Full text: Hessenland (10.1896)

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eine den unter ihnen vertretenen einzelnen Lite- 
raturzweigen entsprechende Arbeitstheilung ver 
abredet und zur Sicherung des angestrebten Zweckes 
möglichster Vollständigkeit die Zuziehung geeigneter 
wissenschaftlicher Kräfte in Aussicht genommen. 
Ferner wurde dem ersten Schriftführer Bibliothekar 
Dr. Scherer die endgiltige Redigirung eines bereits 
vorliegenden Rundschreibens übertragen, welches, mit 
vom Herrn Landesdirektvr in Hessen gütigst 
bewilligter Unterstützung in 500 Exemplaren gedruckt, 
den in Frage stehenden Persönlichkeiten zugehen, 
ihnen Zweck und Ausgabe des Unternehmens aus 
einandersetzen und sie um Darlegung ihres Bildungs 
ganges und möglichst genaue Mittheilungen über 
ihre literarischen Veröffentlichungen ersuchen soll. 
Die eingegangenen Notizen sind nach geschehener 
Sichtung auf der Landesbibliothek als der Zentral 
stelle bis zu weiterer Verarbeitung aufzubewahren. 
In etwa sechs Wochen wird eine zweite Sitzung 
der Kommission stattfinden, um die bis dahin ge 
sammelten Adressen überblicken und sichten zu 
können. Es wird nicht unterlassen werden, in 
dieser Zeitschrift über die Arbeiten der Kommission, 
denen wir im Interesse der hessischen Literatur 
geschichte gedeihlichen Fortgang wünschen, von Zeit 
zu Zeit Nachricht zu geben. 
In der Sitzung des Marburger Geschichts 
vereins von Freitag, dem 31. Januar hielt 
Pfarrer Heldmann aus Michelbach einen fesseln 
den Vortrag über die Geschichte des Stiftes 
Wetter, der mit den bisher verbreiteten irrigen 
Ansichten über dieselbe in wissenschaftlicher Gründ 
lichkeit für immer ausgeräumt haben dürfte. Aus 
den ersten beiden Jahrhunderten des Stifts weiß 
man nach den überzeugenden Ausführungen des 
Redners nichts, als daß Mathildis, die Wittwe des 
1073 zu Hollende ermordeten Giso, nach dem Tode 
ihres zweiten Gatten, eines Grasen Adalbert von 
Saffenberg, in die dortige Gegend zurückkehrte 
und 1110 im Kloster zu Wetter begraben wurde. 
Das Stift war ein Kanonikatstift Augustinerordens, 
dessen Aebtissinnen in ältester Zeit Gräfinnen waren, 
und enthielt acht Kanonissin und vier Kanoniker, 
später deren fünf, darunter den Pfarrer. Die Stists- 
jungfrauen der Kanonikatsstifte in Deutschland be 
hielten Freiheit des Austritts und volle Verfügung 
über ihr Vermögen. Das Stift hatte bedeutenden 
Grundbesitz, zu Wetter sieben Hufen, zu Weipolds- 
hausen fünf, ebenso in der ganzen Umgegend. Auch 
die heilige Elisabeth hatte zu dieser ältesten Kloster- 
stiftung Beziehungen gehabt. Das Stift war dem 
Papste unmittelbar unterstellt und rühmte sich im 
13. Jahrhundert nicht weniger als neun päpstlicher 
Schutzbriefe für sich und seinen Güterbesitz. Die 
älteste Urkunde des Stifts stammt etwa von 1215. 
Das Stift war auf mainzischen Boden erbaut, 
mit der Vogtei über dasselbe belehnte der Erz 
bischof von Mainz zuerst die Landgrafen von 
Thüringen, daun seit 1263 die von Hessen. Fried 
lichere Zeiten und bessere Vermögensverhältnisse 
für Stift und Stadt kamen erst, als auch die 
letztere, bis dahin halb mainzisch, halb hessisch, 
zunächst etwa 1464 als Psandschaft, dann 1583 
als Eigenthum an Hessen fiel, gleichzeitig aber 
wurde es von den Landgrafen im Erwerb bürger 
licher Güter beschränkt oder mußte Geschoß von 
ihnen zahlen. Die Reihe der Aebtissinen ist erst 
seit der Mitte des 14. Jahrhunderts vollständig be 
kannt. Der Zustand des Stiftes war nichts weniger 
als kirchlich normal oder evangelisch, vielmehr 
mußten die Erzbischöfe von Mainz wiederholt 
gegen das unkanonische Leben der Stistsjungfrauen 
und der Kanoniker einschreiten. Die Aushebung 
erfolgte im Frühjahr 1528. Eine sogenannte 
Ritterschule mit evangelischer Richtung, wie sie 
der Rektor Bernhard Henkel zu Wetter in seiner 
im Jahre 1799 veröffentlichten Schrift über 
Wetter behauptete, hat, wie der Vortragende nach 
wies, niemals bestanden. Nicht unbedeutend war 
früher die Stistsbibliothek, die, abgesehen von 
Handschriften, meist ältere Drucke über scholastische 
Theologie besaß und im Jahre 1718 an die Landes- 
bibliothek 19 Handschriften abgeben mußte. 
Der mit der Führung des III. Armeecorps be 
auftragte Generallieutenant von Lignitz Excellenz, 
bisher Kommandeur der 11. Division in Breslau, 
war ebenso wie sein soeben in den Ruhestand ge 
tretener Vorgänger Prinz Friedrich von 
H o h e n z o l l e r n, der frühere mehrjährige Befehls 
haber der 22. (hessischen) Division, geraume Zeit 
in Kassel ansässig und zwar als Chef des Stabes 
des 11. Armeecorps, Während seines Aufenthaltes 
in Kassel vermählte sich derselbe mit einer Tochter 
des Oberregierungsraths Schönian daselbst. — 
Der Direktor im Reichsamt des Innern Wirklicher 
Geheimer Oberregierungsrath Rothe, ehedem 
Regierungspräsident in Kassel, ist zum Unter 
staatssekretär in demselben ernannt worden. — Das 
Stipendium der gräflich Bose'schen Stiftung 
für talentvolle Maler und Bildhauer aus Kurhessen 
im Betrage von 2000 Mark ist für das lausende 
Jahr dem Maler und Hilfslehrer an der Kunst 
akademie zu Kassel Adolf Wagner, einem ge 
borenen Kasselaner. verliehen worden. 
Universitätsnachrichten. Am 3. Februar 
fand im festlich geschmückten Treppenhause des 
physiologischen Instituts der Universität Marburg
	        

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