Full text: Hessenland (10.1896)

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Ihn fest umschließend. — welche Lust und Wonne! 
Rein Wunsch und keine Furcht, auch keine Regung 
Zur Andacht geht bewegend durch die Seele; 
vollständig geht sie auf in dem Besitze 
Des holden Rnaben. Doch, — was sag ich da? 
In dem Besitz des Rnaben? Nein, — für mich 
versenkt sie ahnungslos sich in das Bild 
Der offenbarten Menschenliebe Gottes. 
Ich danke Luch, Gesellen, trinkt nur weiter 
Des Weines Gold, mein Denken ruht für jetzt 
Auf jenen: Weine, der das Blut bedeutet, 
Das einst der Welt als Liebesopfer floß. — 
Des Rnaben Linke hascht nach ihrer Brust, 
Da spricht die höchste Seligkeit der Mutter 
Aus ihrem Antlitz, und die kleine Hand 
Durchglüht in der Berührung sie wie Feuer, 
Daß sie, voll zücht'ger Innigkeit, die Wange 
Anlehnt an das umlockte Haupt des Rnaben. — 
Reizvolles Bild des so natürlichen 
Und doch so wunderbaren Innenlebens, 
vom Geiste reich gesättigte Natur. — — 
Verab nun wallend von der weißen Stirn, 
Leg' ich die Flechten auf des Rnaben Locken, 
Die sanfter wind aus goldueu Höhen kräuselt, 
Aus lichten Sphären der Unendlichkeit; 
Das wird ein inniges Zusammenfließen 
voil Lust und Liebe, Sehllsucht und Besried'gung. 
Mein Gott, wie reich ist doch ein Mutterherz, 
Ist's darum auch so leicht im Schiperz zu brechen? -— 
So — Haupt an Haupt, und Brust an Brust, die Hände 
Lin Lrdenglück umfaffelld, weltvergeffell: 
Da geht die Liebe auf in lauter Liebe, 
Und'Beide, Rind und Mutter, werden Lins. 
Still Freunde, still, das laute Reden stört 
Mir sollst die arglos koselide Madonne. — 
Ihr Blick? — was fang' ich all mit ihrem Blick? — 
Lr strahle fragend in die Welt hinein: 
„O Welt, begreifst du Gottes Gnadenwerk, 
Das ich zu deinem Heil all's Herz hier drücke? " 
Der lichte Stern des Auges sei beschattet 
von träumerischem, ahnungsvollenl Dunkel, 
Dainit die Frage aus dein Blicke quillt 
wie Sonnenglanz aus dunkler Wolkenbildung, 
Erlösung aus der ewigen verdammniß. 
— Auf dieser Lippen leicht gewundnen Linien 
Lrzittre für die Gnadenhänd des Lw'gell 
Der Ruß des Dankes aller Rreatur, 
Ulld in des Mundes winkelll berge sich 
Das wonnige Behagen heil'gen Glückes, 
Ausstrahlelld aus der Seele tiefsten Tiefen 
Versöhnung Gottes mit der ganzen Menschheit. 
Doch halt! — Das Haupt nicht frei, wie Mädchenköpfe, 
Ls muß ein weißer golddnrchwirkter Stoff 
Den Schmuck der schweren Flechten leicht verhüllen, 
Dell Abschluß bildell, doch zugleich hindeuten 
Alls eine Welt voll ewig goldneu Lichtes, 
Daraus der Urquell aller Liebe fließt. — 
So sei es, - und so werd' es durchgeführt. 
Schaut her, Genossen: ein Madonnenbild. 
Wie? Hör' ich recht? Luch ist die runde Forill 
Nicht nach Geschlllack? — Sagt lieber: nach Gewohnheit. 
Doch was ist mir Gewohnheit und Geschmack, 
wo die Idee des Werkes Form bestiulmt? 
wozu dem weltumfassenden Gedailken 
vier leere, theilnahmlose Lcken geben? 
Die Forill ist der Bewegung sichre Grenze, 
Ist die Verkörperung des geist'gen Inhalts, 
Und hier, so scheint mir, paßt das Rund besonders, 
Denll ohne Anfang ist's und ohne Lnde 
Ulld doch ill sich geschloffen, fest geschlossen, 
Daß nichts illehr Raum in der Beschränkung findet, 
Als nur, Geduld, — das muß ich erst vollenden. 
Daß liichts nlehr—Raum — in der Beschränkung — findet, 
Als — nur — anbetende Verehrung. Diese 
Soll mir das Rind Johannes übernehlnell; 
Der Ropf allein genügt, die Menschheit hier 
vor Gottes Liebeszeugniß zu vertreten. 
So, — so! Nun füllt lloch einmal mir dell Becher 
Mit duftelldem Falerner; hoch die Runst! 
was? Linell Namen sucht Ihr für das Bild? 
Ich deilke, liebe Freunde, der liegt nah', — 
Nennt's doch: Madonna della Sedia! 
Aus der Frmnosemeit. 
Nach bon Akten der Kesselstädter Pfarreirepositur mitgetheilt von 
Pfarrer Hufnagel- Kesselstabt. 
hinter bcr Franzoscnzcit begreift unser Volk 
Wj i^ne sieben schweren Jahre von 1806 bis 
j 1813, in benen bie eiserne Faust bes ge 
waltigen Korsen unser Vaterland zerbrach und 
brückcnb schwer ans bein geknechteten Volke lastete, 
unter bereu Zwang Allbeutschlanbs Völker seufzend 
unb verzweifelnb ihre Fesseln trugen und ihre 
Sohne dazu hergeben mußten, auf den Wink des 
Fremden die eigene Heimath zu zertreten und 
bas eigene Volk zu zerfleischen. 
Wie tief bie Schmach von unseren Volksgenossen 
jener Zeit empfunden worden ist, und wie ein 
schneidend bie traurigen Erlebnisse der fran 
zösischen Eroberung und jahrelangen Gewalt 
herrschaft sich dem Gedächtnisse der Zeitgenossen 
eingegraben hatten, das weiß jeder von uns, 
dem es in seiner Jugendzeit vergönnt war, den 
Erzählungen gereifter und älterer Leute zu 
lauschen, welche jene schwere Nothzeit mit durch 
lebt, die einherflnthenden Heerzüge der Eroberer
	        

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