Full text: Hessenland (10.1896)

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seinen Namen trug. Der Junge war ja un 
schuldig an meinem Unglück. Wenn sein Vater 
uns in dieser großen Noth half. dann wollte ich 
versuchen, ob ich in Frieden an ihn denken 
könnte. Mit froststarren Händen und zuckendem 
Herzweh schrieb ich. Wie die Kindlein auf den 
heil'gen Christ, so hoffte ich ans seine Hilfe —, 
aber er schickte seinem Jungen nichts. Der 
Hanswirth hatte uns einen Korb mit Eßwaaren 
'raufgestellt, daß wir nit zu hungern brauchten. 
Ich habe dem Friede! zum Christgeschenk meine 
Geschichte erzählt. Das Herzeleid — und auch 
der Zorn — hatten mich übermannt. Er war 
ja auch alt genug, er konnte es wissen. Ganz 
starr und still hörte er mich an, dann schluchzte 
er wie ein Kind. Darnach aber hat er mich 
geherzt und geküßt, und das war mein Christ 
geschenk. 
Wie in der Kunstschule mein Friede! sein 
Examen mit Auszeichnung gemacht hat, stand es 
in den Zeitungen. Da hat es auch der Herr 
Ruß gelesen, und mit einem Male konnnt ihm 
der Stolz über seinen Sohn. Er hat ihm auf 
gelauert und sich völlig vor dem Jungen ge- 
demüthigt. Er soll doch zu ihm kommen, und 
es sollte alles gut sein. 
Mein Friede! hatte nun aber auch seinen Stolz. 
,Die Mutter und ich haben uns so weit allein 
gebracht, wir brauchen den Herrn Ruß nicht', 
hat er gesagt. Dann hat's der Alte bei mir 
versucht. Er hat mich auf der Straße angehalten, 
mir die Hand geboten und gesagt, er möchte 
uns gern mal aufsuchen. 
Ich riß meine Hand los und sagte: ,Wir 
danken für die große Ehre! Ein Glück, daß 
wir selbiges Mal Weihnacht nit verhungert 
sind. Jetzt sind der Friede! und ich ein bischen 
wählerisch im Umgang. Mit Leuten, die kein 
Gewissen haben, verkehren wir lieber nit.' — 
Da kommt mein Friede! einmal todtenblaß und 
sagt: ,Jch kann nicht mehr hier bleiben, Mutter. 
Der im Eckhaus — Vater hat er nie sagen 
mögen — verleidet mir das Leben hier. Heut 
im Bierhaus hat er uns Bettelpack gescholten. 
Herkommen zu uns willst Du ihn nicht lassen, so 
giebt es nimmer Ruh, da ist's besser, ich geh' »ach 
Amerika.' Und dann ist mein Friedel fort in 
die Welt." — — — 
(Schluß folgt.» 
Aus atter und neuer* Seit. 
Bei den behufs Restauration der Ruinen der 
1796 zerstörten belgischen Cistercienser-Abtei 
Villers nöthig gewordenen Ausräumungsarbeiten 
entdeckte man in der Kirche vor noch nicht zwei 
Wochen das Grab Heinrich's II., Herzogs 
von Brabant, und seiner Gemahlin, Sophie von 
Thüringen, der Tochter der heiligen Elisabeth 
und Stammutter der hessischen Fürsten. Es ist 
auf der linken Seite des Altars an das Tages 
licht gefördert worden. Das Grab war mit 
einer Wölbung überdeckt, die höher als das 
Pflaster des Chores sich erhob, und in zwei Ab 
theilungen eingetheilt. In der einen Abtheilung 
fand man die Ueberreste des Herzogs Heinrich, 
der 1247 beigesetzt worden ist, in der andern die 
Ueberreste der 1284 verstorbenen Herzogin Sophie. 
Von den Särgen gab es nur noch Holzstaub; an 
ihrer Stelle waren zwei mächtige Gipsblöcke, welche 
die Skelette einschlössen, vorhanden. Die Gebeine 
sind gut erhalten. 
Zur Geschichte der Reformation in 
Hessen. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts war 
dem Augustinerkloster Bödeken bei Paderborn 
der Auftrag geworden, die Stelle des Kaplans im 
Jungsrauenkloster zu St. Georgen vor Hom 
berg an der Efze, dessen Priorin damals Anna von 
Dernbach war, mit einem seiner Konventnalen zu 
besetzen. Man wählte hierzu den Priester Heinrich 
Lübeck (oder Lübbecke). Wie lange dieser das ihm 
übertragene Amt versehen, vermögen wir nicht zu 
sagen. Allzulange mag es nicht gewesen sein. 
Denn als die Kunde von Luther's Lehre in das 
Kloster zu/St. Georgen drang, da bekannte sich 
nicht nur Herr Lübeck zu dieser Lehre, sondern 
auch eine Nonne des Stiftes. Mit Letzterer ent 
floh Lübeck, zog zunächst mit ihr unstät umher, 
nahm dann seinen Wohnsitz in Zierenberg und 
heirathete seine Begleiterin. Erscheint in Zieren 
berg die neue Lehre mit Erfolg verkündet zu 
haben. Wenigstens erklärt das Kloster Bödeken 
in einer später zu erwähnenden Bittschrift, sein 
Aufenthalt in Zierenberg gereiche „uns Geistlichen 
zum großen Nachtheil". 
Lübeck's ehemalige Genossen in Bödeken waren 
nun keineswegs gewillt, dein Abfalle ihres Mit- 
brnders ruhig zuzusehen. Sie beauftragten deshalb 
den Laienbruder Göbcl, einem geborenen Kölner,
	        

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