Full text: Hessenland (10.1896)

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Füßen, Geständnisse machend, die sie nicht anhören 
durste, wollte sie ihren Kindern wie seither in 
die unschuldigen Augen blicken. Sie stand auf 
und wandte sich von dem Knieenden ab, um das 
Zimmer verlassen. aber er sprang auf und 
vertrat ihr den Weg. 
„Nicht also, Madame," flüsterte er. „Nicht 
also! Zwar sagt man, daß die deutschen Frauen 
ein seltenes Geschlecht seien und neben dem ein 
mal Auserwählten keinen Andern dulden mögen, 
— wie aber, wenn der Auserwählte sich dieses 
Opfers nicht würdig zeigt, wenn er sie bei Ge 
schöpfen, nicht werth der hohen Frau das Schuh 
band zu lösen, verhöhnt, wenn er —" 
„Nicht weiter, mein Herr!" rief Frau Friederike. 
„Ich weiß ja nun, was ich von Ihren Worten 
zu halten habe!" 
„So wissen Sie. wohl auch, daß in diesem 
Augenblick Ihr Herr Gemahl in —", hier nannte 
Vautour das Dörfchen in der Söhre, welchem die 
Schlittenpartie gegolten, „mit Madame Dericourt 
soupirt?" 
Madame Dericourt war eine jener allzuwohl 
bekannten leichtlebigen Damen, welche von dem 
Seinestrand an die Fulda gekommen waren, um 
in der lustigen Umgebung des lustigen Königs 
ihr Glück zu versuchen. 
„Mein Manu macht mit einigen Freunden 
einen Winterausflug ... ", stammelte die ge 
quälte Frau, nur mühsam die hervorquellenden 
Thränen unterdrückend. 
„Ganz recht," unterbrach sie Vautour und nannte 
die Namen der Betheiligten, „das sind die Herren in 
den offiziellen Schlitten, aus einen Umweg sind aber 
in geschlossenen Chaisen ganz inkognito schon heute 
Mittag diejenigen Damen hinausgefahren, welche 
Ihr Herr Gemahl zur Vervollkommung der Ge 
sellschaft ausgewählt hat, um die männlichen 
Theilnehmer an der Partie bei ihrem Eintreffen 
in liebenswürdiger Weise zu empfangen. Dies 
ist aber nicht die einzige Ueberraschung. Ihr 
Herr Geinahl hat auch das elende Wirthshaus 
für die wenigen Stunden, welche das Vergnügen 
dauern wird, im Innern zu einem kleinen Fcen- 
palast gemacht, denn dazu hat er ganz außerge 
wöhnliches Geschick. Die Hauptsache für ihn ist 
aber jedenfalls Madame Dericourt ..." 
Der Franzose hatte dies alles in größer Ge 
schwindigkeit herausgesprudelt, sodaß es Frau 
Friederike schier im Kopfe wirbelte und sie sich 
nicht von der Stelle rühren konnte, nun aber 
mußte sie hinweg, alis der Nähe des Unverschämten, 
denn sie durfte und wollte nichts weiter hören. 
Als Bautour aber Miene machte, sie abermals zu 
rückzuhalten, verlieh sie ihrer abwehrenden Hand- 
bewegnng unwillkürlich eine solche Kraft, daß der 
Oberkontroleur der königlichen Finanzen, der 
auf ebenso schwachen Füßen stand wie die letzteren, 
das Gleichgewicht verlor und sich nüt sehr ge 
ringem Anstand auf den Fußboden setzte. Als 
er sich mühsam wieder erhob, sah er sich allein, 
und er verließ, wuthbcbend über die ihm zu Theil 
gewordene handgreifliche Abweisung, das seither 
ihm so gastlich gewesene Haus. 
Frau Friederike brachte eine schreckliche Nacht 
zu, sie schloß fast kein Auge, und lange bevor der 
Novenibermorgen dämmerte, saß sie schon wieder an 
gekleidet an den Bettche» ihrer sanft schlummernden 
Kinder, das sorgenvolle Haupt auf die Hand 
gestützt und mit sich über die Zukunft zu Rathe 
gehend. So konnte es nicht mehr weiter gehe». 
Dies stand bei ihr fest. Sowie ihr Gatte zurück 
kehrte, mußte es klar zwischen ihm und ihr werden. 
— — — Als sie aber an eine etwaige Trennung 
dachte und ihr Blick dabei auf die Kinder fiel, 
drohte ihr das Herz zu zerspringen. Sie riß 
ihren ältesten Knaben von seinem Lager und 
bedeckte sein schlaftrunkenes Gesichtchen mit Küssen. 
Der kleine Ernst wußte bei diesen stürmischen 
Liebkosungen nicht recht, wie ihm geschah, und um 
ihn zu beruhigen, kleidete ihn seine Mutter, die 
wohl einsah, daß sie sich fassen mußte, an und 
ging hinaus, um nach der Frühstücksmilch jsn 
sehen. Da ertönte auf einmal Schellengeläute 
die Straße herauf, Ernst sprang an das Fenster, 
ein Schlitten hielt vor dem Haus, die bunten 
Federbüsche auf den Köpfen der Pferde nickten 
lustig zu dem Geklingel der kleinen Glöckchen, 
und der aufsteigende Löwe, welcher vorn an dem 
Fuhrwerk angebracht war, machte einen gar 
gewaltigen Eindruck. Im Schlitten aber, in kostbare 
Pelze eingehüllt und halb verschneit, saß der General 
inspektor. Mit dem lauten Freudenruf: „Der 
Papa kommt!" eilte Ernst aus dem Zimmer 
und, ohne daß es jemand bemerkte, über den 
langen Gang der Treppe zu, schwang sich, wie er 
es schon häufig gethan hatte, auf das Geländer, 
um hinabrntjchend recht schnell unten anzukommen. 
Er bewahrte diesmal aber nicht die nöthige 
Vorsicht und stürzte kopfüber hinunter auf den 
Hausflur und zwar gerade auf das Kratzeisen, 
welches vor der Treppe angebracht war, sodaß 
der Gencralinspektor. als er nach der fröhlich 
verlebten Nacht in sein Haus trat, seinen ältesten 
Knaben blutend und bewußtlos zu seine» Füßen fand. 
Schweigend und selber blaß wie eine Leiche 
nahm er ihn auf den Arm und trug ihn hinauf. — 
Der Knabe schwebte lange zwischen Leben und 
Sterben, denn er hatte eine gefährliche Kopfwunde 
erhalten, aber er genas endlich. Das schreckliche
	        

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