Full text: Hessenland (10.1896)

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„Ja, so machen es die meisten. Dabei gehen sie 
kaltherzig an der Leibes- und Seelennoth ihrer Mit 
menschen vorüber, denen oft ein ermuthigendes 
Wort neue Lebensfrendigkeit, neue Schaffenskraft 
giebt." 
„Nun, Frau Elise sieht nicht aus, als ob sie 
am Leben verzagte, sie ist ja so frisch und 
blühend, und ihre braunen Augen blitzen noch 
so heiter, daß man bei ihr annehmen muß, sie 
sei mit Gott und der Welt zufrieden", lachte ich. 
„Da irrst Du gewaltig! Sie war gar oft 
schon sehr unglücklich. Seit ich mir ihre Lebens 
geschichte erzählen ließ und sie mir nun zuweilen 
von ihrem in Amerika lebenden Sohn berichten 
darf, ist sie ganz glücklich, wenn der erste Montag 
im Monat kommt, an dem sie bei mir näht." 
„Also einen Sohn hat sie? Und lebt ihr 
Mann noch?" 
Meine Tante rückte den Lampenschirm zurecht, 
damit die Helle sie nicht blende, setzte sich in die 
Sophaecke und zog mich neben sich. 
„Frau Werner ist nicht verheirathet", sagte 
sie dann. 
„Nicht verheirathet! Tante, und Du läßt diese 
Person mit Dir am Tisch essen?" 
„Wie lieblos Ihr doch seid mit Eurem schnellen 
Urtheil. Als ich Frau Elise nach ihrem Manne 
fragte, warf sie die Näherei von sich, schlug die 
Hände vor die Augen und schluchzte laut: ,O, 
der Schande, daß ich so vor Ihnen stehen muß, 
gnädige Frau! Alles Schwere hab' ich durch 
gemacht, meinen herzlieben Buben hab' ich in der 
bittersten Noth auferzogen. Nun werden Sie 
mich nimmer im Hause dulden und denken 
vielleicht gar, ich bin leichtfertig und schlecht! 
Sagens nur gleich in einem hin, gnädige Frau, 
daß ich nun nicht mehr zu kommen brauch'/ 
Wäre ich auch der fleißigen, netten Frau nicht 
schon längst zugethan gewesen, ich hätte sie auf 
dieses Geständniß hin doch nicht entlassen. Erst 
hören und dann urtheilen, ist immer mein Wahl 
spruch gewesen. Zudem liebe ich die ganze im 
pulsive Art ihres natürlichen Wesens. Ich 
begütigte sie also, und als ihre hochgradige Auf 
regung sich legte, bat ich sie, mir rückhaltlos 
ihre Geschichte zu erzählen. Sie ward glühend 
roth, diesesmal in Freude über meine Güte, wie 
sie sagte. Dann fügte sie hinzu: Lassen Sie 
mich das lieber aufschreiben, gnädige Frau, ich 
möcht's leichter können? Erst sah ich sie, glaub' 
ich, recht verblüfft an, da sie aber in sichtlicher 
Verlegenheit meinem Blick auswich, willigte ich 
ein. Und das nächste Mal brachte sie mir ein 
sauber geschriebenes Heftchen und legte es auf 
meinen Schreibtisch." 
„Eine originelle Person", bemerkte ich, da 
Tante, wie in Gedanken verloren, schwieg. 
„Ja, sie ist ein Original! Mögen die schwarzen 
Wolken der Trübsal noch so schwer über ihrein 
Haupte drohen, so jubelt ihr Herz doch dankbar 
ans, sobald ein schwacher Sonnenstrahl sie durch 
bricht. Ich gebe Dir die Bekenntnisse dieses 
Naturkindes, lies sie selbst." 
Daraufhin nahm ich die Blätter mit in meine 
Wohnung, deren Inhalt ich wortgetreu hier 
folgen lasse. Frau Elise schrieb: 
„Alle Leute im Dorf haben erklärt, daß ich 
ein bildsauberes Mädchen wär'. Meine Mutter 
aber sagte: ,Laß alle schwätzen, das bringt dich 
nimmer weiter, mußt fleißig sein und brav, das 
ist alleweil immer die Hauptsache? So bin ich 
alle Tage 'nein in die Stadt, um Nähen zu 
lernen. In dem großen Geschäft im Eckhause 
haben sie grad einen jungen Herrn zum Be 
dienen gehabt, der mir etliche Mal begegnet ist, 
beim Heimweg. Allemal hat er zu reden an 
gefangen, und ich habe auf einmal siedendheiß 
gespürt, daß ich ihn leiden mag. Er hieß Otto 
Ruß und war ein schöner Mensch, mit so recht 
treuscheinigen, hellen Augen. Einmal im Mai 
ist er mit mir weiter gegangen. Die Vögel 
haben aus allen Hecken gesungen, und die Welt 
hat mir grad geschienen, wie'n Tag im Paradies. 
Da hat er mich bei der Hand genommen und 
gemeint, daß er keine Freude mehr am Leben 
hätt', wenn ich nit seine Frau würde. Sein 
Vater dächte zwar, er sollte die Tochter von 
seinem Prinzipal freien, die schwer reich wäre, 
aber lieber wollte er in die weite Welt gehen, 
eher daß er so'n Mädchen nähme, die er nit 
leiden möchte. Wie verzückt habe ich ihm zu 
gehört, und so kamen wir zusammen heim. 
Meine Mutter hat zanken wollen; wie er aber 
so hoch und heilig geschworen hat, daß er im 
Leben keine andere zur Frau nehmen wollte, dann 
hat sie's ihm auch geglaubt. Und nachher mochte 
sie ihn gar gern leiden. Immer hat er uns 
vorerzählt, daß er sich umthäte nach einer Stelle, 
wodrauf er heirathen könnte, denn mit so 'ner 
fleißigen Frau wie ich, da wäre schon gut aus 
kommen, wenn auch sein Vater ihm dann nichts 
geben wollte. So hab' ich ihm mein ganzes 
Herz geschenkt. Aus der großen, weiten Welt 
habe ich keinen Menschen so gern gehabt. Und 
dafür hat mich unser Herrgott gestraft. So sind 
zwei Jahr hingegangen. Achtzehn Jahr bin ich 
alt gewesen. Da meinte er, sein Vater ließ 
einmal die Ruhe nicht mit der Tochter von 
seinem Prinzipal. Er hätte einen guten Schul 
freund, der Pastor geworden wäre, der sollte uns
	        

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