Full text: Hessenland (10.1896)

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sich des Abtrünnigen zu bemächtigen. Göbel fuhr 
zu diesem Zwecke am Tage Lucä des Evangelisten 
(18. Oktober) 1524 von Bödeken aus einer Karre 
nach Kassel. Er führte eine Bittschrift an Land 
graf Philipp mit sich, in welcher „Antonius Prior 
und ganzer Convent des Klosters Bödeken" baten, 
der Landgraf möge seine Beamten anweisen, ihrem 
Gesandten Göbel behilflich zu sein, „den Herrn 
Heinrich zu Händen zu bekommen leiblich oder 
gefänglich, damit sie ihn selber wieder in ihren 
Gehorsam und Verwahrsam bringen möchten". 
Seitens der hessischen Beamten, denen Göbel diese 
Bittschrift übergab, wurde ihm auch bereitwillig 
Hilfeleistung versprochen. Als er aber nach 
Zierenberg kam. war Lübeck, den man von Kassel 
aus gewarnt hatte, entflohen. Göbel gab sein 
Unternehmen für diesmal auf und kehrte nach 
Bödeken zurück; in sein Tagebuch *) schrieb er 
aber: „Ich hoffe ihn später noch einmal zu 
kriegen, wenn er sich nicht davor hütet". 
Nach etwa vier Monaten suchte Göbel seine 
Hoffnung zu verwirklichen. Ende Februar 1525 
(am Sonnabend nach Matthiastage) ritt er mit 
dem Prokurator des Klosters Bödeken nach Kassel, 
um abermals die Hilfe des Landgrafen zur Ver 
haftung Heinrich Lübecks zu erbitten. Er war 
aber sehr überrascht, als er bei seiner Ankunst in 
Kassel erfuhr, wie sehr sich hier die Verhältnisse 
zu seinen Ungunsten verändert hatten. Er mag 
daraufhin den Versuch, sich Lübecks zu bemächtigen, 
aufgegeben haben; wenigstens erwähnt er des 
abgefallenen Bruders in seinem Tagebuch nicht 
weiter, sondern spricht seinen Kummer in den 
Worten aus: „Als wir nach Kassel kamen, da 
war ein großer Hof von Stechen und Brechen. 
Was da war. das will ich nicht beschreiben, aber 
das allerkläglichste ist: Kassel ist ganz verkehrt 
und Luthersch geworden, sie halten dort die Messe 
deutsch, sie singen keine Horen, die Geistlichen 
laufen alle aus den Klöstern, und der Landgraf 
hat allen verlaufenen Mönchen und Nonnen Geleite 
gegeben; die Mönche nehmen Eheweiber und die 
Nonnen Ehemänner. Gott sei es geklagt! Ich 
fürchte, es wird uns wohl näher kommen." 
A. W. 
Ein Verwandtschaftsräthsel. In der 
vorigen Nummer des „Hessenlandes" wird der im 
Juli v. I. zu Round Top in Texas verstorbene 
Friedensrichter ^Georg August Henkel genannt, 
welcher als Sohn des Oberrentmeisters Henkel im 
Jahre 1818 zu Trendelburg das Licht der Welt 
*) Auszugsweise abgedruckt in : Zeitschrift für deutsche 
Kulturgeschichte, 4. Jahrgang, 1859, S. 196 ff. 
erblickte. Der Name des Letztgenannten erinnert 
an ein sogenanntes „Berwandtschastsräthsel". das 
Anfangs der zwanziger Jahre die althessische Familie 
der Henkels zu lösen ausgab: „Wie können vier 
Menschen siebzehn Verwandtschaftsgrade reprä- 
sentiren?" Die drei Söhne des in der zweiten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts-verstorbenen Re 
gierungsprokurators Henkel unb deren Vetter, der 
schon genannte Oberrentmeister, lösten dies Räthsel 
wie folgt: Der Major Henkel und der landgrüflich 
Rothenburgffche Rath Henkel wurden die Schwieger 
söhne ihres Bruders, des Bergraths Henkel, indem 
die beiden Ersteren die zwei Töchter des Letzteren 
heiratheten. Es ergaben sich hieraus die Verwandt 
schaftsgrade von: drei Brüdern, zwei Schwieger 
söhnen. einem Schwiegervater und zwei Schwägern. 
Die Brüder Henkel und ihr Vetter. Oberrent 
meister Henkel, ergaben zusammen vier Vettern. 
Die verwandtschaftliche Verwickelung sollte aber 
durch den Oberrentmeister in einer Weise erhöht 
werden, die guten Nachdenkens bedarf, um sich in 
diesem Familienlabyrinthe zurecht zu finden. 
Der Major Henkel hatte in einer früheren 
Ehe die Schwester seines Vetters, des Oberreick 
meisters, geheirathet. wurde also dessen Schwager. 
Die Tochter dieser Ehe. also eine Nichte des 
Oberrentmeisters, wurde die zweite Frau dieses 
Herrn, mithin war er seines Vetters und 
Schwagers Schwiegersohn, und jener Vetter und 
Schwager gelangte zur Würde eines Schwieger 
vaters des Oberrentmeisters. 
Wenn wir nun aufstellen, was für Verwandt 
schaftsgrade sich in den besprochenen vier Herren 
vereinigen, so finden wir: 
2 Väter: den Bergrath und den Major, 
3 Brüder: Bergrath. Major und Rath. 
4 Vettern: Bergrath, Major. Rath, Oberrent 
meister. 
3 Schwiegersöhne: Rath. Major. Oberrentmeister. 
2 Schwiegerväter: Bergrath. Major, 
3 Schwäger: Rath. Major. Oberrentmeister; 
also zusammen 17 Grade. 
Wollten wir nun noch die Verwandtschaftsgrade 
der Genannten zu den Frauen und Kindern dieses 
Familienkreises auszählen, so würde eine weit 
größere Summe sich herausstellen, so wäre z. B. 
der Oberrentmeister seinen Kindern (aus hier ge 
nannter Ehe) gegenüber: Onkel. Großonkel und 
Bater, sowie Ehemann. Onkel und Vetter von 
deren Mutter. Das Aufgezählte wird aber wohl 
genügen, um ein Bild von Verwandtschaftsgraden 
herzustellen, wie es bunter kaum gedacht werden 
kann. Jeanette ILramer. 
•'•AK-.'—-
	        

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