Full text: Hessenland (10.1896)

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Ereigniß jenes MvrgenS hatte auf Streicher 
jedoch eine furchtbare Wirkung ausgeübt. Ex 
hielt es für eine Art Gottesgericht, das über 
ihn hereingebrochen war. Zu einer Auseinander 
setzung zwischen Frau Friederike und ihm war 
es unter diesen Umständen noch nicht gekommen, 
aber beide Ehegatten fühlten, auch ohne sich aus 
gesprochen zu haben, daß eine Scheidewand zwischen 
ihnen errichtet sei, die sie mehr als ein gericht 
licher Spruch von einander trenne. So nahte 
das Weihnachtsfest heran, das sie ehedem so 
glücklich im Kreise ihrer Kinder verlebt hatten. 
Diesmal schien es- um so trauriger werden zu 
wollen, obwohl Frau Friederike es als das höchste 
Glück schätzte, daß Ernst von dem erlittenen 
Unfall wiederhergestellt war. Auf ihrer Toilette 
hatte sie einige Tage vor dem heiligen Abend 
in Papier eingeschlagen einen größeren Geldbetrag 
gefunden mit einem beiliegenden Zettelchen, auf 
welchem von ihres Mannes Hand nur die Worte 
standen: „Zu Weihnachtsgeschenken für die Kinder". 
Sie legte das Geld bei Seite und kaufte ver 
schiedene Kleinigkeiten aus ihren eigenen Er 
sparnissen, denn es schien ihr die stille Weihnachts 
feier, die sie begehen wollte, zu entheiligen, wenn 
sie zu derselben auch nur eines der Goldstücke ver 
wendete, die ihr von ihrem Gatte zur Verfügung 
gestellt waren. So hatte sie anch am Nachmit 
tag des 24. Dezember den Christbaum nicht 
wie sonst in die große Besuchsstube, sondern in 
das Wohnzimmer tragen lassen und ihn dort ge 
putzt, was zu jener Zeit mit weit bescheidneren 
Mitteln geschah, wie heute. Unter den duftenden 
Tannenbaum legte sie sodann die Spielsachen und 
Bilderbücher für die Kinder, auf einen weißge 
deckten Tisch die Geschenke für die Dienstboten 
und steckte, als es von der St. Martinskirche 
sechs Uhr schlug, die Wachskerzen am Weihnachts 
bauine an, denn sie glaubte, ihren Mann zu der 
Feier überhaupt nicht erwarten zu dürfen. Seufzend 
nahm sie die kleine Schelle zur Hand, und als 
die hellen Töne derselben erklangen, kamen die 
Kinder jubelnd herein, gefolgt von dem Dienst 
personal . . . 
Der Freudensturm war vorüber, aber die Lichter 
brannten noch, und Frau Friederike war allein 
mit ihren drei Lieblingen. Da erschallten auf 
einmal schwere Männertritte auf dem Gang, und 
die Dienstboten liefen durcheinander, als ob 
etwas pasfirt sei. Mit Herzklopfen sah Friederike 
dem Kommenden entgegen, denn es ahnte ihr 
nichts Gutes. Sie zitterte so heftig, daß sie 
sich nicht von dem Stuhl erheben konnte, auf 
welchen sie sich., ihr jüngstes Kind im Arme, 
niedergelassen hatte. Da öffnete sich die Stuben- 
thüre, und herein kamen zwei unbekannte Männer, 
welche einen großen verschlossenen Waschkorb trugen, 
au dem sie gewaltig schleppen mußten. 
„Eine schöne Empfehlung von dem Herrn Ge 
neralinspektor an die Frau Generalinspektorin, und in 
dem Korb hier wäre das Weihnachtsgeschenk für 
dieselbigte." 
Sie setzten den Korb vor Frau Friederike hin 
und gingen mit feierlichen Schritten hinaus. Sie 
wußte nicht, was sie von dem seltsamen Auftritt 
denken sollte . . . Endlich aber stand sie auf und 
hob den Korbdeckel in die Höhe. Ein lauter 
Schrei entfuhr ihr, halb des Erschreckens, halb 
der Freude, denn ihr entgegen lachte das Gesicht 
ihres Mannes ganz so, wie in früheren, glücklichen 
Tagen. Im feinsten Festanzuge saß er in dem 
Korb, schade nur, daß seine schwarzen ä la Titus 
frisirten Locken etwas gedrückt waren von dem 
Aufenthalt in dem engen Gefängniß. Der Ge- 
neralinfpektor sprang aus dem Korb heraus und 
schloß seine Frau in die Arme. 
„Kannst Du mir verzeihen", flüsterte er, „wenn 
ich mich Dir hiermit ganz und gar von Neuem 
schenke?" 
Und sie konnte verzeihen. . . . 
Bantour betrat das Haus des Generalinspektors 
nie wieder, der Letztere aber blieb der gute Gatte 
und Vater, welcher er früher gewesen war, und 
wenn ihn die Kinder in der Folge quälten: „Papa, 
komm' doch noch einmal als der Weihnachtsmann 
im Korb zu uns!" so sagte er: „Dankt dem lieben 
Gott, daß ich dies nicht wieder nöthig habe!" 
Der Waschkorb aber wurde in der Familie hoch 
in Ehren gehalten, hatte er doch dem seltsamen 
und doch so hochwillkommenen Weihnachtsgeschenke 
zur Verpackung gedient. 
Aus aCfer xmò neuer? Aeri. 
Alte Handschriften eines mittelalterlichen 
Kasseler Gelehrten. Johannes von Hildes 
heim (Johannes ab Hildensein), um 1370 Lektor 
und Prior des Karmeliterklosters zu Kassel, hat ein 
Werk: De vita trium regum (über die Lebcns- 
geschichte der heiligen drei Könige) versaßt. Bis 
her waren von diesem Werk vier Handschriften 
bekannt, eine aus dem 15. Jahrhundert zu Arras,
	        

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