Full text: Hessenland (10.1896)

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Hanle Herichtsraths Itickfrau 
Eine einfache Geschichte von Frida Storck. 
(Schluß.) 
Äch hatte noch am Abend die Schrift der Frau 
<3ö Elise gelesen und begriff nun die Nachsicht und 
das Wohlwollen, welches Tante ihrer Flickfrau 
zollte. Als ich die Papiere zurückbrachte, erfuhr 
ich noch, daß es dem Sohn Friede! „drüben" sehr 
gut gehe. Er hatte den Titel Professor und wollte 
längst nicht mehr, daß seine Mutter zum Nähen 
gehe. Doch sie war nun einmal an diese Thätigkeit 
und au die Familien gewöhnt, und sie behauptete, 
sie hielte es so mutterseelenallein in ihreni 
Stübchen gar nicht aus. Dann hatte auch Tante 
erfahren, daß die reiche Frau Ruß ihren lang 
jährigen Leiden erlegen sei. Ihr Gatte ließ ein 
pomphaftes Leichenbegängniß ausrüsten, welches 
Frau Elise von einem versteckten Friedhofswinkel 
mit angesehen hatte. — — 
Wieder einmal traf ich an jenein Montag, 
der für Frau Elisens Kunstleistungen ausersehen 
war. mit ihr bei Tante Gerichtsrath zusammen. 
Diesesmal leuchteten die braunen Augen der noch 
immer hübschen Fmu in eitel Glück und Stolz. 
„Sie hat eigentlich gar nicht kommen sollen," 
sagte mir Tante, „aber gerade zu mir hätte sie 
gehen müssen, weil ich ihr immer so trostreich 
zugesprochen hätte." „Ja, Fräulein, mein Friede! 
ist wieder da. Ach, ein so schöner Mann ist 
das geworden", sagte Frau Elise mir dann selbst. 
„Eine Frau hat er auch schon, aber die ist 
uit deutsch. Und nun möcht' er mich mit 
haben, daß ich in seinem Hauswesen nach dem 
Rechten sehe." 
„Nun, da besinnen Sie sich wohl nicht lange, 
und Tante wird Ihnen auch zureden, so leid 
es ihr thut, denn so kunstvoll wie Frau Elise, 
kann niemand die Schäden heilen", versetzte ich. 
Sie saß eine Weile still, dann sagte sie seufzend: 
„Nein, ich kann doch nimmer fortgeh'n von hier, 
die Frau Gerichtsrath weiß schon warum". 
„Sie hat sich in den Kopf gesetzt, der Vater 
ihres Friedel müsse sie noch um Verzeihung 
bitten, daß er sie so schmählich hintergangen 
habe. Wie ein nie verstummender Vorwurf für 
den gewissenlosen Mann will sie hier leben und 
sterben", erzählte mir Tante. „Lieber will sie 
sich weiter plagen, ehe sie das Feld räumt." 
So ließ sie den stattlichen Sohn allein wieder 
über den Ozean ziehen zu seinem jungen Weibe. 
Nach wie vor kam sie zu Tante Gerichtsrath. 
Eines Morgens erschien Frau Elise unerwartet 
in höchster Aufregung. Sie kam nicht in ihrer 
Eigenschaft als Näherin zur Tante, sondern 
sie bat um ihren Rath. Eigentlich war sie 
entschlossen, sie wollte nur aus Tantens Mund 
die Bestätigung, daß es das Rechte sei, was 
sie zu thun gedachte. Nun harrte ihrer eine 
Enttäuschung; denn Tante hat ihr gründlich 
den harten Trotzkopf zurecht gesetzt. Der Haus 
besitzer Ruß war am gestrigen Tage gefallen und 
lag mit schwerem Beinbruch. Früh Morgens 
schon war ein Bote bei Frau Elise eingetroffen 
mit einem von dem Kranken mühsam geschrie 
benen Brief. Er flehte sie in den rührendsten 
Worten a», zu ihm zu kommen. Sein Haus 
sollte das ihre sein, denn seine Frau stand nun 
nicht mehr im Wege. Er versicherte ihr heilig 
und theuer, daß er in seiner Ehe keinen frohen 
Augenblick gehabt hätte, und daß die Reue über 
seine Schuld gegen sie, die er allein geliebt hätte, 
ihn manchmal sinnlos geinacht habe. Alles 
wollte er gut machen an ihr und seinem Sohn, 
sie sollte nur zu ihm kommen. 
„Sehen Sie, gnädige Frau, das mußte ihm 
so kommen. Nun mag er seine Reue tragen. 
Ich geh' in sein Haus nimmer", hatte Frau 
Elise mit funkelnden Augen gerufen. 
Nach einer kleinen Weile ging sie schluchzend 
wieder fort. Tante hatte ihren starren Sinn 
gewendet. Im Grunde liebte sie den Mann, 
der ihre Jugend vergiftet, noch immer; sie hatte 
sich nur so in den Groll hineingearbeitet. „Das 
ist die schönste Tugend des Weibes, daß sie ver 
zeihet und vergißt", hatte Tante ans vollster 
Ueberzeugung der tief gekränkten Frau zugerufen, 
und dies Wort stimmte sie um. 
Der erste Montag des kommenden Monats 
verging, Frau Elise war nicht bei der Tante 
erschienen. Dastn fuhr eines Tages ein Wagen 
vor. Ein ältlicher Herr saß darin, in Decken 
und Kissen gehüllt. Die stattliche Dame, die 
neben ihm gesessen, stand nach wenig Sekunden 
ihrer Beratherin, Tante Gerichtsrath, gegenüber. 
Sie hatte die fröhlichen Augen voll Thränen, 
und es fehlte nicht viel, so Hütte sie Tante um 
armt. 
„Unten im Wagen sitzt mein Mann, gnädige 
Frau! Weil Sic mich so eigentlich zu ihm hin 
gestoßen haben, wie ich kein Erbarmen mit ihm 
haben wollte, daruin hab' ich Ihnen Dank sagen 
müssen. Heut fährt er zum ersten Mal aus. 
aber verheirathet sind wir schon ein paar Tage.
	        

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