Italien, 
für Jhro Majestät, die Kaiserin und Königin, 
seine erhabene Gemahlin und für die ganze 
Kaiserliche Familie." 
Nachdem dann noch in trockenem Büreaustil 
die Vorgesetzten, die ganze geistliche und weltliche 
Dienerschaft n. s. w. aufgezählt sind, führt das 
Schriftstück fort: 
„ja, für alle Glieder der Gemeinde und Ein 
wohner unseres Ortes mtb für das ganze 
deutsche Vaterland". 
Offenbar ist dieser letzte Zusatz, den unser 
geistlicher Gewährsmann in der Schrift besonders 
hervorhebt, von dem Konsistorium selbstständig 
hinzugefügt worden, und erkennen wir daraus, 
wie die wackeren Männer dieser Behörde, in 
schwerer Zeit und unter den schwierigsten Ver 
hältnissen, es dennoch wagten, den vaterländischen 
Sinn im Volke wach zu halten und die Liebe 
zum deutschen Vaterlande an heiliger Stätte 511 
pflegen — ein freundlicher Lichtstrahl im Dunkel 
der deutschen Geschichte jener Jahre! Unterzeichnet 
ist die Verfügung von v. Schmerfeld. 
Trotzdem sollten die Geistlichen nach Ansicht 
»nd Willen der französischen Okkupationsbeamten 
die Mithelfer »nd Werkzeuge sei», die deutsche 
Art zu unterdrücken und der französischen Gewalt 
herrschaft um so leichter die Wege zu bahnen. 
So wird ihnen ein Dekret vvin IO. Dezember 
1806 mitgetheilt, das eine Proklamation des 
Gouverneurs le Court de Villiers enthält, welche 
den Gebrauch von Waffen und das Tragen der 
„schwarzen Kokarden" untersagt. Die Geistlichen 
werden aufgefordert, diese Proklamation in den
	        

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