Full text: Hessenland (10.1896)

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Werke, betitelt: Le royaume de Westphalie, 
Jérôme Buonaparte, sa Cour, ses Favoris et 
ses Ministres. Par un témoin oculaire. 
Paris, 1820. 
Lagrange war bekanntlich noch Kriegsminister 
unter Jérôme. Das oben zitirte Werk sagt nun 
ans Seite 29: Kaum hatte sich das Kriegs 
ministerium gebildet, als man Plötzlich den 
Kriegsminister von Kassel abreisen sah. Zwei 
ehemalige Agenten, welche srüher mit der Ver 
waltung der Domänen in Hessen beauftragt 
gewesen waren (wir erkennen unschwer in ihnen 
die Herren Rognes und Reinhard) wurden in 
das Kastell gesteckt. Diese kleine Palastrevolution 
war während einiger Tage dem Publikum ein 
Räthsel; aber es verlautete bald, daß die hes 
sischen Behörden, in deren Gewahrsam sich eine 
sehr bedeutende Summe Geldes befunden hätte, 
darüber zu Gunsten des Generals und des In 
tendanten Mart .... in der Form eines Ge 
schenkes verfügt lutb daß diese angenommen 
hätten. Jérôme, welcher keinen Heller in der 
Kasse seiner Zivilliste hatte und gezwungen 
gewesen war, bei der Ankunft in seine Staaten 
durch die Hände der Inden zu gehen, fand es 
wenig am Platze, daß man ans seine Kosten 
Geschenke machte. Aber kaum wurde das Wort 
„Ersatzleistung" ausgesprochen, so war der General 
aus Westfalen fort. Napoleon, welcher mehr 
Werth auf einen guten General als auf bie- 
Kasseler Maskenbälle legte, gab der Angelegen 
heit keine Folge. Was de» Intendanten Mart, 
betrifft, so stand er nicht so fest; er war ein 
Mensch, die Furcht erfaßte ihn, und er leistete 
Ersatz. 
Hier erfahren wir zugleich die weitere Ent 
wickelung der Dinge. Jérôme und sein Hof 
hatte» keine Veranlassung, die für alle Fran 
zosen unliebsame Geschichte an die große Glocke 
zu hängen. Am 11. Januar 1808 schreibt der 
König an seinen Bruder: „Eure Majestät tadelt 
mein Verhalten gegen den General Lagrange; 
ich bemerke indessen, daß über die Veranlassung 
zu seiner Abreise nichts in Kassel ruchbar ge 
worden ist und daß man annimmt, er sei auf 
einen Befehl Eurer Majestät hin abgereist." *) 
Es erübrigt noch, einige Worte über die unter 
dein Dach des Wilhelmshöher Schlosses ver- 
’) Mémoires et Correspondance du Roi Jérôme, 
T. III, p. 228. — Der Herausgeber bemerkt dazu: „Le 
général Lagrange avait quitté brusquement la West 
phalie, ¡i la suite d’affaires délicates, laissant le 
portefeuille de la guerre, sans même prévenir de 
Roi de son départ.“ 
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mauerten Schätze zu sagen. Daß diese dort sich 
wirklich befunden hätten, habe ich bisher als 
Thatsache gelten lassen, kann aber nicht umhin, 
in diese angebliche Thatsache starke Zweifel zu 
setzen, um so mehr, als auch ein mir befreun 
deter hiesiger, in hessischen Dingen außerordentlich 
bewanderter alter Herr, der lange Jahre bei 
Hofe gewesen ist, ebenfalls die ganze Sache für 
Fabel und Sage erklärte. Dieser Herr, Herr 
Geh. Hosrath Rosenblath dahier, ist nicht mit Un 
recht der Ansicht, daß er wohl in den langen Jahren 
seiner amtlichen Thätigkeit am kurfürstlichen Hofe 
von irgend einem der Hofbeamten etwas Näheres 
tmd Verläßliches über die abenteuerliche Bergung 
lind Rettung der Schätze gehört haben würde. 
Ueber die Bergung habe ich bereits berichtet. 
Die weitere Geschichte der über den Säulen im 
Dache, nach Andern in der Kuppel des Schlosses 
oder gar in dem ehemals darauf befindlichen 
runden Knopf verborgenen Schätze ist kurz die, 
daß König Jeröme etwa im zweiten Jahre seiner 
Regierung eines Tages plötzlich den Befehl ge 
geben habe, eine Fahne dort aufzustecken, wo die 
Schätze sich befanden. Der Schloßinspektor 
Steitz habe in der größten Angst und Verlegen 
heit nun in der Nacht die Werthgegenstände 
heraus und einstweilen unter die Treppe des 
rechten (nördlichen) Eckpavillons des Schlosses 
bringen und dort durch Maurer aus Wahlers 
hausen vorläufig wieder vermauern lassen. Da 
aber die Sachen hier nicht hinlänglich sicher ge 
schienen, so habe er sie, noch dazu auf königlichen 
Wagen, nachdem er einen französischen vornehmen 
Hofbeamten mit einein goldenen Service bestochen, 
Nachts über Schönfeld nach der Neuen Mühle 
und dann weiter durch die Fulda nach Prag 
schaffen lassen. Die Ueberführung habe auch 
diesmal der Hauptmann Mensing geleitet. 
So erzählt Hagedorn in seinem oben bereits 
zitirte», der Form wie dem Inhalt nach un 
genießbaren und recht abgeschmackten Buche. Ihm 
ist Frau Lilli Brand in ihrem letzten Roman: 
Unter der Fremdherrschaft, gefolgt. 
Was mir die ganze Erzählung so besonders 
zweifelhaft macht, ist die Erwägung: ob nicht 
die Minister, oder wenn diese nicht darum 
wußten, der Kurfürst selbst die nach der Be 
stechung der beiden wichtigsten Männer der fran 
zösischen Verwaltung so günstigen Umstände dazu 
benutzt haben sollten, die etwa noch irgendwo 
auf Wilhelmshöhe vermauerten Werthobjekte bei 
Seite zti schaffen? 
So schreibt Baumbach am 11. Februar 1807 
an seinen Kollegen, indem er darauf dringt, das 
Eisen zu schmieden, weil es warm sei, und alle
	        

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