Full text: Hessenland (10.1896)

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Aber seien Sie mir nit gram, daß ich nun 
nit mehr kommen kann. Sie müssen sich nun 
schon nach einer anderen Näherin umsehen", 
hatte sie unter Thränen lächelnd gesagt und ihr 
die Hand geküßt. 
„Sind Sie bettn nun glücklich?" fragte Tante. 
„O ja! Ich muß tlpt ja Pflegen wie ein un 
mündiges Kind. Und er ist so froh und so 
dankbar, Sie glauben es nicht. Unser Friede! 
soll rüber kommen, will er haben. Und daß ich 
so standhaft geblieben bin, so lange seine Frau 
noch gelebt hat, das hätte ihm erst beit rechten 
Respekt vor mir gegeben, wenn's ihn auch manch 
mal fuchsteufelswild gemacht hätte. Und wissen 
Sie, gnädige Frau, die Frau kann mich heute 
noch jammern, denn lieb hat er sie gar kein 
Fünkchen gehabt. So eine Ehe, das ist doch 
ein Unglück", hätte sie gesagt. 
Tante gestand mir, da sie mir diesen Besuch 
Frais Elisens schilderte, daß die Freude, durch 
ihren Zuspruch die endliche Vereinigung der 
Leutchen bewirkt zu haben, das Bedauern über 
den Verlust der netten, zuverlässigen Hilfe weit 
überwiege. Frau Ruß hegt eine an Verehrung 
grenzende Zuneigung für die einzige Frau ihrer 
Kundschaft, die ein Herz für ihr herbes Geschick 
gehabt hatte und die schließlich noch ihren starren 
Sinn gewendet. 
- 
Aus alter rrnö neuer Ieri. 
Von den Gedichten des Fabronins. 
Auf der Landesbibliothek zu Kassel werden in 
einem stattlichen Foliobande die bis aus wenige 
Stücke noch ungedruckten poetischen Werke des ehe 
maligen Notenburgischen Superintendenten Her - 
maitnns Fabronius Mosemannus verwahrt, 
eines Mannes, der seiner Zeit in Hessen als 
Theologe wie als Dichter in nicht geringem An 
seben gestanden hat. Fabronins, der sich 1594 in 
Oesterreich den poetischen Lorbeerkranz geholt hatte, 
hat in den zwanziger Jahren des 17. Jahr 
hunderts seine Dichtungen gesammelt und unter 
Benutzung älterer Niederschriften, nach einzelnen 
Gattungen getrennt, zu einem Ganzen vereinigt, 
das er bis zu seinem Tode noch durch neue Er 
zeugnisse vermehrte. 
Der Dichter steckt der Sitte der Zeit und seinem 
Bildungsgang entsprechend noch tief in der la 
teinischen Sprache drin; von (rund) 495 Blättern 
der Handschrift enthalten 470 Blätter lateinische 
Stücke, darunter die für die hessische Familien 
geschichte nicht unwichtigen vier Bücher Eclogae, 
die Civica, die Elegiarum libri VI und Epi- 
grammatum libri X; von den zwei die lateinischen 
Werke beschließenden Dramen ist die „Esther" 
zuerst im Kasseler Schlosse am 10. April 1610 
vor Landgraf Moritz und Herzog Christoph von 
Braunschweig-Lüneburg ausgeführt und sieben Tage 
später auf dem Rathhause vor Rath und Bürgern 
wiederholt worden, während der „Daniel" später 
zu Eschwege entstand. 
Den Schluß des Bandes bilden die wenigen 
deutschen Dichtungen unter dem Titel: Rhyth- 
morum Germanicorum quomndam singularium 
. . . über urms: Teütsche poetsprüche. 
Neben „Sprüchen über die Evangelia der Sontage 
vndt hohen Feste" stehen hier einige weltliche Ge 
dichte, wie Widmungen, Epitaphien, Aufschriften, 
Gelegenheitslieder und Jdyllien. Wichtig unter 
ihnen ist eine Sammlung von Strophen, die der 
Verfasser als „Policey Tugente im Schloß zu 
Eschwege" bezeichnet und deren Ueberschristen uns 
mit einem Theile des bildlichen Schmuckes des 
Schlosses bekannt machen. Sie lauten: Iantzlar 
vndt Hofgericht',,Kriegesoberster vndt Heer', ,Acker- 
man vndt Feldtbaw', ,Hirdt vndt viehezucht', 
,Vorsichtigkeit', »Gerechtigkeit', »Stercke', Meßigkeit', 
-Freygebigkeit', ,Gottesfurcht', »Keuschheit', ,Scham 
haftigkeit', »Gedult', »Muthigkeit', »Fleiß', »Ge- 
rühigkeit', ,Hoffnung', »Liebe'. 
Ob Fabronins die von ihm mitgetheilten Zeilen 
als Unterschriften für die im Schlosse zu Eschwege 
angebrachten allegorischen Malereien in höherem 
Aufträge gedichtet hat, oder ob es nur Gedanken 
sind, die er bei Betrachtung der Bilder nieder 
schrieb, war nicht festzustellen; für die erstere An 
nahme dürfte der Umstand sprechen, daß die im Roten- 
burger Schlosse zu den (älteren) Wappen hessischer 
Fürsten, Landschaften Geschlechter und Städte später 
hinzugefügten lateinischen Denksprüche, die auch, zum 
Theil verändert, in Wessel's Wappenbuch sich finden*), 
nachweislich dem Fabronins verdankt werden. 
Eine ganz besondere Stellung nimmt schließlich 
das folgende „Wieder die Vermengung der 
Teütscheu spräche" gerichtete Gedicht ein: 
Wer zu Rom ein wort in der Lateinischen sprachen 
Griechisch einmengen oolt, den that man balt auslachen, 
Schreibet der weise Heydt Cicero an seinen söhn 
In seinem sitten buch gar schon. 
*) Vgl. „Hessenland", Jahrgang IX, Nr. 24, S. 336.
	        

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