Full text: Hessenland (10.1896)

Das Erwachen. 
ckd} wanderte sinnend durch's Leben hin, 
<35 Vermochte es nicht zu fassen, 
Ich sah nicht des tiefen Grübelns Gewinn 
Und konnte das Grübeln nicht lassen. 
Ich wollte den Schleier der heil'gen Natur 
Verwegen lüften, vergeblich nur! 
Rein Buch gab das lösende Zauberwort, 
Die Gedanken zogen den Schleier nicht fort. 
Sie quälten mich selber bei Tag und Nacht, 
Umringten mich wild mit erdrückender Macht. 
Verließ ich das Stübchen, verließ ich das Haus 
Und eilte in Fluren und Wälder hinaus, 
Den Gedanken vermochte ich nicht zu entfliehn, 
So kühner flogen sie nur dahin. 
Denn unter des Fimmels blauendem Zelt 
Erspähten sie schwebend die Grenzen der Welt. 
Sie schweiften im Aether von Stern zu Stern 
Durch Himmelsregionen unendlich und fern. 
Und wenn sie schwindelnd zurückgekehrt, 
Erwogen sie dieser Unendlichkeit Werth, 
Sie tauchten hinab in die finsterste Nacht, 
Hinab in des Lebens unendlichen Schacht. 
Sie suchten des Daseins Zweck und Aern, 
Erwünschte Erkenntniß blieb ewig fern, 
Und bei dem Starren in's Leere hinein 
Begann ich ein Blinder, ein Narr zu fein, — 
Bis Du mir erschienest so rosig und jung, 
Da war es det Blindheit und Narrheit genung, 
Da' gingen die Augen staunend mir aus, 
Die Gedanken flohen in wirren: Lauf. 
Frei wurde die finster bewölkte Stirn, 
Erlösend durchzuckt' es mein armes Hirn, 
Und wonnig durchbebt's die beklommene 
Brust, 
Schnell war ich des herrlichsten Zwecks mir 
bewußt. 
H. A. Missen.
	        

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